Die Verschwörungs-Lobby und die Politik

Vor nichtmal einer Woche wurde auf der SkepKon die Brisanz von pseudomedizinischer Lobbyarbeit auf der einen und Leichtfertigkeit vieler Politiker auf der anderen Seite diskutiert. Doch dieses Problem besteht auch im Bezug auf andere Themen.

Das folgende Video stammt aus dem Youtube-Kanal von Werner Altnickel und zeigt den Europaabgeordneten von Bündnis 90 / Die Grünen Werner Schulz. Schulz hält hier eine Begrüßungsrede anlässlich einer durch die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” organisierten Veranstaltung in Räumlichkeiten des Europaparlaments.

Folgendes Zitat daraus interpretiert die Chemtrail-Szene als Bestätigung bereits laufender, geheimer und illegaler Massnahmen im Rahmen des Climate Engineering, wie es als Teil der Chemtrail-Verschwörungstheorie behauptet wird.

“…dieses Experiment, das ja bereits gestartet worden ist … es ist ja nicht nur, dass wir hier über Forschung reden sondern hier wird bereits angewendet, hier wird bereits ein Himmel in einer gewissen Weise bearbeitet. Es gibt eine Bürgerinitiative, die heißt ‘Sauberer Himmel’, die sich darum kümmert …”

Nun ja, diese Bürgerinitiative kümmert sich auch darum, die Öffentlichkeit darüber “aufzuklären”, dass es den industriell verursachten Klimawandel, mit dem Herr Schulz in eben dieser Rede argumentiert, gar nicht gibt. Mal abgesehen davon, dass “Sauberer Himmel” ein erstaunlicher Kooperationspartner für grüne Politik ist, verstrickt er sich  schon rein logisch mit dieser Aussage in einen Widerspruch.

Auch sonst wirft er damit einige Fragen auf:

  • Von welchen konkreten Anwendungen redet Herr Schulz da?
  • Auf welcher Grundlage finden diese statt?
  • Weshalb weiß die Öffentlichkeit nichts davon?
  • Und vor allem: Welche Belege kann Herr Schulz für diese Behauptung vorbringen?

Die Veranstalter – ausgewiesene Verfechter der “Chemtrail-Hypothese” – haben es offensichtlich versäumt, Herrn Schulz diese Fragen zu stellen. Das ist seltsam, denn ein Politiker, der “bereit ist, zu reden”, in einer öffentlichen Pressekonferenz wäre eine einzigartige Gelegenheit, endlich die lange behaupteten Fakten offen auf den Tisch zu legen. Und ihnen Überzeugungskraft zu verleihen.

Stattdessen beschränken sich die Chemtrail-Aktivisten darauf, diese vage und nicht weiter hinterfragte Formulierung, die ihren eigenen Standardfloskeln verdächtig ähnelt, als den nächsten ultimativen Beweis zu verbreiten.

Der Abgeordnete schweigt

Ich war so frei, meinerseits per eMail Antworten auf diese Fragen bei Herrn Schulz anzufragen. Bisher leider ohne Antwort. Auch andere Twitterer haben anscheinend keine Antwort auf ihre eMails bekommen. Auch auf seiner Homepage oder der seiner Partei konnte ich keine Hinweise auf diese Veranstaltung oder dieses Thema finden. Es entsteht der Eindruck, Herr Schulz möchte mit diesem Auftritt nicht mehr weiter in Zusammenhang gebracht werden.

Das wäre der mit Abstand schlimmste Umgang mit diesem Thema. Und zwar unabhängig davon, welchen konkreten Hintergrund die zitierte Aussage tatsächlich hatte. Nicht nur, weil man so über seine Beweggründe und auch die Glaubwürdigkeit seiner Aussage nur spekulieren kann. Aber tun wir dies vielleicht trotzdem als erstes. Ich kann mir allgemein gesprochen drei unterschiedliche Hintergründe vorstellen:

  1. Entweder weiss er etwas, was der Allgemeinheit verschwiegen wird.
  2. Oder er glaubt an eine Verschwörungstheorie.
  3. Oder er lässt sich aus Unbedarftheit für etwas einspannen, was nur vordergründig zu seinem eigentlichen und an sich respektablen Anliegen passt.
Keine der drei Möglichkeiten rückt Herrn Schulz in ein besonders gutes Licht.

Möglichkeit 1: Hintergrundwissen

Die vermeintlichen Beweise der Verschwörungstheoretiker sind schon oft genug geprüft und verworfen worden. Und es macht auch eigentlich wenig Sinn, die Ausführung von etwas geheim zu halten, was gleichzeitig offen als Konzept diskutiert wird. Aber prinzipiell kann man natürlich niemals ausschließen, dass es geheime Operationen gibt und dass Werner Schulz von diesen weiß.

Allerdings würde sein Verhalten vor diesem Hintergrund ebenfalls keinen Sinn ergeben. denn entweder will er dies ebenfalls geheim halten. Dann würde er es nicht sagen. schon gar nicht auf einer Pressekonferenz von Aktivisten, die sich genau dagegen wehren.

Oder er will sich am Engagement dagegen beteiligen. Dann wäre dieser Beitrag allerdings äußerst mager. Auf seiner Homepage ist nichts zum Thema zu finden. Er hat an anderer Stelle noch nie damit von sich reden gemacht. Auch hier belässt er es bei einer allgemeinen Andeutung anstatt die Fakten klipp und klar auf den Tisch zu legen und vor allem zu belegen.

Das ist wenig glaubwürdig. Mal ganz davon abgesehen, dass sein agieren dann auch ethisch nicht vertretbar wäre.

Möglichkeit 2: Werner Schulz als Verschwörungstheoretiker?

Auch das ist kaum glaubhaft, und zwar aus den gleichen Gründen. Auch wenn er nur fälschlicherweise von solchen Aktivitäten überzeugt wäre, wäre es weder glaubhaft noch redlich, dass er nur in dieser Pressekonferenz diesbezüglich aktiv wird.

Nun ja, vielleicht hat “Sauberer Himmel” bei ihm ja einen Nerv getroffen, der bei ihm einen Hang zum Verschwörungsdenken antriggert. Sicher wäre es keine besonders schöne Vorstellung, dass sich ein Mandatsträger in einer Demokratie zum Verschwörungstheoretiker entwickelt oder auch nur dazu neigt. Aber andererseits wäre er auch nicht der erste. Wenn Herr Schulz tatsächlich nichts mehr zu seinem Auftritt sagt, dann gilt es, zu beobachten, ob er sich mit weiteren fragwürdigen Äußerungen hervortut.

Ein paar Politiker mit abseitigen Ansichten kann eine Demokratie vertragen. Wesentlich ist nur, dass diese Ansichten dann auch auf ein entsprechend kritisches Echo stoßen.

Möglichkeit 3: Der verschwörungstheoretische Honigtopf

Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass Herrn Schulz hier passiert ist, was vielen Politikern passiert: Er hat sich von geschickter Lobbyarbeit einwickeln lassen.

Dass ein grüner Politiker Geoengineering-Konzepte kritisiert, ist naheliegend. Und wenn man die zitierte Äußerung wegläßt, dann vertritt er im Rest der Rede einen ganz normalen grünen Standpunkt. Dass eine Bürgerinitiative, die sich vordergründig in dieser Richtung zu engagieren scheint, ihm einen Floh ins Ohr gesetzt hat, wäre nicht gerade abwegig.

Aber akzeptabel wäre es auch nicht.

Geoengineering ist mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Und falls es sich jemals als diskussionsfähige Option erweisen sollte, sollte die Entscheidung, welche Folgen für welchen Nutzen in Kauf genommen werden, nicht allein von Politikern, Beamten und Wissenschaftlern getroffen werden. Werner Schulz hat vollkommen Recht, wenn er eine mündige Zivilgesellschaft fordert, die aktiv ihre demokratischen Rechte fordert. Deshalb ist es wichtig, diese Themen frühzeitig in eine öffentliche Diskussion zu bringen.

Aber genau deshalb sollte man Verschwörungstheoretikern und politischen Extremisten nicht die Gelegenheit bieten, sie für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Ein Chemtrail kommt selten allein

Es ist eine relativ neue Entwicklung, dass die Chemtrail-Verschwörungstheorie sich praktisch gleichbedeutend mit Geoengineering-Kritik präsentiert. Ja, dass man in letzter Zeit sogar in den Youtube-Videos beispielsweise der Neuschwabenland-Communities (ein rechtsextremes Netzwerk, das von der Existenz von Chemtrails überzeugt ist und enge Kontakte zu den Aktivisten-Gruppen auf diesem Gebiet pflegt) beobachten kann, dass Referenten, die “Chemtrails” sagen, zurechtgewiesen werden, weil das jetzt “Geoengineering” hieße. Früher wurde unterstellt, dass die Chemtrail-Verursacher bedeutend brutalere Ziele verfolgten. Das Spektrum ging von Wetterkrieg gegen Drittwelt-Staaten bis hin zu Bevölkerungsreduktionsprogrammen zur Sicherung der Weltherrschaft.

Hinter diesen Vorstellungen steht gewöhnlich mehr oder minder eindeutig und mehr oder minder offen der Glaube an eine zionistische Weltverschwörung. Und sie stammen aus dem Dunstkreis rechtsextremistischer Gruppierungen, die damit gezielt das Vertrauen in Demokratie und rechtsstaatliche Institutionen zu untergraben versuchen.

Was Ursache und was Wirkung ist, ist oft schwer festzustellen. Für die einen folgen Chemtrails, HAARP und viele andere Verschwörungstheorien, die gewöhnlich als Gesamtheit auftreten, direkt aus einer rechtsextremistischen Ideologie. Andere sind generell empfänglich für Verschwörungsdenken und verstricken sich dadurch nach und nach in rechtsextremes Gedankengut. Aber in irgendeiner Form treten Verschwörungstheorien sehr häufig gemeinsam mit extremistischen Tendenzen (nicht nur von rechts) auf. Und nicht selten werden sie von politisch radikalen Gruppen gezielt eingesetzt, um neue Mitglieder für ihre Ideologien empfänglich zu machen.

Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es noch eine weitere Verschwörungstheorie, die sozusagen als Komplementärhypothese unverzichtbar für die Chemtrail-VT ist – insbesondere wenn man diese als Geoengineering-Kritik verpackt: die “Klimalüge”.

Geoengineering undifferenziert zu verurteilen, funktioniert so richtig nur, wenn man das Problem, das es mindern soll, also den menschengemachten Klimawandel, leugnet. Insbesondere dann, wenn man Maßnahmen in dieser Richtung auch als unnötig und verbrecherisch darstellen will. Und den anthropogenen Einfluss auf das Weltklima leugnet “Sauberer Himmel” sehr eifrig. Schon deshalb sollte Herr Schulz sich einmal die Frage stellen, ob es nicht bessere Leute geben könnte, die sich um die an sich sicher gebotene Kritik an Geoengineering-Konzepten “kümmern” könnten.

Dieser Dinge sollte man sich bewusst sein, wenn man sich in eine Diskussion über Geoengineering und den Klimawandel einbringt. Denn diese Diskussion ist wichtig und wird vermutlich an Dynamik gewinnen. Für politische Extremisten aber auch für lobbygetriebene Klimawandel-Leugner ist es eine leichte Beute, ihre kruden Thesen einfach mit in diese Diskussion zu mischen. Die berechtigten Sorgen, die Geoengineering-Konzepte hervorrufen, spielen vor allem diesen Leuten in die Hände.

Deshalb ist es gerade auch im Interesse einer wirksamen Kritik am Geoengineering wichtig, sich von Verschwörungstheorien klar abzugrenzen.

Die politische Peinlichkeit

Werner Schulz hat das offenbar versäumt. Damit leistet er seinem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst. Und der Kollateralschaden, den er ganz nebenbei damit anrichtet, ist eine vermeintliche Glaubwürdigkeit für Verschwörungstheorien, die gezielt die demokratische Rechtsordnung angreifen. Die Glaubwürdigkeit einer angemessenen und sinnvollen Geoengineering-Kritik hat unter der Nähe zu den Verschwörungstheoretikern erheblich gelitten. Deren Reputation hat dafür einen erheblichen Schub erhalten.

Reife Leistung.

Dass es Herrn Schulz schwer fällt, im Nachhinein öffentlich zu diesem Auftritt Stellung zu beziehen, ist verständlich. Denn egal welcher der möglichen Hintergründe tatsächlich zutrifft – es war ein peinlicher Auftritt. Aber ihn totzuschweigen, ist der denkbar schlechteste Umgang damit. Denn das öffnet Spekulationen Tür und Tor. Es gibt den Verschwörungstheoretikern die Möglichkeit, dieses Video ausgiebig als “Beweis” für ihre Behauptungen auszuschlachten. Und das werden sie über Jahre hinaus tun, da sollte sich Herr Schulz keinen Illusionen hingeben. In der Szene kursieren Politiker-Zitate, die über zwanzig Jahre alt sind, als schlagender und brandaktueller “Beweis”.

Und im Kielwasser der Chemtrail-Verschwörungstheorie schwimmt noch viel mehr als nur eine Geoengineering-Kritik, die ein bisschen zu weit geht. Hierfür übernimmt Herr Schulz eine politische Mitverantwortung, wenn er Verschwörungstheoretikern diesen Trumpf in die Hand spielt, ohne zumindest nachträglich klar und deutlich zu widersprechen. Und wenn das – mal hypothetisch angenommen – tatsächlich seine Überzeugungen wären, wäre es genausowenig zu verantworten, angesichts dieser in Schweigen zu verfallen.

Schweigen wäre hier unredlich. Ein klares Bekenntnis zu einem Missgriff schadet vielleicht dem Politiker. Aber Schweigen schadet der Politik. Und damit der Demokratie.

Das gesellschaftliche Risiko

Dieser Vorfall zeigt, dass nicht nur die Pseudomedizin-Lobby sich eifrig um politische Protektion bemüht. Die Pseudomediziner sind vermutlich erfolgreicher und haben deshalb zu Recht die höhere Priorität. Aber auch Verschwörungstheoretiker gehen diesen Weg. Und sollten sie damit irgendwann auf breiterer Front erfolgreich sein, wären die Folgen nicht minder fatal.

Verschwörungstheorien sind ein Nährboden für politischen Extremismus. Nicht ohne Grund sind alle totalitären Systeme sehr weitgehend von Verschwörungsdenken getragen. Deshalb sollte es uns ein Anliegen sein, Politikern nicht nur hinsichtlich Wissenschaft und Gesundheitspolitik sondern auch hinsichtlich populärer Verschwörungstheorien Sorgfalt und kritisches Denken abzuverlangen. Denn wenn man Verschwörungstheorien konsequent zu Ende denkt, dann führen sie fast zwangsläufig zu extremistischen Positionen. Das einzige, was das verhindert, das einzige, was eine offensive Auseinandersetzung mit Verschwörungs-Behauptungen ohne ein Abdriften in abstruse Positionen zuverlässig verhindert, ist eine systematische Unterscheidung zwischen belegbaren Fakten und nicht überprüften Behauptungen.

Werner Schulz hat dabei versagt. Wenn zu viele Politiker dabei versagen, hat das normalerweise katastrophale Konsequenzen.

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Nanotechnologie – eine Schlüsselkompetenz für Mind-Control?

Ich hatte schon darüber geschrieben: Eins der Hauptprobleme für die Glaubwürdigkeit von Mind-Control-Verschwörungstheorien besteht darin, dass niemand erklären kann, wie diese Gedanken- oder Bewusstseinsbeeinflussung eigentlich funktionieren soll. Sendeanlagen wie HAARP oder der Radaranlage am Flughafen Tempelhof wird unterstellt, sie dienen der psychischen Beeinflussung der Bevölkerung. Aber aufgrund welcher Wechselwirkung eine Sendeanlage überhaupt Menschen beeinflussen können sollte, können selbst prominente Verschwörungstheoretiker, die sich “seit Jahren intensiv mit dem Thema befassen”, nicht erklären.

Der “Missing-Link”

Die meisten glauben, mit dem Begriff “Schwingungen” oder “Wellen” sei alles erklärt. Dass es etwas gibt, das “Gehirnwellen” heißt, reicht vielen, um anzunehmen, dass das Gehirn wie eine Art Radio funktioniert. Dass Alpha- oder Theta-Wellen eine irgendwie ganz besondere Bedeutung für “Bewusstseinszustände” haben sollen, schließt in der Logik der Verschwörungstheoretiker den Kreis. Wenn es so ist, dann muss man wohl nur noch die gewünschte (Des-)Information auf eine Alpha- (oder wahlweise Beta- oder Theta-) -Welle aufmodulieren, um sie ins Bewusstsein des Opfers zu pflanzen.

Dass die (unpräziserweise) so genannten “Hirnwellen” mit einer Empfängerfrequenz nicht das geringste zu tun haben, fällt in Konspirationisten-Kreisen niemandem auf. Dafür fehlt schlicht und einfach das Grundlagenwissen.

Letztlich zeigt das Beispiel Mind-Control mit HAARP nur eins: Verschwörungstheorien sind weit davon entfernt, eine naturwissenschaftlich valide Logik zu haben. Sie bestehen einfach aus einer Aneinanderreihung von Buzzwords, die populäre Ängste adressieren. Eine innere Folgerichtigkeit erreichen sie oft nur dadurch, dass aufgrund von Wissensmangel aus der Ähnlichkeit von Begriffen auf einen vermeintlichen Bedeutungszusammenhang geschlossen wird.

Eine tatsächlich schlüssige Hypothese oder gar Belege, die einer Überprüfung standhalten, haben die modernen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Mind-Control normalerweise nicht zu bieten. Und selbst der letzte Strohhalm aller Esoteriker wäre in diesem Fall mehr als dürr. Nichtmal das Scheinargument, man könne ja zumindest nichts ausschließen, hilft. Denn für eine Beeinflussung von Denkprozessen mit Hilfe elektromagnetischer Wellen fehlt schlicht und einfach eine physikalische Wechselwirkung. Da gibt es nichts auszuschließen.

Nanotechnologie als “Connecting Link”

Die Arbeit an diesem Problem der fehlenden Wechselwirkung spielt sich bei den meisten Verschwörungstheoretikern allein auf der Ebene der Sprache ab. In ellenlangen Abhandlungen wird auf der vordergründigen Ähnlichkeit der Frequenzen herumgeritten, um eine vermeintlich zwangsläufige Logik zu suggerieren. Zahllose falsch verwendete Fachtermini und falsch verstandene und aus dem Zusammenhang gerissene Beispiele von (in Wahrheit völlig anderen) Wirkzusammenhängen sollen Wissen und Sorgfalt belegen, demonstrieren bei näherer Betrachtung aber nur, dass die Autoren nichts davon auch nur ansatzweise verstanden haben. Letztlich kaschiert die Flut an ungenauen und vage passenden Informationen nur, dass sie die Frage nach der Wechselwirkung schlicht und einfach nicht beantworten können.

Doch manche manche Verschwörungstheoretiker bemühen sich um andere Erklärungsansätze. Ein Schlagwort, das zuweilen gern bemüht wird, ist “Nanotechnologie”.

Zunächst ist es nicht verwunderlich, dass auch diese ihren Weg in die kursierenden Verschwörungshypothesen findet. Ähnlich wie die Quantenmechanik wird sie einerseits von kaum jemandem verstanden und scheint andererseits alles möglich zu machen, was bisher als unmöglich galt. Und ähnlich wie Gentechnik oder eben Techniken der psychischen Beeinflussung scheint sie eine attraktive Projektionsfläche für allgemeine Ängste in Verbindung mit Überforderung durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt zu sein.

Doch kann Nanotechnologie tatsächlich die fehlende Wechselwirkung liefern? Schafft sie die Möglichkeiten, einzelne Personen oder gar ganze Bevölkerungsgruppen ohne direkte Interaktion und ohne deren Wissen fernzusteuern? Macht sie plötzlich möglich, was bisher nur absurde Spinnereien sind?

Naja, vielleicht irgendwann irgendwie. Die Frage ist so viel zu allgemein formuliert, um sie mit mehr als Allgemeinplätzen beantworten zu können. Einige spezielle Zweige der Nanotechnologie, namentlich die, die sich mit Nanomaschinen oder Nanobots beschäftigen, wären tatsächlich mit Risiken verbunden. Wenn sie denn prinzipiell in der Lage wären, funktionierende Methoden zu liefern. Die Diskussion, ob man auf einige davon nicht lieber verzichten sollte, gibt es durchaus zu Recht.

Wenn es um Verschwörungstheorien geht, stellen sich aber andere Fragen:

  1. Gibt es bereits funktionierende Nanobots oder andere nanotechnologische Methoden, mit denen eine gezielte psychische Beeinflussung möglich ist? Oder gibt es zumindest vielversprechende Forschungsansätze in dieser Richtung?
  2. Setzt irgendjemand diese Methoden ein oder plant zumindest deren Einsatz?

Soweit ich sehe, gibt es weder auf das eine noch das andere belastbare Hinweise. Es gibt – ganz wie bei den “Schwingungen” – nichtmal eine Erklärung, wie das eigentlich konkret funktionieren sollte. (Zumindest ist mir keine bekannt. Ich freue mich natürlich über Hinweise, falls es doch eine geben sollte.) Damit ist Mind-Control auch mit Nanotechnologie eine reine Spekulation, die sich vor allem in der Phantasie der Verschwörungstheoretiker abspielt.

Selbst eine hypothetische Diskussion über die prinzipielle Möglichkeit macht nur Sinn, wenn jemand erklärt, welche Methoden konkret zum Einsatz kommen sollten und wie sie funktionieren sollen. Wie dies im verschwörungstheoretischen Tagesgeschäft aussieht, sehen wir uns mal an einem Beispiel an.

Ein aktuelles Forschungsergebnis

Einer Pressemeldung zufolge haben Wissenschaftler an der State University of New York in Buffalo erfolgreich mit der Stimulation von Nervenzellen mit Hilfe von magnetischen Nanopartikeln und elektromagnetischen Feldern experimentiert. Die Partikel wurden im Experiment Würmern in der Umgebung ihrer Sinnesorgane (genauer gesagt derjenigen, die für Temperaturmessung zuständig sind) appliziert. Daraufhin reagierten die Würmer auf elektromagnetische Wechselfelder.

Gezeigt wurde dadurch, dass durch magnetische Nanopartikel, die durch ein elektromagnetisches Wechselfeld angeregt werden, Körperzellen in höheren Organismen gezielt stimuliert werden können.

Da die Partikel gut zwischen den Zellen diffundieren können, besteht eine hypothetische Anwendung darin, diese Partikel in größeren Körperbereichen zu verteilen und die Reaktion für bildgebende diagnostische Verfahren zu nutzen. Aber auch Manipulationen an einzelnen Zellen oder Proteinketten konnten der Meldung zufolge im Experiment durchgeführt werden.

Ein physikalischer Übertragungsweg für Information? Prinzipiell schon. Das heißt aber noch nicht, dass dieser auch nur hypothetisch für Gedanken- oder Bewusstseinsbeeinflussung brauchbar wäre.

Dieses Experiment erinnert stark an José Delgados berühmte Stimoceiver. Und man kann es auch tatsächlich als eine gedankliche Fortsetzung dieser Forschung ansehen. Während Delgado dem Patienten noch aufwendige Empfangs- und Übertragungsapparaturen ins Gehirn pflanzen musste, könnte man mit dieser Technik Funksignale direkt an ausgewählte Hirnzellen übermitteln und diese damit zum “feuern” anregen, wenn man sie nur mit den entsprechenden Nanopartikeln präpariert. (Mal angenommen, das Verfahren lässt sich so ohne weiteres auf Neuronen übertragen.)

Aber: Delgado konnte mit mehreren Elektroden und einer intelligenten Empfangselektronik immerhin mehrere Hirnareale unabhängig voneinander per Funk reizen und damit gewünschte Reaktionen provozieren. Eine Kontamination mit Nanopartikeln lässt diese Differenzierung dagegen nicht zu. Man könnte höchstens eins oder mehrere gezielt kontaminierte Neuronen gemeinsam anregen. Dies setzt aber eine Interaktion mit der einzelnen Zielperson voraus, um diese gezielte Kontaminierung durchzuführen.

Wenn man dagegen eine Kontaminierung in der breiten Masse durchführen will – wie zum Beispiel manche Teile der Chemtrail-Szene unterstellen – dann könnte man allenfalls eine mehr oder minder gleichmäßige Kontaminierung des gesamten Nervensystems erreichen. Das bietet Stoff für gruselige Science-Fiction-Geschichten, in denen feindliche Armeen oder revoltierende Horden per Knopfdruck ausgeschaltet werden. Aber in Sachen Gedankenkontrolle hilft es nicht viel weiter. Denkprozesse basieren auf der abgestimmten Aktivierung vieler aber ganz bestimmter Neuronen in komplexen Mustern. Und wie man dies mit einer solchen Technik hinbekommen soll, muss auch erstmal jemand erklären.

Würde man als Verschwörungstheoretiker in dieser Richtung denken, würden sich mal wieder mehr neue Fragen stellen als alte beantwortet würden.

Und wie Halbwissen daraus Blödsinn macht

Und jetzt nehmen wir uns die Pressemeldung nochmal vor, lesen sie ganz besonders ungenau und stellen uns vor, wir würden fest an eine Mind-Control-Verschwörung glauben und ganz verbissen nach jedem Beweis dafür suchen. Dann kommt am Ende wahrscheinlich mehr oder minder das raus, was ein offenbar amerikanischer Verschwörungstheorien-Blog daraus gemacht hat.

Dort wird aus besagter Pressemeldung zitiert:

Clusters of heated, magnetic nanoparticles targeted to cell membranes can remotely control ion channels, neurons and even animal behavior, according to a paper published by University at Buffalo physicists in Nature Nanotechnology.

Und dazu kommentiert:

Using nanoparticles to remotely control animal behavior?

It doesn’t take a doctorate to understand the implications of such a technology.

Okay, das mag ja sein. Aber trotzdem ist das einfach nur ein suggestiver Allgemeinplatz und nicht etwa eine konkrete Aussage oder gar eine Schlussfolgerung. Oder wird etwa erklärt, welche Implikationen das sein sollen?

Nein, stattdessen wird fröhlich drauf los spekuliert:

What if “nanobots” that had the capacity to control human minds were programmed to search out and attach themselves to key areas of the human brain?

Echt jetzt, das war die gesamte Schlussfolgerungskette. Das typische verschwörungstheoretische “mal angenommen…” – und weiter geht es ungebremst mit den üblichen vagen Gruselgeschichten über Nanobots. Dass diese eigentlich nur hypothetisch existieren, mit relativ großer Wahrscheinlichkeit praktisch nicht funktionieren würden und zudem nicht so einfach beliebig programmiert werden könnten, schon gar nicht um komplexe Aufgaben zielgerichtet im menschlichen Nervensystem zu erledigen, scheint dem Autor nicht bekannt zu sein oder zumindest nicht sonderlich zu irritieren.

Wer muss sich schon um Fakten scheren, wenn sich das Publikum mit einem simplen “what if…” beeindrucken lässt.

Aber das eigentlich verblüffende ist, dass Nanopartikel einfach mal so mit Nanobots gleichgesetzt werden. Spätestens daran zeigt sich, dass hier wirklich jedes Grundlagenwissen und jedes Verständnis für Zusammenhänge fehlt. Nanopartikel haben per se erstmal nichts mit Nanotechnologie zu tun. Von Nanotechnologie ist in der Pressemeldung nur die Rede weil Nanopartikel zum Einsatz kommen und deren spezielle Eigenschaften genutzt werden. Das heißt nicht, dass diese Partikel selbst wie technische Geräte funktionieren.

Nanopartikel sind einfach Partikel mit Abmessungen im Nanometerbereich. Die haben besondere Eigenschaften. Insbesondere die, dass ihre Eigenschaften stark von der genauen Größe abhängen. Unter Umständen sind sie Gegenstand nanotechnoligischer Bemühungen. (Die meisten Zweige der Nanotechnologie beschäftigen sich nicht mit Nanobots sondern lediglich mit gewöhnlichen Nanopartikeln oder mit Oberflächeneigenschaften im Nanometerbereich.)

Meistens kommen Nanopartikel aber ohne Zusammenhang mit Nanotechnologie vor. Speziell gilt das für die beiden Arten von Nanopartikeln, die das Leben sehr vieler Menschen besonders direkt beeinflussen. Erraten, welche ich meine? Es sind Nanopartikel, die tatsächlich einen negativen Einfluss auf die Gesundheit haben oder haben können. Wirklich viele Menschen müssen ernsthaft unter ihnen leiden. Sie sollen sogar für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein.

Ich rede von Blütenpollen und Zigarettenrauch.

Nanobots hingegen sind große Moleküle, die die Eigenschaft haben, andere Moleküle Atom für Atom in einer bestimmten Weise zu verändern. Und auf hypothetischer Ebene und im Sinne von ersten Versuchen wird auf diesem Gebiet tatsächlich geforscht. Aber Pollen, Rauchpartikel oder die magnetischen Partikel, die an der Universität von New York zum Einsatz kamen, haben damit nicht das allergeringste zu tun. Beides gleichzusetzen wäre ungefähr so als würde man eine Eisenstange mit einer Dampflokomotive verwechseln.

Eigentlich sollte spätestens hier klar sein, dass dieser Text nichts als Unfug liefern dürfte. Aber, wie heißt es eben dort so schön?

But it gets even worse.

Es folgen nämlich die üblichen Spekulationen:

Video game makers are busy developing games that you control not with a joystick or a gamepad but rather with your brain waves.  So could such a technology someday be used in reverse?

Das hatten wir neulich erst. Aus irgendeinem Grund wollen Verschwörungstheoretiker nicht verstehen, dass etwas, das in der einen Richtung funktioniert, nicht so ohne weiteres in der anderen Richtung funktionieren würde. Und auch auf rhetorischer Ebene: Suggestivfragen scheinen die einzige Art von Beleg zu sein, die dieser Autor kennt. Also sparen wir uns die Spekulationen über RFID-Chips und Barack Obamas Gesundheitsreform, die darauf folgt.

Und nu?

Nix neues. Wie es scheint, ist “Nanotechnologie” für Verschwörungstheoretiker nur ein weiteres Buzzword, um den Diskurs über Erklärungslücken in einen neuen Bereich, den wieder scheinbar niemand versteht und deshalb vermeintlich jeder glauben muss, zu verlagern.

Das ist albern.

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Sichere Zeichen

Wer anderen Scheuklappendenken, Verbohrtheit, Verlegungung der Realität oder gar bezahlte Propagandalügen unterstellt, sollte ja eigentlich in der Lage sein, auf kritische Fragen zu den eigenen Behauptungen plausible Antworten zu liefern.

Sollte.

Sauberer Himmel” behauptet zum soundsovielten Male, dass die in der Chemtrail-Szene sogenannten Achterschleifen ein eindeutiges Zeichen für Chemtrails seien. Freilich zum soundsovielten Male ohne auch nur die geringste Begründung, warum das eigentlich so sein sollte. Wenn den Chemmies daran gelegen ist, ernst genommen zu werden, dann sollten sie sich bemühen, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Wie funktioniert diese angebliche Sprühvariante eigentlich? Was genau führt dabei zu diesen seltsamen, schraubenwendelartigen Verdrehungen in den “Chemtrails”? (Das sollte schon etwas sein, was bei einem normalen Flugzeugtriebwerk nicht gegeben ist. Denn sonst hätte sich das mit dem “eindeutigen Zeichen” erledigt.)
  2. Warum wird diese angebliche Sprühvariante eigentlich eingesetzt? (Das muss schon triftige Gründe haben, wenn erfahrene Geheimdienste mit praktisch unbegrenzten Mitteln dafür in Kauf nehmen, dass deshalb jeder Schrebergärtner ein “sicheres Zeichen” für etwas streng geheimes mit bloßem Auge erkennen und mit seiner Smartphone-Kamera dokumentieren kann.)
  3. Was ist an der (allgemein bekannten) konventionellen Erklärung für diese Erscheinung falsch? (Da bin ich gespannt. Die ist nämlich allgemein anerkannt und physikalisch plausibel. Und sie müsste schon falsch sein. Denn wenn normale Flugzeuge auch solche Formen erzeugen könnten, wäre es ja kein “sicheres Zeichen” mehr, gelle?)

Das seltsame an Verschwörungstheoretikern ist, dass sie bei aller Mühe, die sie in die Untersuchung von Proben und in Formschreiben an Behörden investieren, sich nie die Mühe machen, solche Fragen einmal sauber und schlüssig zu beantworten. Und das ist ein sicheres Zeichen – wo wir schon dabei sind – für eine Verschwörungstheorie.

Warum? Ganz einfach, das genau ist der Punkt, in dem sich Verschwörungsdenken von systematischem, rationalen Denken unterscheidet. Rationales Denken würde bedeuten, dass man zunächst zu erklären versucht, wie das beobachtete zustande kommt. Und erst dann zieht es weiterreichende Schlussfolgerungen. Verschwörungsdenken dagegen deklariert alles, was der Verschwörungstheoretiker sich nicht erklären kann, zu einem “sicheren Zeichen” für die Verschwörungstheorie. Die angeblichen “Achterschleifen” (der korrekte Ausdruck ist Wirbelschleppen) werden als “sicheres Zeichen” für die Verschwörung gewertet, nicht obwohl sondern weil die Verschwörungstheoretiker die oben genannten Fragen nicht beantworten können. Da ist etwas, was ich mir nicht erklären kann. Also muss eine Verschwörung dahinter stecken – das ist ungefähr das Denkmuster eines Verschwörungstheoretikers.

In Wirklichkeit sind diese “Achterschleifen” lediglich ein sicheres Zeichen dafür, dass Verschwörungstheoretiker eine relativ einfache Erklärung für ein alltägliches Phänomen nicht verstehen oder einfach ignorieren.

Das alles ist aber nicht nur ein sicheres Zeichen für eine Verschwörungstheorie sondern auch dafür, dass es sich um eine besonders schwache handelt. Denn ein weiteres Merkmal von Verschwörungsdenken ist Immunisierung. Die meisten Verschwörungstheorien finden nach und nach zu kritischen Fragen, die sich derart aufdrängen, Antworten aus der Verschwörungstheorie heraus bzw. durch neue Verschwörungstheorien. Die Chemmies blenden sie einfach aus  - obwohl die Mär von den “Achterschleifen” und ihrer angeblichen Beweiskraft nun auch schon einige Jahre durch die Szene geistert.

Das ist das eigentlich armselige an der Chemtrail-VT.

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“Theaterwaffen” (Nachtrag)

Dominik Storr hat unlängst mit dem Begriff “Theaterwaffen” für Erheiterung gesorgt. Aber auch Verschwörungstheoretikern sagt man ohne gute Belege nur ungern nach, dass sie vollkommen wahllos Begriffe nachplappern, nur weil sie gerade passend klingen. Deshalb hat mich die Frage, was er damit wohl meint, nicht losgelassen.

Warum ich nicht gleich auf die Idee gekommen bin, einfach mal beim Sauberen Himmel die Suchfunktion auf den Begriff “Theater” anzuschmeissen, weiss ich auch nicht.

Denn tut man dies, landet man postwendend auf einer Infoseite, auf der der Space Preservation Act zitiert wird. Mit genau der Liste, die Storr fast wörtlich im Radio wiedergegeben hat. Darunter heißt es im englischen Original:

(vi) strategic, theater, tactical, or extraterrestrial weapons; and …

Und in der – anscheinend hausgemachten – deutschen Übersetzung wird daraus:

(vi) strategische Waffen, Theaterwaffen, taktische Waffen oder Weltraumwaffen; und …

Nun, offensichtlich vertraut hier jemand auf die Macht der wörtlichen Übersetzung. Aber das wirft die Frage auf, ob es den Begriff “theater weapon” im Englischen tatsächlich gibt und was er bedeutet.

Mit etwas googlen oder dem englischen Wikipedia ist man dann schnell bei “Theater missile defense“. Und wie es aussieht, ist das des Rätsels Lösung.

Der (englische) Terminus “theater” oder “theatre” bedeutet im militärischen Kontext so viel wie “Einsatzgebiet”. Dies bezeichnet im Zusammenhang mit ballistischen Atomwaffen das “gesamte Gebiet der militärischen Operation, typischerweise mehrere hundert Kilometer” (“the entire localized region for military operations, typically a radius of several hundred kilometers”).

“Theater Missile Defense” ist damit die mittlere der drei Kategorien ballistischer Raketenwaffen:

  1. Strategic Missile Defense (Strategische Interkontinentalraketen)
  2. Theater Missile Defense (Mittelstreckenraketen)
  3. Tactical Missile Defense (Taktische Kurzstreckenraketen)

Die richtige Übersetzung wäre also “Mittelstreckenwaffen” gewesen, nicht “Theaterwaffen”.

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Psychotronische Kriegsführung – wie elektromagnetische Wellen (angeblich) das Gehirn beeinflussen

Zombiewaffen machen Menschen zu willenlosen Marionetten. Mikrowellenwaffen grillen sie bei lebendigem Leibe. Elektromagnetische Wunderwaffen gehören zu den gruseligsten Verschwörungstheorien. Und zu den abstoßendsten. Sie unterstellen dem Staat menschenverachtende Absichten, sind durchsetzt von antisemitischen Vorurteilen und finden besonderen Zuspruch unter Rechtsextremisten. Die Vorstellung, etwas wahres könnte daran sein, ist verstörend. Aber ist es das? Der Bayrische Rundfunk hat sich diese Frage einmal zu wenig gestellt.

Weltuntergangspornographie im bajuwarischen Höllenfunk

Die Lust, sich an Weltuntergangsszenarien zu ergötzen, ist nicht nur ein esoterischer Spleen sondern auch eine bedeutende christliche Tradition. So blieb es nicht aus, dass die Lücke im schaurig-spirituellen Unterhaltungsprogramm, die das Jahr 2012 hinterlassen hatte, schon bald wieder von christlichen Apokalyptikern gefüllt wurde.

Die Sendung „Katholische Welt“ auf Bayern 2 widmete sich am Sonntag dem 13. Januar dem Thema „Kriegswaffe Erde“. Durchsetzt mit moralistischen Leerphrasen wie „Wissenschaftler, die Schöpfer spielen wollen“ oder „das Leben wird als Waffe missbraucht“ wurde ein Schreckensszenario entworfen, in dem Generäle auf Knopfdruck Dürren, Sintfluten oder bei Bedarf auch Erdbeben auslösen können. Natürlich sahen die BR2-Redakteure darin die Vorboten der Apokalypse. Die haben zu allen Zeiten Menschen in den jeweils aktuellen Bedrohungen gesehen. Und natürlich war der rote Faden der Sendung die Apokalypse des Johannes. Die passt immer.

Aber existieren diese Bedrohungen überhaupt?

Auch wenn man im religiösen Hörfunk sicher keine profunde Analyse über Waffentechnik und Rüstungspolitik erwartet, sollte man sich diese Frage schonmal stellen. Zumal wenn ein gebührenfinanzierter Radiosender damit das Christentum als moralischen Kompass für beängstigende Zeiten verkaufen will.

Das Waffenarsenal des Dominik Storr

Zu Gast war „Friedensaktivist“ Dominik Storr. Der ist Gründer der Bürgerinitiative „Sauberer Himmel“ und engagiert sich gegen die sogenannten Chemtrails. Damit hängt er einer ziemlich aberwitzigen Verschwörungstheorie an. Und sein Statement dazu ging bei BR2 kritiklos über den Äther. Aber auch zu Klima- und Erdbebenwaffen hatte er auf BR2 etwas zu sagen:

Die Wissenschaft ist ja nicht bei der Atombombe stehen geblieben, sondern hat seit dem 2. Weltkrieg natürlich auch die Techniken weiter erforscht um Waffen zu entwickeln: Elektronische Waffen, psychotronische Waffen, Informationswaffen, UNF-Hochgeschwindigkeitswaffen, Plasmawaffen, elektromagnetische, akustische Waffen, dann Ultraschallwaffen, Laserwaffen, strategische Waffen, Theaterwaffen, taktische Waffen oder Weltraumwaffen, Umweltwaffen, Klimawaffen und tektonische Waffen. Also gerade die Umwelt und Klimawaffen sind technische Maßnahmen, mit denen eben unmittelbar Einfluss auf die Umwelt genommen werden kann.

Theaterwaffen?

Ehrlich gesagt weiss ich nicht, was das sein soll. Und wie es scheint, ist auch der Debunker-Szene dieser Begriff völlig neu. Normalerweise versteht man unter Theaterwaffen stumpfe Säbel und Karabiner ohne Schlagbolzen für Theateraufführungen. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ein ernstzunehmender Radiosender das in einer Liste hochmoderner Gruselwaffen durchgehen lässt. Vielleicht gibt es da ja wirklich etwas spektakuläres. Und die Redaktion weiss auch sicher ganz genau, was das sein soll. Auch wenn eine Twitter-Anfrage leider keine konkrete Antwort ergab.

Auch beim Thema künstliche Stürme und Erdbeben drängen sich mir die beiden entscheidenden Fragen, die die Verschwörungstheoretiker hartnäckig unbeantwortet lassen, auf:

  1. Wo kommt die Energie her?
  2. Über welche physikalische Wechselwirkung soll das eigentlich funktionieren?

Viele Leute behaupten, dass HAARP oder ähnliche Anlagen Erdbeben auslösen können, als wäre das ganz selbstverständlich. Aber keiner kann diese Fragen so richtig überzeugend beantworten. Vor diesem Hintergrund wundert es mich, dass der Bayrische Rundfunk Storrs Aussage einfach so hinnimmt.

Aber heute sind mal die psychotronischen Waffen dran. Auch deren Existenz wird in gewissen Kreisen ständig behauptet. Und auch da stellt sich die Frage, was das eigentlich sein soll und wie es funktionieren soll.

Dies und das aus der Welt der Psychotronik

Psychotronik ist offensichtlich eine Wortschöpfung aus „Psyche“ und „Eleketronik“. Dahinter steht die Vorstellung, dass Denken eine Informationsverarbeitung in einem bioelektronischen System ist. Und dass es sich entsprechend mit geeigneten Mitteln beeinflussen lässt. Eine zentrale Rolle spielen dabei offensichtlich sogenannte „Gehirnwellen“. Denn wenn das Gehirn mit elektromagnetischen Wellen funktioniert, dann muss es sich auch durch elektromagnetische Wellen beeinflussen lassen. Psychotronische Waffen sollen Gedanken, Wünsche, Entscheidungen mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen beeinflussen können.

Zumindest ist das – grob zusammengefasst – die Vorstellung, die ich aus dem Wust der vagen Behauptungen und ausweichenden Antworten herausfiltern kann. Denn natürlich gibt es keine klaren, konkreten Hypothesen sondern nur das übliche Potpourri aus vagen und mit Suggestivargumenten gespickten Spekulationen. Und es ist eine Heidenarbeit, daraus die überprüfbaren Fakten rauszufiltern.

Die folgenden Beispiele verdeutlichen vielleicht, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzlesteinen man die Realität der Verschwörungstheoretiker zusammensetzen muss, um dahinter zu kommen, was eigentlich genau behauptet wird und mit welcher Begründung.

Telepathische Helferlein – das friedliche Pendant zu psychotronischen Waffen

Die Vorstellung, das Gehirn liesse sich mit Wellen beeinflussen, kommt nicht nur im Zusammenhang mit Wunderwaffen vor. Sie steckt auch hinter manchen esoterischen Wundergeräten. Und sie prägt zuweilen auch die Vorstellung der immer noch von einigen gesuchten Aussersinnlichen Wahrnehmung.

Unterhaltungen mit dem EEG

Telepolis spricht vollmundig von künstlicher Telepathie in einem Artikel über ein Forschungsprojekt der U. S. Army. An reisserischen Formulierungen wird nicht gespart. Von militärischer Überlegenheit ist die Rede. Und von einem Forschungsauftrag, „bei dem es letztlich darum geht, die Gedanken von Menschen lesen zu können“.

Solche Artikel werden dann gern als Beweise unter Verschwörungstheoretikern herumgereicht. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der Telepolis-Autor hier schon den ersten Schritt zu einem Arsenal von Gedankenwaffen vermutet.

Dass der Online-Boulevardpresse damit dann doch die Phantasie ein bisschen durchgegangen ist, merkt man schon, wenn man den Artikel einfach zuende liest. Nüchtern betrachtet geht es um eine Weiterentwicklung des EEG, aus dem mit einer Spezialsoftware Sprachmuster in der Gehirnaktivität herausgefiltert werden. Das soll dazu dienen, Patienten, die die Sprachfähigkeit verloren haben, wieder eine Kommunikationsmöglichkeit zu schaffen. Dafür müssen allerdings Sensoren direkt auf der Kopfhaut des Patienten oder sogar im Innern seines Gehirns platziert werden. Außerdem muss er speziell dafür trainiert werden. Und er muss es dann auch wollen, wenn ausgelesen werden soll. Von einem heimlichen Gedankenlesen kann also keine Rede sein. Und von Telepathie schon gar nicht.

Wie so oft ist die echte Wissenschaft so spektakulär und mitreissend, dass es eigentlich gar nicht nötig ist, irgendeinen Blödsinn drumrum zu erfinden.

Schöner lernen mit Alphawellen

Aber wie sieht es in umgekehrter Richtung aus, wenn man Gehirnwellen benutzen will, um Informationen von aussen direkt ins Gehirn zu bekommen? Auch hierfür hat die Esoterik- Industrie jede Menge Antworten.

Auf einer Business-Networking-Veranstaltung präsentierte mir einmal ein stolzer Wiederverkäufer ein Gerät, mit dem man buchstäblich im Schlaf lernen können sollte. Es handelte sich dabei um ein dunkles Kästchen mit Batteriebetrieb. Im Grunde war es ein tragbarer Kassettenrecorder, an dem statt Kopfhörern Elektroden angeschlossen waren. Diese sollten das Lernwissen aus geeigneten Lernkassetten über die Haut ins Nervensystem einspeisen.

Der Händler erklärte mir, dass dies mit Alphawellen funktioniere. Der Alphazustand sei nämlich ein Zustand entspannter Aufmerksamkeit.

Das wollte in meinen Augen nicht so recht einen Sinn ergeben. So bohrte ich weiter. Allerdings gab er sehr bald zu, dass er das Funktionsprinzip nicht so richtig verstanden hatte, beteuerte aber, dass er selbst beeindruckende Erfolge damit erzielt habe.

Die physikalische Erklärung habe ich ihm eher in den Mund gelegt. Aber schließlich einigten wir uns darauf, dass die Elektroden wohl mechanische Wellen in der Alphafrequenz auf die Haut übertragen müssten. Auf diese Alphafrequenz dürfte nun die zu verarbeitende Information aufmoduliert werden. Und irgendwie dürfte das dann vom Nervensystem aufgenommen werden. Oder so.

Naja, so richtig überzeugend ist das nicht.

Ein bisschen mehr Mühe gibt sich da ein Online-Händler für Lernmusik. Die soll einfach über ein normales Stereo-Abspielgerät und einen Kopfhörer konsumiert werden können. Und auch die kommt als Alphawelle daher.

Der Anbieter erklärt auf seiner Homepage den Kunstgriff, den er gefunden haben will, um das zentrale Dilemma des Alphawellen-Lernens zu lösen. Denn einerseits geht er davon aus, dass man Information mit Alphawellen transportieren muss, um optimal zu lernen. Andererseits sind Alphawellen zu langwellig, um sie hören zu können. Um nun einen Alphawellen-Audiokurs darreichen zu können, wendet er einen Trick an: Jedes Ohr beschallt er mit einer Welle im Alphabereich. Beide haben aber nicht die gleiche sondern leicht unterschiedliche Wellenlängen. Die Wellenlängen sind so gewählt, dass sie in Superposition einen hörbaren Ton ergeben würden.

Nun sagt der Anbieter, dass die beiden Alphawellen im Zentrum des Gehirns zu einem nicht hörbaren aber dennoch irgendwie wahrnehmbaren Ton verschmelzen würden. (Wohlgemerkt: Jedes Ohr erhält nur einen unhörbaren Alphaton.) So würden die Wellen aus dem Audiokurs zwar das Gehirn in den Alphazustand versetzen, weil sie ja Alphawellen sind. Aber sie würden trotzdem Information übertragen, weil sie ja zusammen einen hörbaren Ton ergeben.

Nun ja, offenbar hat auch dieser Anbieter nicht so richtig verstanden, wie Gehör und Gehirn funktionieren. Und folglich hat er auch keine Antwort darauf, wie man mit Gehirnwellen Informationen ins Gehirn übertragen kann. Aber dass das geht, glaubt nicht nur er. Und irgendwoher muss diese Vorstellung ja kommen.

Zombiewaffen und Mind Control mit Gehirnwellen

Die Vorstellung, dass man mit Gehirnwellen das Gehirn beeinflussen kann, prägt auch das Thema Mind Control. Und hier wird es richtig gruselig.

Heimtükische Anschläge mit Strahlenwaffen?

Beim Verlassen einer verschwörungstheoretischen Vortragsveranstaltung drückte mir ein freundlicher Mann ein Flugblatt in die Hand. Er fragte mich, ob ich Interesse an dem Thema Mikrowellenwaffen habe; das habe ja schließlich auch irgendwie mit HAARP zu tun. Allerdings hatte ich das. Und so kamen wir ins Gespräch.

Bei ihm ging es um Mikrowellenwaffen kurzer Reichweite.

Manchmal wird berichtet von tragbaren Mikrowellensendern, die als Waffe oder Folterinstrument gezielt gegen einzelne Personen eingesetzt werden können, ohne dass diese das überhaupt merken. Sie arbeiten geräuschlos und sogar durch Wände hindurch. Je nach Frequenz und Modulation können sie ganz unterschiedliche Beschwerden verursachen – Nervosität, Schlaflosigkeit, diffuse Schmerzen und sogar Krebs – die man erst nach und nach bemerke. Die ahnungslosen Opfer kommen nur selten überhaupt auf die Idee, Opfer von Anschlägen zu sein.

Die Täter und ihre Motive liegen vollkommen im Dunkeln. Von heimtückischen Nachbarn bis zu großangelegten Geheimdienstoperationen kursiert so ziemlich alles als Gerücht. Doch noch nie konnten die Täter wirklich enttarnt oder dingfest gemacht werden.

Es gab auch schonmal einen Tatort zu diesem Thema.

Der Flugblattverteiler erklärte mir, dass er ein Opfer dieser hinterhältigen Waffen sei. Als Experte wollte er sich nicht bezeichnen. Dennoch erklärte er sich zunächst bereit, mir die Funktionsweise dieser geheimnisvollen Mikrowellenwaffen zu erklären. Er erläuterte mir, dass auf „bestimmte Frequenzen“ Information „aufmoduliert“ werde. So gelangen diese in das Nervensystem – mit den unterschiedlichsten Folgen. Meine Frage, über welche Wechselwirkung diese Information denn ins Nervensystem übertragen werde, konnte er nicht beantworten. Anscheinend konnte er mit dem Begriff „physikalische Wechselwirkung“ nichts anfangen. Er wollte ihn aber auch nicht von mir erklärt haben. Er wollte sich lieber aufs Verteilen von Flugblättern konzentrieren. Aber er betonte nochmal, dass Mikrowellen nicht nur eine thermische sondern auch eine „athermische“ Wirkung hätten.

Was das für eine „athermische“ Wirkung sei, konnte er mir nicht erklären.

Furchteinflössende Superwaffen für neue Weltkriege?

Eiskalt den Rücken herunter läuft es einem, wenn man die Internetseiten des „Verein gegen den Missbrauch psychophysischer Waffen e.V.“ besucht. Auch der informiert über Mikrowellenwaffen in der Nachbarschaft. „Bürger werden wortwörtlich aus ihren Wohnungen durch die technischen Geräte ausgeräuchert. Die Strahlenquellen befinden sich in den Nachbarräumen von Mehrfamilienhäusern, auf den oberen Stockwerken oder in gegenüberliegenden Gebäuden.“

Und er liefert auch endlich mal so etwas wie eine Definition von psychotronischen Waffen:

Psychophysische Waffen sind die Waffen, die auf den Organismus und die Psyche des Menschen einwirken und die Gedanken, Gefühle und das Verhalten der Menschen ändern können.

Okay. Aber wer kann das, und wie? Im Fokus des Vereins stehen offenbar angebliche Forschungsaktivitäten in Russland. Als Beleg dienen Zitate von Vladimir Putin ohne Quellenangabe und ein Buch eines russischen Wissenschaftlers, von dem man noch nie etwas gehört hat und dessen Name auch bei Google ausschließlich auf Verschwörungsseiten zum Thema Mind Control und psychotronische Waffen führt. Das ist alles äußerst nebulös.

Auf der Unterseite über Mind Control ist zwar ständig von psychischer Beeinflussung mit elektromagnetischen Strahlen die Rede. Aber alles, was an konkreter und greifbarer Information zu finden ist, bezieht sich auf MKULTRA und seine Vorläuferprojekte. Die waren zwar auch furchteinflössend. Aber sie beschäftigten sich mit psychischer Beeinflussung durch Drogen, Psychoterror und physischer Folter. Mit elektromagnetischer Mind Control hatten sie nichts zu tun.

Ansonsten gibt es jede Menge Informationen über Waffen auf Ultraschall- und elektromagnetischer Basis, die aber rein physiologische Verletzungen verursachen sollen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Eindruck, das ist alles einfach ein etwas seltsamer Syllogismus:

  1. Ich habe gehört, dass psychotronische Waffen auf elektromagnetischer Basis Gedanken beeinflussen können.
  2. Bei anderen Methoden der psychischen Beeinflussung kann ich nachweisen, dass erfolgreich daran geforscht wurde.
  3. Also habe ich nachgewiesen, dass auch an elektromagnetischen Psychowaffen erfolgreich geforscht wird.

Dabei geht so ein bisschen unter, dass man ja aus Erfolg mit erklärbaren, nachgewiesenen und hinlänglich bekannten Wirkmechanismen nicht auf hypothetischen Erfolg mit unbekannten, unerklärten und noch nichtmal so richtig definierten Wirkmechnismen schließen kann.

Aber die Suche geht ja noch weiter.

Systematische Mind-Control-Forschung?

Eine andere Initiative, die mit ausführlichen Informationen auf ihrer Homepage glänzt, ist e-waffen.de. Allerdings macht schon der Begrüssungstext stutzig:

Elektromagnetische Waffen sind Waffen die mit elektromagnetischen Wellen arbeiten. Dazu zählen u.a. Mikrowellen, Ultraschall, Infraschall, Laser und Infrarot.

Äh … nein.

Schall ist eine mechanische Welle, keine elektromagnetische. Das ist also offenkundiger Unfug.

Natürlich werden auch akustische Waffen behauptet. Erich von Däniken hat schon spekuliert, dass die Ausserirdischen die Mauern von Jericho mit Schallwellen eingerissen haben könnten. Und angeblich wird auch Ultraschall als nichttödliche Waffe gegen Piraten eingesetzt. Und ich glaube ja gern, dass auch Schallwafen ein gruseliger Mythos sind, der durch die Verschwörungstheorien geistert. Aber das ändert nichts daran, dass diese Aussage schlicht und einfach sachlich falsch ist.

Soll ich Leute ernst nehmen, die die Existenz von physikalisch nicht erklärbaren Waffen behaupten und dann solche Fehler machen? Soll ich auf einer solchen Seite ernsthaft zuverlässige Detailinformation erwarten?

Naja, schauen wir mal weiter.

Die Liste der gesundheitlichen Wirkungen liest sich wie ein Katalog aller denkbaren diffusen Beschwerden und Zipperlein. Sie passt nicht so richtig zu den Verletzungen, die man von Verbrennungen durch Mikrowellen erwarten würde. Dafür passt sie aber sehr gut zu psychosomatischen Beschwerden und zu physischen Beschwerden, deren Ursachen schwer festzustellen sind – Müdigkeit, Schlaflosigkeit, diffuse und unerklärbare Schmerzen. Außerdem sollen sich elektrische Geräte aus- und wieder einschalten. Anders formuliert haben diese Mikrowellenwaffen eine breite Auswahl von Wirkungen, die eigentlich nur eine Gemeinsamkeit haben: dass sie sich nicht so recht belegen lassen. Das ist verdächtig.

Und bevor es irgendeiner im Kommentarbereich hinterlässt: Ja, ich weiss. Das ist gerade der Trick. Diese Waffen sollen ja gerade schädigen, ohne Beweise zu hinterlassen. Aber das ist nichts weiter als eine altbekannte Immunisierungsstrategie. Also halten wir uns lieber an überprüfbare Fakten.

Davon findet sich nämlich dann doch einiges auf der Unterseite über Mind Control. Zumindest ein historischer Überblick. MKULTRA. Klar. Hatten wir schon.

Interessanter ist der Teil über José Delgado. Delgado war ein Pionier auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Berühmt wurde er durch Experimente mit Versuchstieren und später auch Versuchspersonen. Diesen pflanzte er Sonden ins Gehirn. Darüber stimulierte er gezielt bestimmte Gehirnregionen mit Stromstößen oder Medikamenten. Dadurch konnte er alle möglichen Empfindungen hervorrufen oder auch Versuchspersonen zu Handlungen, auch gegen deren Willen, veranlassen.

Über ein neurales Feedback, also durch das Auslösen angenehmer Emotionen bei erwünschten und unangenehmer bei unerwünschten Handlungen konnte er sogar das Verhalten von Versuchstieren nachhaltig beeinflussen. Delgado konnte nachweisen, dass Affen, die einer solchen Behandlung unterzogen wurden, ihr aggressives Verhalten nicht nur ablegten sondern dass ihre Gehirne auch die Aktivierungsmuster, die mit diesem Verhalten einhergingen bedeutend seltener produzierten.

Das ist spannend. Und man kann das ohne weiteres Mind Control nennen. Nur funktioniert es mit Stromstößen oder Medikamenteninjektionen im Gehirn. Mit elektromagnetischen Wellen, die Information ins Nervensystem übertragen, hat das wenig zu tun.

Das ist das, was über Delgados Lebenswerk allgemein bekannt ist. So weit lässt es sich unter anderem auch in einem biographischen Artikel des Scientific American nachlesen. Aber e- waffen.de schlägt die Brücke zu psychotronischen Waffen auf Mikrowellenbasis. In den 1980er Jahren soll Delgado herausgefunden haben, dass „kein physikalischer Kontakt notwendig ist“, um „durch die Veränderung der Frequenz, Pulsrate und Wellenform das Denken und den emotionalen Zustand“ von Versuchspersonen zu verändern.

Was diese beiden Passagen genau heissen sollen, ist nicht so recht klar. Bei e-waffen.de ist offenbar gemeint, dass Delgado den Sprung von der Nervenstimulation mit Stromstößen zur Stimulation mit Mikrowellen geschafft hat. Doch dafür gibt es keine Quellen. Zumindest gibt e- waffen.de keine an. Und Scientific American erwähnt diese Entdeckung, die eigentlich sensationell wäre, nicht. Was Scientific American ausführlich abhandelt sind die von Delgado erfundenen und von ihm so genannten Stimoceiver. Dabei handelt es sich um konventionelle Elektroden, die mit mobilen Funkempfängern oder Minicomputern verbunden sind. Dadurch konnte Delgado Versuchstiere und -personen Langzeitexperimenten unterziehen, ohne sie in ihrer Mobilität einzuschränken. Das kann man natürlich als „Funkfernsteuerung“ für Lebewesen ansehen. Aber die Informationsübertragung ins Gehirn funktioniert auch dabei über Stromstöße. Lediglich die Steuereinheit wird über Funk gesteuert.

Delgado hat in späteren Zeiten auch recht sonderbare Zukunftsvisionen von einer „psychocivillized society“ entwickelt. Problematische Verhaltensmuster sollten darin für eine bessere Welt generell künstlich unterdrückt werden. Das ist in der Tat gruselig. Aber selbst in Delgados Phantasie basierte das immer noch auf seinen Stimoceivern, deren Elektroden ins Gehirn implantiert werden mussten. Über Fernkontrolle ohne künstliche Empfangseinheit, mit dem Gehirn selbst als Empfänger hat er also anscheinend nichtmal nachgedacht.

Das sieht alles eher so aus als hätte der Autor von e-waffen.de da etwas gründlich missverstanden.

Und natürlich HAARP

HAARP darf natürlich in keiner Liste von Gruselwaffen fehlen. Zum Glück haben schon genug andere ausführlich darüber geschrieben. (Empfehlenswert sind zum Beispiel Florian Freistetters Artikel auf Astrodictum Simplex.) Daher muss ich mich nicht darüber auslassen. Nur so viel, dass auch die Anti-HAARP-Aktivisten sich notorisch davor drücken, die entscheidenden Fragen zu beantworten:

  • Über welche physikalische Wechselwirkung soll das eigentlich funktionieren – seien es nun künstliche Erdbeben oder Mind-Control.
  • Welche belastbaren Belege gibt es dafür, dass HAARP sowas überhaupt können soll?
  • Woher soll die Energie dafür (speziell bei künstlichen Erdbeben) kommen?

Fazit

Man kann dieses Spielchen immer weiter treiben. Aber letztlich bleibt jede Recherche und jede Diskussion immer bei den entscheidenden Fragen stehen:

  1. Wie sollen psychotronische Waffen überhaupt funktionieren?
  2. Wo sind die stichhaltigen Belege für ihre Existenz?

Die Antwort darauf liegt dann immer noch in den anderen Youtube-Videos, die man noch nicht gesehen hat. Egal wie viele man schon gesehen hat. Oder aber es wollte niemand behaupten, dass er etwas beweisen könne. Man wolle ja nur darauf aufmerksam machen, dass da etwas nicht stimme. Das sind klare Kennzeichen einer Verschwörungstheorie. Und eigentlich ist das Thema damit erledigt.

Aber beim Thema psychotronische Waffen ist es ein bisschen unbefriedigend, es damit abzuhaken. Denn es bleibt noch die hypothetische Möglichkeit. Und die ist bereits beunruhigend genug. Uns quält also immer noch die Frage, ob unser Gehirn so leicht zu beeinflussen ist, dass Finsterlinge es mit elektromagnetischen Wellen fernsteuern können? Oder zumindest beeinflussen? Vielleicht um Massenpsychosen auszulösen, indem sie verwirrende Information auf der Frequenz der Alphawelle funken? Sind Entwicklungen in manchen „Schurkenstaaten“, die uns irrwitzig anmuten, vielleicht bereits das Ergebnis von HAARP-Einsätzen? Müssen wir damit rechnen, dass uns selbst demnächst ähnliches blüht?

Begründeter Verdacht?

Fassen wir doch mal zusammen, was in diesem halbgaren Wust aus Ungenauigkeiten, Fehlinterpretationen und wilden Behauptungen an tatsächlicher Argumentation übrigbleibt.

Argument 1: Die Welt ist voller Machtbesessener

Wie allen Verschwörungstheorien liegt auch den psychotronischen Waffen ein verschwörungstheoretisches Weltbild zu Grunde. Dieses lässt prinzipiell alle hypothetischen Wunderwaffen glaubwürdig und wahrscheinlich erscheinen. Und es passt nebenbei auch wunderbar zu einem apokalyptischen Weltbild. So ist wohl auch zu erklären, dass die Apokalyptiker von Bayern 2 das Thema so dankbar und kritiklos aufgenommen haben.

Das verschwörungstheoretische Weltbild hat zwei wesentliche Komponenten: Erstens sind Regierungen korrupt, staatliche Institutionen skrupellos, Konzerne gierig und einflussreich. Und alles ist durchsetzt von Komplotten und unterwandert von mächtigen Schattenorganisationen. Die Bandbreite reicht von gemässigten Vorstellungen, in denen gewöhnliche Amigo-Systeme zwischen Bankiers und Ministern letztlich immer das letzte Wort haben, bis hin zu handfesten Weltverschwörungsphantasien, in denen jeder Lebensbereich von Bilderbergern, Illuminaten oder der CIA beherrscht wird. Oder auch von den Rothschilds oder den Zionisten – womit wir dann bei den antisemitischen Verschwörungstheorien sind, die erschreckend oft hinter gutmütig-bodenständig daherkommenden Chemtrail-Protesten oder Wunderwaffentheorien stecken.

Zweitens sind diese Weltverschwörer aber nicht nur unbegrenzt gierig und skrupellos. Sie haben auch unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Wer die Welt beherrscht, der kann auch psychotronische Waffen bauen. Naturgesetze sind da zweitrangig. Auch wenn man selbst nicht so recht erklären kann, wie es funktioniert. Die Verschwörer oder ihre Handlanger wissen es ganz sicher.

Dieses allgemeine Verschwörungsdenken ist die implizite Grundlage, auf der empfängliche Menschen den Glauben an psychotronische Waffen übernehmen. Aber es ist auch häufig ein explizites Argument. Wenn man konkret fragt, wie Mind Control oder Erdbebenwaffen denn funktionieren sollen, kriegt man tatsächlich oft MKULTRA oder die Landung in der Schweinebucht oder sonst irgendein Beispiel für fragwürdige CIA-Operationen um die Ohren geschlagen. Zu erklären, inwiefern das die Frage beantwortet, halten Verschwörungstheoretiker meistens gar nicht für nötig.

Argument 2: Psychotronische Waffen bringen Macht

Warum die Mächtigen so viel Energie auf die Entwicklung psychotronischer Waffen investieren sollten, ist eigentlich klar. Denn damit erschließen sie sich eine ganz neue Dimension der Machtausübung. Anstatt Gegner zu töten oder einzuschüchtern, kann man sie zu willfährigen Anhängern oder zumindest zu willenlosen Werkzeugen machen. Natürlich ist das ungeheuer attraktiv. Diese beiden Argumente reichen für viele schon, um an psychotronische Waffen zu glauben. Aber es gibt noch zwei deutlich faktenbasiertere Argumente.

Argument 3: Mikrowellenwaffen existieren bereits

Als direkter Beweis gemeint, wird gerne das Active Denial System (ADS) bemüht. Dieses verursacht zwar nur die hinlänglich bekannte, nicht psychotronische Wirkung elektromagnetischer Strahlung: Hitze. Und es ist auch nur gedacht, um quasi als Steigerung des Wasserwerfers Personengruppen auseinanderzutreiben. Aber Verschwörungstheoretiker interpretieren es als Vorstufe zu psychotronischen Waffen. Denn – so der Gedankengang – wenn Militär und Geheimdienste schon an elektromagnetischen Waffen arbeiten, dann werden sie auch alle existierenden Möglichkeiten ausschöpfen.

Argument 4: Das Gehirn arbeitet mit elektromagnetischen Wellen

Das eine naturwissenschaftliche Argument, das man unter all den Behauptungen findet, sind Gehirnwellen. Das Gehirn arbeitet schließlich selbst mit elektromagnetischen Wellen. Also muss es auch zwangsläufig dadurch beeinflusst werden. Anlagen wie HAARP werden als besonders furchteinflössend und gefährlich dargestellt, weil sie angeblich auf den gleichen Frequenzen arbeiten wie das Gehirn. Und auch die angeblich gesundheitsschädliche Wirkung von Mobilfunk- oder anderen Sendern wird unter anderem damit begründet, dass ihre Signale die Gehirnwellen durcheinanderbringen.

Hier irgendwo scheint die lang gesuchte Wechselwirkung zu liegen.

Gehirnwellen – die Motorengeräusche der Neurologie

Der Schlüssel zur Frage der Realisierbarkeit von psychotronischen Waffen liegt also in dieser Schlussfolgerung: Elektromagnetische Wellen sind geeignet, um das Gehirn zu beeinflussen, weil das Gehirn selbst mit elektromagnetischen Wellen arbeitet.

Stimmt das?

Um die Spannung gleich zu versauen: Nein. Die Aussage, dass das Gehirn mit elektromagnetischen Wellen arbeitet, ist Unsinn. Das Gehirn arbeitet mit elektrischen Impulsen. Das, was Esoteriker und Verschwörungstheoretiker als Gehirnwellen bezeichnen, ist ein äußerliches Abfallprodukt der eigentlichen Gehirntätigkeit. Es hat weder für die Informationsverarbeitung noch für sonst irgendwelche Gehirnfunktionen eine Bedeutung.

Gehirnwellen sind für das Gehirn ungefähr das gleiche wie das Brummen für den Motor.

Im Gehirn feuern ständig Milliarden von Gehirnzellen winzige elektrische Impulse ab. Jeder Impuls verursacht ein winziges Pik im elektrischen Feld. Die vielen Impulse von allen feuernden Neuronen ergeben zusammen ein schwaches Rauschen im elektrischen Feld in unmittelbarer Umgebung des Gehirns. Dieses Rauschen kann man mit Elektroden, die auf die Kopfhaut geklebt werden, messen. Das nennt man EEG.

Ein erfahrener Neurologe kann aus diesem Rauschen in gewissem Umfang Rückschlüsse darüber ziehen, was im Innern des Gehirns passiert. Dazu misst man das Feld an unterschiedlichen Stellen der Kopfhaut und zerlegt das Rauschen mathematisch in mehrere Komponenten. Das sind dann die Theta- und Gamma- und Alphawellen, von denen immer die Rede ist.

Ganz wichtig: Im Gehirn existieren diese Alpha-, Beta-, Gamma-, Theta-, Und-so-weiter-Wellen überhaupt nicht. Sie sind nur ein vereinfachendes Werkzeug zur Beschreibung einer rein äußerlichen Wirkung. Das ist genauso, wie man Musik durch hohe und tiefe Töne beschreiben kann. Aber man kann damit keine Guitarre antreiben.

Der Verlauf dieser Teilwellen ist – wie das Rauschen, aus dem sie extrahiert werden – an sich regellos. Aber über kurze Zeitabschnitte kann man sie durch einfache Parameter beschreiben. Aus diesen Parametern kann ein Psychiater oder Neurologe dann wieder schlussfolgern, in welchem Zustand – Schlaf, Anspannung etc. – sich das Gehirn gerade befindet. Und er kann daran auch erkennen, ob an der Gehirntätigkeit irgendetwas ungewöhnlich ist. Gehirnschäden und manche psychische Erkrankungen gehen mit Veränderungen in der Gehirntätigkeit einher, die sich als typische Charakteristiken in den EEG-Wellen niederschlagen. Ein erfahrener Facharzt kann auf diese Schädigungen rückschließen, wenn er während eines ausführlichen Anamnesegesprächs das EEG verfolgt.

So ähnlich wie man an schiefen Tönen erkennt, dass an der Guitarre etwas nicht stimmt – ohne dass man sie deshalb mit nicht-schiefen Tönen stimmen kann.

Genauso kann ein Kraftfahrer oder ein Mechaniker unter Umständen am Motorengeräusch hören, ob ein Motor kaputt ist, obwohl er Zylinder und Ventile und Wellen, die es verursachen, nicht sehen kann. Für alles andere muss er dann aber schon einen Schraubenschlüssel bemühen. Und genauso ist es mit Gehirnwellen. Sie zu beobachten, kann bei der Gehirnforschung oder in der Diagnostik helfen. Das war es dann aber auch.

Wenn irgendein Geheimdienst ernsthaft versucht, Gedanken mit elektromagnetischen Wellen zu beeinflussen, versucht er sehr wahrscheinlich auch, kaputte Motoren mit den Geräuschen intakter Motoren zu reparieren.

Fazit

Was hat es also mit psychotronischen Waffen auf sich?

  1. Es gibt keine belastbaren Hinweise darauf, dass sie existieren.
  2. Es gibt keine naturwissenschaftliche Erklärung, wie sie funktionieren sollten.

Alles, was Verschwörungstheoretiker an Hinweisen liefern, entpuppt sich entweder als unbelegt oder als falsch verstanden und aus dem Zusammenhang gerissen. Wie bei Verschwörungstheorien üblich, wird damit aus einem wahren Kern – in diesem Fall thermische Mikrowellenwaffen -, aus Missverständnissen und Behauptungen ein Wust an Legenden gedichtet.

Elektromagnetische Wellen sind für Verschwörungstheoretiker ungefähr das, was für Esoteriker Quanten und „Schwingungen“ sind – ein Schlagwort, mit dem man alles erklären kann, weil es sowieso keiner versteht. Wie so etwas kritiklos beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchgehen kann, ist mir ein Rätsel.

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