Immer wieder WTC 7

Okay, dann schreibe ich doch auf die Schnelle etwas zum 11. September. Der Grund ist, dass ich auch heute wieder in allen möglichen Blogs und Foren über den vermeintlich rätselhaften Einsturz des Turm Nr. 7 des World Trade Center gestolpert bin.

Eigentlich ist der Fall relativ banal. Und die ZDF-Dokumentation (einen Link liefere ich gelegentlich nach) erläutert fast alles, was man über WTC 7 wissen muss. Und dennoch wird immer wieder gerätselt, warum

  1. der Einsturz einer künstlichen Sprengung so ähnlich sieht obwohl
  2. WTC 7 nie von einem Flugzeug getroffen wurde.
Zunächst: Es ist richtig, dass das Einsturzbild dem bei einer Sprengung täuschend ähnlich sieht. Aber – und das unterschlagen Verschwörungstheoretiker grundsätzlich – erfordert es nicht nur komplexe statische Berechnungen, monatelange Planung sondern auch umfangreiche Bauarbeiten, dieses Einsturzbild mit Hilfe von Sprengstoff zu erreichen. So etwas lässt sich nicht heimlich durchführen während das Gebäude in vollem Betrieb ist – ohne dass Hunderte von Büroangestellten, die dort ein- und ausgehen und den ganzen Tag dort verbringen, etwas davon merken. Und nein, auch die CIA oder die Illuminaten oder die ganze verdammte Weltverschwörung würde das nicht schaffen. Es ist schlicht und einfach unmöglich. Zu einer solche Sprengung müssen großflächig Wandverkleidungen entfernt und sämtliche Stützfeiler mehrfach durchbohrt werden. Allein das Anbringen der Sprengladungen und das Verkabeln kann Wochen dauern. Und es müssen alle Stützfeiler gleichzeitig zum Einsturz gebracht werden, damit ein Hochhaus so präzise und gleichmässig in sich zusammensackt. Das würde auffallen, wenn jemand so etwas vorbereitet.

Aber kann etwas, was absichtlich nur so schwer herbeizuführen ist, andererseits so leicht von selbst passieren?

Ja, das kann es. Erstaunlicherweise ist gerade bei einem chaotischen Vorgang wie einem Großbrand dieses exakte Verhalten sogar relativ wahrscheinlich. Es ist auch recht einfach zu erklären. Mann muss nur zwei Dinge über das Verhalten von Baustoffen bzw. Hochhausstrukturen verstehen.

Erstens: Baustoffe versagen langsam

Bei Temperaturen von einigen hundert Grad, also den typischen Temperaturen eines Gebäudebrandes, verlieren sowohl Stahl als auch Beton ihre Festigkeit in Abhängigkeit von der Zeit. Das heißt, Stahl schmilzt nicht sofort, wenn er diese Temperaturen erreicht hat. Er kann sie aber auch nicht dauerhaft aushalten. Bei konstanter Hitze wird er immer weicher, bis er die Last, die er trägt, nicht mehr halten kann.

Bauwerke, in denen sich Menschen aufhalten, werden – je nach Größe und länderspezifischen Vorschriften – so bemessen (so nennt sich das im Bauwesen), dass sie einem Gebäudebrand etwa 60 bis 120 Minuten standhalten können. Man könnte also das folgende Experiment durchführen.

Man nehme einen Stab aus einem normalen Baustahl. Diesen hänge man in einem Ofen auf, so dass er senkrecht nach unten hängt. An seinem unteren Ende befestige man ein Gewicht, so dass er gerade so ausgelastet ist, wie er es als Bauteil sein dürfte. Dann bringe man den Ofen auf eine Temperatur wie sie typischerweise im Innern eines brennenden Hauses auftritt.

Der Stab wird eine Weile keine sichtbare Veränderung zeigen. Aber wenn man das Ganze einfach sich selbst überlässt, wird er nach etwa ein bis zwei Stunden plötzlich reißen – ohne Veränderung der Temperatur und ohne sonstigen Einfluß. Einfach weil das Material bei diesen Temperaturen nach und nach schwächer wird.

By the way: WTC 7 hat zwar länger gebrannt. Aber die beiden Haupttürme sind ungefähr eine Stunde nach Ausbruch des Feuers eingestürzt. Also ungefähr nach der Zeit, die ein solches Gebäude einem Brand standhalten muss. Die Verschwörungstheoretiker hingegen können in der Regel nicht erklären, warum die angebliche Sprengung erst so lange nach dem Ausbruch des Feuers erfolgte.

Zweitens: Stützen versagen schlagartig

Das Skelett von WTC 7 bestand aus relativ schlanken Stahlstützen. Bauelemente dieser Art versagen nach einem ganz speziellen Prinzip. Der Stab aus dem Versuch im vorherigen Abschnitt würde – je nach genauem Material – normalerweise sichtbar länger werden, bevor er reisst. Möglicherweise würde man auch eine Kerbe oder Einschnürung beobachten können, dort wo er später abreisst. Mann könnte also das Gewicht noch rechtzeitig wegnehmen, bevor er ganz kaputt geht.

Würde man ihn hingegen am Boden befestigen und das Gewicht an seinem oberen Ende befestigen, ginge das nicht mehr. Das liegt daran, dass in diesem Fall ein anderer Versagensmechanismus eintritt. Man kann diesen in einem noch einfacheren Experiment nachvollziehen: Man nehme einen Strohhalm zwischen zwei Finger und drücke diesen langsam immer fester in seiner Längsrichtung. Er wird nicht kürzer werden und auch nie in sich zusammengedrückt. Stattdessen wird er irgendwann zur Seite ausweichen. Der Widerstand gegen das Zusammendrücken ist dann schlagartig verschwunden.

Man nennt dies “Knicken” (im Gegensatz zum “Brechen”, wenn man ihn mit beiden Händen krumm biegt) oder “Stabilitätsversagen”. Und die Besonderheit beim Stabilitätsversagen ist, dass der Widerstand schlagartig auf Null geht. Also auch bei einem sehr weichen Stahl, der sich im Zugexperiment sehr deutlich verlängern würde, würde der Stab schlagartig und ohne jede Vorwarnung wegknicken.

Strukturversagen

Mit diesen beiden Erkenntnissen versuchen wir jetzt einmal, uns vorzustellen, was in WTC 7 passiert sein könnte. Wir wissen folgendes:

  1. WTC 7 wurde von schlanken Stahlstützen getragen, die bei einem Brand typischerweise nach und nach die Festigkeit verlieren und dann schlagartig knicken.
  2. Bis das passiert vergehen – je nach genauer Temperatur und anderen konkreten Bedingungen – etwa eine oder wenige Stunden.
  3. Der Brand im unteren Bereich hatte sich in deutlich kürzerer Zeit über die gesamte Geschossfläche ausgebreitet.
Wir haben also ein Geschoss aus lauter Stahlstützen, die fast zur gleichen Zeit damit beginnen, sich mit praktisch gleicher Geschwindigkeit ihrem (schlagartigen) Versagen zu nähern. Kurz vor dem Einsturz müssen also alle Stützen sehr knapp vor der Überlastung gestanden haben.

Und was passiert, wenn eine oder einige wenige dieser Stützen tatsächlich den Zeitpunkt der Überlastung erreichen?

Das sollte jetzt eigentlich jeder für sich selbst beantworten können: Den Anteil der Gebäudelast, den diese Stützen tragen, müssen plötzlich die restlichen Stützen übernehmen. Deren Last steigt also sprungartig an. Zwar nur um einen relativ kleinen Teil, aber sie befinden sich ja ganz knapp vor der Überlastung. Dieser Sprung ist also genau der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Mit dem Versagen der ersten Stützen versagen also auch alle anderen schlagartig mit. Das Resultat ist ein Gebäude, das gleichmäßig in sich zusammensackt.

Ein bisschen genauer geht es noch

So wäre es zumindest, wenn die Geschossdecken alle absolut starr wären. Dann würde die zusätzliche Last durch die versagenden Stützen sofort gleichmässig auf alle anderen verteilt werden. In der Realität reagieren die Geschossdecken aber ziemlich flexibel. Das heißt, dass sie eher punktuell einsacken, dort wo eine Stütze versagt hat. Die zusätzliche Last wird nicht so sehr auf alle anderen Stützen verteilt sondern eher auf die in der unmittelbaren Umgebung.

Das bedeutet aber, dass die noch eher schlagartig überlastet werden und entsprechend ausknicken. Und damit wird die Last wieder auf die nächsten weitergegeben. Es entsteht also eine Kettenreaktion, in der immer die jeweils nächsten Stützen versagen.

Der Punkt ist, dass die Decke immer nur ein paar Zentimeter einsacken muss, damit die Stütze darunter versagt. Eine um etliche Meter entfernte Nachbarstütze versagt deshalb um ein Vielfaches schneller als die einstürzende Decke die darunterliegende erreichen kann. Deshalb pflanzt sich das Versagen sehr schnell innerhalb des Geschosses fort, während die Decke im Vergleich dazu relativ langsam absackt.

Man würde in einem solchen Fall also erwarten, dass das Gebäude an irgendeiner Stelle – in der Mitte oder irgendwo am Rand – zuerst durchsackt und die entfernteren Bereiche etwas zeitversetzt folgen. Der obere Gebäudeteil müsste sich also ein bisschen durchbiegen, während sich das Versahen innerhalb des Geschosses ausbreitet.

Und jetzt schauen Sie sich die Videos vom Einsturz nochmal ganz genau an.

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Sechs Prinzipien des Überzeugens

Der Erfolg von Esoterik, Pseudowissenschaften, Verschwörungstheorien und sonstigem Aberglauben ist oft erstaunlich. Noch erstaunlicher ist aber, auf welch einfachen Prinzipien die Überzeugungskraft hinter diesem Erfolg basiert. Der Sozialwissenschaftler und Experte für Marketing-Psychologie Robert Cialdini hat mit seinem Team ein witziges Video über die sechs grundlegenden Prinzipien des Überzeugens produziert. (Gefunden heut auf Facebook via Harvard Business Manager.)

Natürlich zielt es auf die Anwendung im Marketing ab und gibt praktische Ratschläge, wie man den eigenen Verkaufserfolg verbessern kann. Doch dieselben Prinzipien gelten auch für die “Vermarktung” von Überzeugungssystemen. Wenn man genau hinsieht, findet man darin einiges, was uns auch täglich bei den erfolgreicheren Verschwörungstheoretikern begegnet. Und vermutlich ist es auch bei der “Vermarktung” von kritischem Denken hilfreich, diese Prinzipien zu beachten.

1. Reciprocity

Kleine Geschenke und Gefälligkeiten erzeugen das Bedürfnis, sich zu revanchieren. Kellner können das einsetzen, um ihr Trinkgeld zu verbessern. Verkäufer sind normalerweise gezielt darauf geschult, damit ihren Verkaufserfolg zu steigern.

Und die Esos? Nun ja, das größte Geschenk, das Esoteriker ihren Kunden bereiten, ist üblicherweise das Gefühl, dass diese etwas ganz besonderes sind und dass das Universum sich ganz allein um sie dreht. Offensichtlich erfüllen sie damit ein Grundbedürfnis ihrer Klientel. Aber man kann wohl annehmen, dass auch das Gefühl der Dankbarkeit hierfür eine Rolle spielt, wenn es darum geht, horrende Stundensätze für ein bisschen Handauflegen zu zahlen – ohne diese kritisch zu hinterfragen.

2. Scarcity

Die Verknappung eines Gutes führt zu steigendem Absatz. Nicht nur das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage und damit der Marktpreis wird dadurch verändert. Nein, das knapper werdende Angebot führt auch zu steigender Nachfrage. Kunden haben Angst, nichts mehr abzubekommen. Und deshalb beginnen sie, zu kaufen, obwohl sie vor der Verknappung gar nicht am Markt teilgenommen haben.

Was wären Verschwörungstheorien wohl ohne die ständige Beteuerung, dass die Information darin streng geheim und nirgendwo anders je für Normalsterbliche zugänglich wäre? Würden wir einen Verschwörungstheoretiker ernst nehmen, wenn er uns nicht eine ganz exklusive Information preisgeben würde, die er aber nicht veröffenltichen könne, weil er damit sich und andere gefährden würde?

Naja, ich würde niemanden ernst nehmen, der eine geheime und wirklich gefährliche Information ausgerechnet einem Wildfremden anvertraut. Die Blogs und Nachrichtenseiten, die schon seit werweißwievielen Jahren immer dieselben hochgeheimen Informationen verbreiten, derentwegen schon werweißwieviele Leute umgebracht wurden, haben bei Licht betrachtet allenfalls einen skurrilen Wert. Aber so rational sind Kunden bzw. Gläubige eben nicht. Und deshalb gehört zu einer guten Verschwörungstheorie eben das Gefühl, zu einem exklusiven Kreis von Mitwissern zu gehören, der über Informationen verfügt, die nur ganz dolle schwer zu bekommen sind.

Und wenn das tausendmal einer Überprüfung nicht standhalten würde.

3. Authority

Über das Thema Namedropping bei Esoterikern und Verschwörungstheoretikern muss man wohl nicht viele Worte verlieren. Heerscharen von Nobelpreisträgern rotieren in ihren Gräbern ob des Unfugs, den Esoteriker ihnen in den Mund legen. Allein Name und Titel eines russischen Wissenschaftlers genügt, damit Hypochonder denken, sie wären Opfer psychotronischer Waffen. Egal, ob jemals irgendjemand schon von diesem “Experten” gehört hat. Namhafte Teilchenphysiker könnten den ganzen Tag damit verbringen, den Quantenunfug der Homöopathen, der mit ihrem Namen verkauft wird, zu dementieren. Und die peinlichsten aller Verschwörungstheoretiker feiern jeden Halbsatz, den sie irgendeinem unbedarften Politiker in den Mund legen konnten, als hätten sie den Nobelpreis gewonnen.

Hat irgendwer schon einmal von irgendeinem Esoteriker oder Verschwörungstheoretiker einen besseren Beleg gehört als den Verweis auf irgendeine ominöse Autorität?

Ach ja, wir sollten auch die esoterischen Zitierkartelle nicht vergessen. Die Esoteriker haben schon recht gut verstanden, dass sich ihr Unfug besser verkauft, wenn sie sich untereinander so eifrig und so öffentlich loben, wie sie nur können.

4. Consistency

Geht es nur mir so? Oder beginnen Gespräche über Verschwörungstheorien tatsächlich fast immer mit “haben sie sich nicht auch schon gefragt…”? Erfahrungsgemäß sind unvoreingenommene Menschen zum Beispiel für 9/11-Verschwörungstheorien besonders empfänglich, wenn man sie vorher dazu bringt, zu erklären, dass sie bei der offiziellen Darstellung so ihre Zweifel haben oder dass sie gegenüber Aussagen der Regierung oder wahlweise der CIA generell skeptisch sind.

Genauso besteht die Kunst, eine esoterische Dienstleistung zu verkaufen, zu nennenswerten Teilen in der Kunst, dem Klienten schnell ein verblüffendes Erlebnis zu verschaffen und ihn dazu zu bringen, festzustellen, dass der Esoteriker – übersinnlich oder nicht – in jedem Fall über verblüffende Fähigkeiten verfügt.

5. Liking

Auch das übergebühr betonte Zusammengehörigkeitsgefühl unter Esoterikern, der Glaube, gemeinsam eine böse Verschwörung zu bekämpfen und der böse, böse Skeptiker als gemeinsames Feindbild spielt natürlich eine Rolle.

Ein kleines Gedankenspiel am Rande: Vielleicht sind die Esos ja deshalb scheinbar alle so bemüht, Skeptiker schlecht zu machen, weil gerade dieses Feindbild essentiell für ihren Erfolg ist und deshalb nur die übrig bleiben, die es vehement genug kolportieren. Naja, spekulieren wir darüber ein andermal.

6. Consensus

Und dieses Prinzip ist wohl die beste Antwort an die, die sich wundern, warum wir uns mit all diesem Blödsinn überhaupt beschäftigen. Denn wenn niemand über den Blödsinn lachen würde, dann würden die, die ihn verbreiten, allein als normal und Mainstream und Vorbild erscheinen.

Also, lasst uns laut und herzhaft lachen. Andere werden einstimmen.

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Werner Schulz zieht seine Chemtrail-Behauptung zurück

Zu meinem Artikel “Die Verschwörungslobby und die Politik” erhielt ich bereits am 26. Juni den folgenden Leserbrief. Ich bitte um Verständnis, dass er seitdem liegen geblieben ist. Aber ich denke, er ist auch jetzt nicht weniger lesenswert.

Hallo Herr Nolden,

leider finde ich in ihrem Blog keine Kommentarfunktion. Daher auf diesem Wege. Ich bin kürzlich, genauso wie sie, auf diversen Truther-Blogs über den Auftritt von Werner Schulz auf dieser ominösen “Chemtrail-Konferenz” in Brüssel gestolpert.

Eigentlich hatte ich den Mann immer für vernünftig gehalten und vermutet, dass er aus Unkenntniss in eine “Falle” getappt ist. Daher habe ich ihn über abgeordnetenwatch.de um eine Stellungnahme gebeten. Diese hat er gestern online stellen lassen:

http://www.abgeordnetenwatch.de/werner_schulz-901-22782–f382067.html#q382067

Nach dieser Antwort bin ich mir da nicht mehr so sicher. Die verschwurbelte Ausdrucksweise ist Polititkern eigen. Doch weder gibt er darüber Auskunft, was das für eine Veranstaltung war, noch distanziert er sich eindeutig von der Chemtrailthese. Vielleicht können sie Schulz’ Antwort in ihren Blog einfließen lassen.

Viele Grüße
G. W.

Herzlichen Dank für die ergänzende Information.

Zunächst zur Kommentarfunktion

Diese existiert zwar, ich habe sie jedoch so eingestellt, dass sie nur die ersten 14 Tage nach Veröffentlichung des jeweiligen Artikels aktiv ist. Der Grund ist, dass nach dieser Frist erfahrungsgemäß der Spam sprungartig zunimmt und echte Beiträge hingegen nur noch selten kommen. Hinweise und Ergänzungen können aber natürlich auch danach jederzeit an die im Impressum angegebene eMail-Adresse gesandt werden. Nützliche oder interessante Hinweise werde ich ggf. selbst an den betreffenden Artikel anhängen, in neue Beiträge einfliessen lassen oder – wie in diesem Fall – im Volltext veröffentlichen.

Die Stellungnahme von Werner Schulz

Ein gewisser Wolfgang Helm hat, offensichtlich im Auftrag von M. d. B. Werner Schulz, eine Stellungnahme zu dessen Auftritt bei genannter “Chemtrail-Konferenz” abgegeben.

“Behauptungen, Werner Schulz habe bestätigt, dass Geoengineering bereits angewandt wird, beruhen offenbar auf einem Missverständnis.”

Ich denke schon, dass man dies als klares Dementi verstehen darf. Zumindest distanziert sich Herr Schulz damit ausdrücklich von dem, was die Verschwörungstheoretiker ihm in den Mund legen.

Weiter heißt es:

“In seinem Beitrag bei der Anhörung im Europäischen Parlament hatte er lediglich darauf verwiesen, dass viele Vermutungen und Theorien zu nicht erklärbaren Himmelsphänomenen existieren, deren Ursache angeblich solche Versuche gewesen sind.”

Auch hier wird klar zurückgerudert. Der genaue Wortlaut in seinem Konferenzbeitrag war:

“…dieses Experiment, das ja bereits gestartet worden ist … es ist ja nicht nur, dass wir hier über Forschung reden sondern hier wird bereits angewendet, hier wird bereits ein Himmel in einer gewissen Weise bearbeitet. Es gibt eine Bürgerinitiative, die heißt ‘Sauberer Himmel’, die sich darum kümmert …”

Das war weder missverständlich noch ein Hinweis auf einen von anderen behaupteten Zusammenhang sondern die klare Behauptung, dass Geoengineering-Experimente gemäß den Behauptungen von “Sauberer Himmel” tatsächlich und definitiv stattfinden.

Politisches Ausweichmanöver

Es ist zu begrüßen, dass Werner Schulz seine Falschaussage, die er offenbar nicht so gemeint hat, wie sie formuliert war, zurück zieht. Die Behauptung der Verschwörungstheoretiker, er würde die Existenz von Chemtrails direkt oder indirekt bestätigen, kann man damit wohl als erledigt betrachten. (Auch wenn diese dies alles vermutlich so interpretieren werden, dass er mundtot gemacht worden sei.)

Bedauerlich hingegen ist, dass das Dementi

  1. recht versteckt daher kommt und
  2. sich als ein Missverständnis aufgrund einer unklaren Formulierung verkleidet.

Werner Schulz hatte eine klare und unmissverständliche Tatsachenbehauptung aufgestellt. Und mit dieser hat er Verschwörungstheorien und bedenklichen politischen Ideologien Vorschub geleistet. Die politische Redlichkeit, die ich schon in meinem ursprünglichen Artikel angemahnt hatte, hätte da klarere und ehrlichere Worte erfordert.

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Die Verschwörungs-Lobby und die Politik

Vor nichtmal einer Woche wurde auf der SkepKon die Brisanz von pseudomedizinischer Lobbyarbeit auf der einen und Leichtfertigkeit vieler Politiker auf der anderen Seite diskutiert. Doch dieses Problem besteht auch im Bezug auf andere Themen.

Das folgende Video stammt aus dem Youtube-Kanal von Werner Altnickel und zeigt den Europaabgeordneten von Bündnis 90 / Die Grünen Werner Schulz. Schulz hält hier eine Begrüßungsrede anlässlich einer durch die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” organisierten Veranstaltung in Räumlichkeiten des Europaparlaments.

Folgendes Zitat daraus interpretiert die Chemtrail-Szene als Bestätigung bereits laufender, geheimer und illegaler Massnahmen im Rahmen des Climate Engineering, wie es als Teil der Chemtrail-Verschwörungstheorie behauptet wird.

“…dieses Experiment, das ja bereits gestartet worden ist … es ist ja nicht nur, dass wir hier über Forschung reden sondern hier wird bereits angewendet, hier wird bereits ein Himmel in einer gewissen Weise bearbeitet. Es gibt eine Bürgerinitiative, die heißt ‘Sauberer Himmel’, die sich darum kümmert …”

Nun ja, diese Bürgerinitiative kümmert sich auch darum, die Öffentlichkeit darüber “aufzuklären”, dass es den industriell verursachten Klimawandel, mit dem Herr Schulz in eben dieser Rede argumentiert, gar nicht gibt. Mal abgesehen davon, dass “Sauberer Himmel” ein erstaunlicher Kooperationspartner für grüne Politik ist, verstrickt er sich  schon rein logisch mit dieser Aussage in einen Widerspruch.

Auch sonst wirft er damit einige Fragen auf:

  • Von welchen konkreten Anwendungen redet Herr Schulz da?
  • Auf welcher Grundlage finden diese statt?
  • Weshalb weiß die Öffentlichkeit nichts davon?
  • Und vor allem: Welche Belege kann Herr Schulz für diese Behauptung vorbringen?

Die Veranstalter – ausgewiesene Verfechter der “Chemtrail-Hypothese” – haben es offensichtlich versäumt, Herrn Schulz diese Fragen zu stellen. Das ist seltsam, denn ein Politiker, der “bereit ist, zu reden”, in einer öffentlichen Pressekonferenz wäre eine einzigartige Gelegenheit, endlich die lange behaupteten Fakten offen auf den Tisch zu legen. Und ihnen Überzeugungskraft zu verleihen.

Stattdessen beschränken sich die Chemtrail-Aktivisten darauf, diese vage und nicht weiter hinterfragte Formulierung, die ihren eigenen Standardfloskeln verdächtig ähnelt, als den nächsten ultimativen Beweis zu verbreiten.

Der Abgeordnete schweigt

Ich war so frei, meinerseits per eMail Antworten auf diese Fragen bei Herrn Schulz anzufragen. Bisher leider ohne Antwort. Auch andere Twitterer haben anscheinend keine Antwort auf ihre eMails bekommen. Auch auf seiner Homepage oder der seiner Partei konnte ich keine Hinweise auf diese Veranstaltung oder dieses Thema finden. Es entsteht der Eindruck, Herr Schulz möchte mit diesem Auftritt nicht mehr weiter in Zusammenhang gebracht werden.

Das wäre der mit Abstand schlimmste Umgang mit diesem Thema. Und zwar unabhängig davon, welchen konkreten Hintergrund die zitierte Aussage tatsächlich hatte. Nicht nur, weil man so über seine Beweggründe und auch die Glaubwürdigkeit seiner Aussage nur spekulieren kann. Aber tun wir dies vielleicht trotzdem als erstes. Ich kann mir allgemein gesprochen drei unterschiedliche Hintergründe vorstellen:

  1. Entweder weiss er etwas, was der Allgemeinheit verschwiegen wird.
  2. Oder er glaubt an eine Verschwörungstheorie.
  3. Oder er lässt sich aus Unbedarftheit für etwas einspannen, was nur vordergründig zu seinem eigentlichen und an sich respektablen Anliegen passt.
Keine der drei Möglichkeiten rückt Herrn Schulz in ein besonders gutes Licht.

Möglichkeit 1: Hintergrundwissen

Die vermeintlichen Beweise der Verschwörungstheoretiker sind schon oft genug geprüft und verworfen worden. Und es macht auch eigentlich wenig Sinn, die Ausführung von etwas geheim zu halten, was gleichzeitig offen als Konzept diskutiert wird. Aber prinzipiell kann man natürlich niemals ausschließen, dass es geheime Operationen gibt und dass Werner Schulz von diesen weiß.

Allerdings würde sein Verhalten vor diesem Hintergrund ebenfalls keinen Sinn ergeben. denn entweder will er dies ebenfalls geheim halten. Dann würde er es nicht sagen. schon gar nicht auf einer Pressekonferenz von Aktivisten, die sich genau dagegen wehren.

Oder er will sich am Engagement dagegen beteiligen. Dann wäre dieser Beitrag allerdings äußerst mager. Auf seiner Homepage ist nichts zum Thema zu finden. Er hat an anderer Stelle noch nie damit von sich reden gemacht. Auch hier belässt er es bei einer allgemeinen Andeutung anstatt die Fakten klipp und klar auf den Tisch zu legen und vor allem zu belegen.

Das ist wenig glaubwürdig. Mal ganz davon abgesehen, dass sein agieren dann auch ethisch nicht vertretbar wäre.

Möglichkeit 2: Werner Schulz als Verschwörungstheoretiker?

Auch das ist kaum glaubhaft, und zwar aus den gleichen Gründen. Auch wenn er nur fälschlicherweise von solchen Aktivitäten überzeugt wäre, wäre es weder glaubhaft noch redlich, dass er nur in dieser Pressekonferenz diesbezüglich aktiv wird.

Nun ja, vielleicht hat “Sauberer Himmel” bei ihm ja einen Nerv getroffen, der bei ihm einen Hang zum Verschwörungsdenken antriggert. Sicher wäre es keine besonders schöne Vorstellung, dass sich ein Mandatsträger in einer Demokratie zum Verschwörungstheoretiker entwickelt oder auch nur dazu neigt. Aber andererseits wäre er auch nicht der erste. Wenn Herr Schulz tatsächlich nichts mehr zu seinem Auftritt sagt, dann gilt es, zu beobachten, ob er sich mit weiteren fragwürdigen Äußerungen hervortut.

Ein paar Politiker mit abseitigen Ansichten kann eine Demokratie vertragen. Wesentlich ist nur, dass diese Ansichten dann auch auf ein entsprechend kritisches Echo stoßen.

Möglichkeit 3: Der verschwörungstheoretische Honigtopf

Ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass Herrn Schulz hier passiert ist, was vielen Politikern passiert: Er hat sich von geschickter Lobbyarbeit einwickeln lassen.

Dass ein grüner Politiker Geoengineering-Konzepte kritisiert, ist naheliegend. Und wenn man die zitierte Äußerung wegläßt, dann vertritt er im Rest der Rede einen ganz normalen grünen Standpunkt. Dass eine Bürgerinitiative, die sich vordergründig in dieser Richtung zu engagieren scheint, ihm einen Floh ins Ohr gesetzt hat, wäre nicht gerade abwegig.

Aber akzeptabel wäre es auch nicht.

Geoengineering ist mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Und falls es sich jemals als diskussionsfähige Option erweisen sollte, sollte die Entscheidung, welche Folgen für welchen Nutzen in Kauf genommen werden, nicht allein von Politikern, Beamten und Wissenschaftlern getroffen werden. Werner Schulz hat vollkommen Recht, wenn er eine mündige Zivilgesellschaft fordert, die aktiv ihre demokratischen Rechte fordert. Deshalb ist es wichtig, diese Themen frühzeitig in eine öffentliche Diskussion zu bringen.

Aber genau deshalb sollte man Verschwörungstheoretikern und politischen Extremisten nicht die Gelegenheit bieten, sie für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Ein Chemtrail kommt selten allein

Es ist eine relativ neue Entwicklung, dass die Chemtrail-Verschwörungstheorie sich praktisch gleichbedeutend mit Geoengineering-Kritik präsentiert. Ja, dass man in letzter Zeit sogar in den Youtube-Videos beispielsweise der Neuschwabenland-Communities (ein rechtsextremes Netzwerk, das von der Existenz von Chemtrails überzeugt ist und enge Kontakte zu den Aktivisten-Gruppen auf diesem Gebiet pflegt) beobachten kann, dass Referenten, die “Chemtrails” sagen, zurechtgewiesen werden, weil das jetzt “Geoengineering” hieße. Früher wurde unterstellt, dass die Chemtrail-Verursacher bedeutend brutalere Ziele verfolgten. Das Spektrum ging von Wetterkrieg gegen Drittwelt-Staaten bis hin zu Bevölkerungsreduktionsprogrammen zur Sicherung der Weltherrschaft.

Hinter diesen Vorstellungen steht gewöhnlich mehr oder minder eindeutig und mehr oder minder offen der Glaube an eine zionistische Weltverschwörung. Und sie stammen aus dem Dunstkreis rechtsextremistischer Gruppierungen, die damit gezielt das Vertrauen in Demokratie und rechtsstaatliche Institutionen zu untergraben versuchen.

Was Ursache und was Wirkung ist, ist oft schwer festzustellen. Für die einen folgen Chemtrails, HAARP und viele andere Verschwörungstheorien, die gewöhnlich als Gesamtheit auftreten, direkt aus einer rechtsextremistischen Ideologie. Andere sind generell empfänglich für Verschwörungsdenken und verstricken sich dadurch nach und nach in rechtsextremes Gedankengut. Aber in irgendeiner Form treten Verschwörungstheorien sehr häufig gemeinsam mit extremistischen Tendenzen (nicht nur von rechts) auf. Und nicht selten werden sie von politisch radikalen Gruppen gezielt eingesetzt, um neue Mitglieder für ihre Ideologien empfänglich zu machen.

Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es noch eine weitere Verschwörungstheorie, die sozusagen als Komplementärhypothese unverzichtbar für die Chemtrail-VT ist – insbesondere wenn man diese als Geoengineering-Kritik verpackt: die “Klimalüge”.

Geoengineering undifferenziert zu verurteilen, funktioniert so richtig nur, wenn man das Problem, das es mindern soll, also den menschengemachten Klimawandel, leugnet. Insbesondere dann, wenn man Maßnahmen in dieser Richtung auch als unnötig und verbrecherisch darstellen will. Und den anthropogenen Einfluss auf das Weltklima leugnet “Sauberer Himmel” sehr eifrig. Schon deshalb sollte Herr Schulz sich einmal die Frage stellen, ob es nicht bessere Leute geben könnte, die sich um die an sich sicher gebotene Kritik an Geoengineering-Konzepten “kümmern” könnten.

Dieser Dinge sollte man sich bewusst sein, wenn man sich in eine Diskussion über Geoengineering und den Klimawandel einbringt. Denn diese Diskussion ist wichtig und wird vermutlich an Dynamik gewinnen. Für politische Extremisten aber auch für lobbygetriebene Klimawandel-Leugner ist es eine leichte Beute, ihre kruden Thesen einfach mit in diese Diskussion zu mischen. Die berechtigten Sorgen, die Geoengineering-Konzepte hervorrufen, spielen vor allem diesen Leuten in die Hände.

Deshalb ist es gerade auch im Interesse einer wirksamen Kritik am Geoengineering wichtig, sich von Verschwörungstheorien klar abzugrenzen.

Die politische Peinlichkeit

Werner Schulz hat das offenbar versäumt. Damit leistet er seinem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst. Und der Kollateralschaden, den er ganz nebenbei damit anrichtet, ist eine vermeintliche Glaubwürdigkeit für Verschwörungstheorien, die gezielt die demokratische Rechtsordnung angreifen. Die Glaubwürdigkeit einer angemessenen und sinnvollen Geoengineering-Kritik hat unter der Nähe zu den Verschwörungstheoretikern erheblich gelitten. Deren Reputation hat dafür einen erheblichen Schub erhalten.

Reife Leistung.

Dass es Herrn Schulz schwer fällt, im Nachhinein öffentlich zu diesem Auftritt Stellung zu beziehen, ist verständlich. Denn egal welcher der möglichen Hintergründe tatsächlich zutrifft – es war ein peinlicher Auftritt. Aber ihn totzuschweigen, ist der denkbar schlechteste Umgang damit. Denn das öffnet Spekulationen Tür und Tor. Es gibt den Verschwörungstheoretikern die Möglichkeit, dieses Video ausgiebig als “Beweis” für ihre Behauptungen auszuschlachten. Und das werden sie über Jahre hinaus tun, da sollte sich Herr Schulz keinen Illusionen hingeben. In der Szene kursieren Politiker-Zitate, die über zwanzig Jahre alt sind, als schlagender und brandaktueller “Beweis”.

Und im Kielwasser der Chemtrail-Verschwörungstheorie schwimmt noch viel mehr als nur eine Geoengineering-Kritik, die ein bisschen zu weit geht. Hierfür übernimmt Herr Schulz eine politische Mitverantwortung, wenn er Verschwörungstheoretikern diesen Trumpf in die Hand spielt, ohne zumindest nachträglich klar und deutlich zu widersprechen. Und wenn das – mal hypothetisch angenommen – tatsächlich seine Überzeugungen wären, wäre es genausowenig zu verantworten, angesichts dieser in Schweigen zu verfallen.

Schweigen wäre hier unredlich. Ein klares Bekenntnis zu einem Missgriff schadet vielleicht dem Politiker. Aber Schweigen schadet der Politik. Und damit der Demokratie.

Das gesellschaftliche Risiko

Dieser Vorfall zeigt, dass nicht nur die Pseudomedizin-Lobby sich eifrig um politische Protektion bemüht. Die Pseudomediziner sind vermutlich erfolgreicher und haben deshalb zu Recht die höhere Priorität. Aber auch Verschwörungstheoretiker gehen diesen Weg. Und sollten sie damit irgendwann auf breiterer Front erfolgreich sein, wären die Folgen nicht minder fatal.

Verschwörungstheorien sind ein Nährboden für politischen Extremismus. Nicht ohne Grund sind alle totalitären Systeme sehr weitgehend von Verschwörungsdenken getragen. Deshalb sollte es uns ein Anliegen sein, Politikern nicht nur hinsichtlich Wissenschaft und Gesundheitspolitik sondern auch hinsichtlich populärer Verschwörungstheorien Sorgfalt und kritisches Denken abzuverlangen. Denn wenn man Verschwörungstheorien konsequent zu Ende denkt, dann führen sie fast zwangsläufig zu extremistischen Positionen. Das einzige, was das verhindert, das einzige, was eine offensive Auseinandersetzung mit Verschwörungs-Behauptungen ohne ein Abdriften in abstruse Positionen zuverlässig verhindert, ist eine systematische Unterscheidung zwischen belegbaren Fakten und nicht überprüften Behauptungen.

Werner Schulz hat dabei versagt. Wenn zu viele Politiker dabei versagen, hat das normalerweise katastrophale Konsequenzen.

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Nanotechnologie – eine Schlüsselkompetenz für Mind-Control?

Ich hatte schon darüber geschrieben: Eins der Hauptprobleme für die Glaubwürdigkeit von Mind-Control-Verschwörungstheorien besteht darin, dass niemand erklären kann, wie diese Gedanken- oder Bewusstseinsbeeinflussung eigentlich funktionieren soll. Sendeanlagen wie HAARP oder der Radaranlage am Flughafen Tempelhof wird unterstellt, sie dienen der psychischen Beeinflussung der Bevölkerung. Aber aufgrund welcher Wechselwirkung eine Sendeanlage überhaupt Menschen beeinflussen können sollte, können selbst prominente Verschwörungstheoretiker, die sich “seit Jahren intensiv mit dem Thema befassen”, nicht erklären.

Der “Missing-Link”

Die meisten glauben, mit dem Begriff “Schwingungen” oder “Wellen” sei alles erklärt. Dass es etwas gibt, das “Gehirnwellen” heißt, reicht vielen, um anzunehmen, dass das Gehirn wie eine Art Radio funktioniert. Dass Alpha- oder Theta-Wellen eine irgendwie ganz besondere Bedeutung für “Bewusstseinszustände” haben sollen, schließt in der Logik der Verschwörungstheoretiker den Kreis. Wenn es so ist, dann muss man wohl nur noch die gewünschte (Des-)Information auf eine Alpha- (oder wahlweise Beta- oder Theta-) -Welle aufmodulieren, um sie ins Bewusstsein des Opfers zu pflanzen.

Dass die (unpräziserweise) so genannten “Hirnwellen” mit einer Empfängerfrequenz nicht das geringste zu tun haben, fällt in Konspirationisten-Kreisen niemandem auf. Dafür fehlt schlicht und einfach das Grundlagenwissen.

Letztlich zeigt das Beispiel Mind-Control mit HAARP nur eins: Verschwörungstheorien sind weit davon entfernt, eine naturwissenschaftlich valide Logik zu haben. Sie bestehen einfach aus einer Aneinanderreihung von Buzzwords, die populäre Ängste adressieren. Eine innere Folgerichtigkeit erreichen sie oft nur dadurch, dass aufgrund von Wissensmangel aus der Ähnlichkeit von Begriffen auf einen vermeintlichen Bedeutungszusammenhang geschlossen wird.

Eine tatsächlich schlüssige Hypothese oder gar Belege, die einer Überprüfung standhalten, haben die modernen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Mind-Control normalerweise nicht zu bieten. Und selbst der letzte Strohhalm aller Esoteriker wäre in diesem Fall mehr als dürr. Nichtmal das Scheinargument, man könne ja zumindest nichts ausschließen, hilft. Denn für eine Beeinflussung von Denkprozessen mit Hilfe elektromagnetischer Wellen fehlt schlicht und einfach eine physikalische Wechselwirkung. Da gibt es nichts auszuschließen.

Nanotechnologie als “Connecting Link”

Die Arbeit an diesem Problem der fehlenden Wechselwirkung spielt sich bei den meisten Verschwörungstheoretikern allein auf der Ebene der Sprache ab. In ellenlangen Abhandlungen wird auf der vordergründigen Ähnlichkeit der Frequenzen herumgeritten, um eine vermeintlich zwangsläufige Logik zu suggerieren. Zahllose falsch verwendete Fachtermini und falsch verstandene und aus dem Zusammenhang gerissene Beispiele von (in Wahrheit völlig anderen) Wirkzusammenhängen sollen Wissen und Sorgfalt belegen, demonstrieren bei näherer Betrachtung aber nur, dass die Autoren nichts davon auch nur ansatzweise verstanden haben. Letztlich kaschiert die Flut an ungenauen und vage passenden Informationen nur, dass sie die Frage nach der Wechselwirkung schlicht und einfach nicht beantworten können.

Doch manche manche Verschwörungstheoretiker bemühen sich um andere Erklärungsansätze. Ein Schlagwort, das zuweilen gern bemüht wird, ist “Nanotechnologie”.

Zunächst ist es nicht verwunderlich, dass auch diese ihren Weg in die kursierenden Verschwörungshypothesen findet. Ähnlich wie die Quantenmechanik wird sie einerseits von kaum jemandem verstanden und scheint andererseits alles möglich zu machen, was bisher als unmöglich galt. Und ähnlich wie Gentechnik oder eben Techniken der psychischen Beeinflussung scheint sie eine attraktive Projektionsfläche für allgemeine Ängste in Verbindung mit Überforderung durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt zu sein.

Doch kann Nanotechnologie tatsächlich die fehlende Wechselwirkung liefern? Schafft sie die Möglichkeiten, einzelne Personen oder gar ganze Bevölkerungsgruppen ohne direkte Interaktion und ohne deren Wissen fernzusteuern? Macht sie plötzlich möglich, was bisher nur absurde Spinnereien sind?

Naja, vielleicht irgendwann irgendwie. Die Frage ist so viel zu allgemein formuliert, um sie mit mehr als Allgemeinplätzen beantworten zu können. Einige spezielle Zweige der Nanotechnologie, namentlich die, die sich mit Nanomaschinen oder Nanobots beschäftigen, wären tatsächlich mit Risiken verbunden. Wenn sie denn prinzipiell in der Lage wären, funktionierende Methoden zu liefern. Die Diskussion, ob man auf einige davon nicht lieber verzichten sollte, gibt es durchaus zu Recht.

Wenn es um Verschwörungstheorien geht, stellen sich aber andere Fragen:

  1. Gibt es bereits funktionierende Nanobots oder andere nanotechnologische Methoden, mit denen eine gezielte psychische Beeinflussung möglich ist? Oder gibt es zumindest vielversprechende Forschungsansätze in dieser Richtung?
  2. Setzt irgendjemand diese Methoden ein oder plant zumindest deren Einsatz?

Soweit ich sehe, gibt es weder auf das eine noch das andere belastbare Hinweise. Es gibt – ganz wie bei den “Schwingungen” – nichtmal eine Erklärung, wie das eigentlich konkret funktionieren sollte. (Zumindest ist mir keine bekannt. Ich freue mich natürlich über Hinweise, falls es doch eine geben sollte.) Damit ist Mind-Control auch mit Nanotechnologie eine reine Spekulation, die sich vor allem in der Phantasie der Verschwörungstheoretiker abspielt.

Selbst eine hypothetische Diskussion über die prinzipielle Möglichkeit macht nur Sinn, wenn jemand erklärt, welche Methoden konkret zum Einsatz kommen sollten und wie sie funktionieren sollen. Wie dies im verschwörungstheoretischen Tagesgeschäft aussieht, sehen wir uns mal an einem Beispiel an.

Ein aktuelles Forschungsergebnis

Einer Pressemeldung zufolge haben Wissenschaftler an der State University of New York in Buffalo erfolgreich mit der Stimulation von Nervenzellen mit Hilfe von magnetischen Nanopartikeln und elektromagnetischen Feldern experimentiert. Die Partikel wurden im Experiment Würmern in der Umgebung ihrer Sinnesorgane (genauer gesagt derjenigen, die für Temperaturmessung zuständig sind) appliziert. Daraufhin reagierten die Würmer auf elektromagnetische Wechselfelder.

Gezeigt wurde dadurch, dass durch magnetische Nanopartikel, die durch ein elektromagnetisches Wechselfeld angeregt werden, Körperzellen in höheren Organismen gezielt stimuliert werden können.

Da die Partikel gut zwischen den Zellen diffundieren können, besteht eine hypothetische Anwendung darin, diese Partikel in größeren Körperbereichen zu verteilen und die Reaktion für bildgebende diagnostische Verfahren zu nutzen. Aber auch Manipulationen an einzelnen Zellen oder Proteinketten konnten der Meldung zufolge im Experiment durchgeführt werden.

Ein physikalischer Übertragungsweg für Information? Prinzipiell schon. Das heißt aber noch nicht, dass dieser auch nur hypothetisch für Gedanken- oder Bewusstseinsbeeinflussung brauchbar wäre.

Dieses Experiment erinnert stark an José Delgados berühmte Stimoceiver. Und man kann es auch tatsächlich als eine gedankliche Fortsetzung dieser Forschung ansehen. Während Delgado dem Patienten noch aufwendige Empfangs- und Übertragungsapparaturen ins Gehirn pflanzen musste, könnte man mit dieser Technik Funksignale direkt an ausgewählte Hirnzellen übermitteln und diese damit zum “feuern” anregen, wenn man sie nur mit den entsprechenden Nanopartikeln präpariert. (Mal angenommen, das Verfahren lässt sich so ohne weiteres auf Neuronen übertragen.)

Aber: Delgado konnte mit mehreren Elektroden und einer intelligenten Empfangselektronik immerhin mehrere Hirnareale unabhängig voneinander per Funk reizen und damit gewünschte Reaktionen provozieren. Eine Kontamination mit Nanopartikeln lässt diese Differenzierung dagegen nicht zu. Man könnte höchstens eins oder mehrere gezielt kontaminierte Neuronen gemeinsam anregen. Dies setzt aber eine Interaktion mit der einzelnen Zielperson voraus, um diese gezielte Kontaminierung durchzuführen.

Wenn man dagegen eine Kontaminierung in der breiten Masse durchführen will – wie zum Beispiel manche Teile der Chemtrail-Szene unterstellen – dann könnte man allenfalls eine mehr oder minder gleichmäßige Kontaminierung des gesamten Nervensystems erreichen. Das bietet Stoff für gruselige Science-Fiction-Geschichten, in denen feindliche Armeen oder revoltierende Horden per Knopfdruck ausgeschaltet werden. Aber in Sachen Gedankenkontrolle hilft es nicht viel weiter. Denkprozesse basieren auf der abgestimmten Aktivierung vieler aber ganz bestimmter Neuronen in komplexen Mustern. Und wie man dies mit einer solchen Technik hinbekommen soll, muss auch erstmal jemand erklären.

Würde man als Verschwörungstheoretiker in dieser Richtung denken, würden sich mal wieder mehr neue Fragen stellen als alte beantwortet würden.

Und wie Halbwissen daraus Blödsinn macht

Und jetzt nehmen wir uns die Pressemeldung nochmal vor, lesen sie ganz besonders ungenau und stellen uns vor, wir würden fest an eine Mind-Control-Verschwörung glauben und ganz verbissen nach jedem Beweis dafür suchen. Dann kommt am Ende wahrscheinlich mehr oder minder das raus, was ein offenbar amerikanischer Verschwörungstheorien-Blog daraus gemacht hat.

Dort wird aus besagter Pressemeldung zitiert:

Clusters of heated, magnetic nanoparticles targeted to cell membranes can remotely control ion channels, neurons and even animal behavior, according to a paper published by University at Buffalo physicists in Nature Nanotechnology.

Und dazu kommentiert:

Using nanoparticles to remotely control animal behavior?

It doesn’t take a doctorate to understand the implications of such a technology.

Okay, das mag ja sein. Aber trotzdem ist das einfach nur ein suggestiver Allgemeinplatz und nicht etwa eine konkrete Aussage oder gar eine Schlussfolgerung. Oder wird etwa erklärt, welche Implikationen das sein sollen?

Nein, stattdessen wird fröhlich drauf los spekuliert:

What if “nanobots” that had the capacity to control human minds were programmed to search out and attach themselves to key areas of the human brain?

Echt jetzt, das war die gesamte Schlussfolgerungskette. Das typische verschwörungstheoretische “mal angenommen…” – und weiter geht es ungebremst mit den üblichen vagen Gruselgeschichten über Nanobots. Dass diese eigentlich nur hypothetisch existieren, mit relativ großer Wahrscheinlichkeit praktisch nicht funktionieren würden und zudem nicht so einfach beliebig programmiert werden könnten, schon gar nicht um komplexe Aufgaben zielgerichtet im menschlichen Nervensystem zu erledigen, scheint dem Autor nicht bekannt zu sein oder zumindest nicht sonderlich zu irritieren.

Wer muss sich schon um Fakten scheren, wenn sich das Publikum mit einem simplen “what if…” beeindrucken lässt.

Aber das eigentlich verblüffende ist, dass Nanopartikel einfach mal so mit Nanobots gleichgesetzt werden. Spätestens daran zeigt sich, dass hier wirklich jedes Grundlagenwissen und jedes Verständnis für Zusammenhänge fehlt. Nanopartikel haben per se erstmal nichts mit Nanotechnologie zu tun. Von Nanotechnologie ist in der Pressemeldung nur die Rede weil Nanopartikel zum Einsatz kommen und deren spezielle Eigenschaften genutzt werden. Das heißt nicht, dass diese Partikel selbst wie technische Geräte funktionieren.

Nanopartikel sind einfach Partikel mit Abmessungen im Nanometerbereich. Die haben besondere Eigenschaften. Insbesondere die, dass ihre Eigenschaften stark von der genauen Größe abhängen. Unter Umständen sind sie Gegenstand nanotechnoligischer Bemühungen. (Die meisten Zweige der Nanotechnologie beschäftigen sich nicht mit Nanobots sondern lediglich mit gewöhnlichen Nanopartikeln oder mit Oberflächeneigenschaften im Nanometerbereich.)

Meistens kommen Nanopartikel aber ohne Zusammenhang mit Nanotechnologie vor. Speziell gilt das für die beiden Arten von Nanopartikeln, die das Leben sehr vieler Menschen besonders direkt beeinflussen. Erraten, welche ich meine? Es sind Nanopartikel, die tatsächlich einen negativen Einfluss auf die Gesundheit haben oder haben können. Wirklich viele Menschen müssen ernsthaft unter ihnen leiden. Sie sollen sogar für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein.

Ich rede von Blütenpollen und Zigarettenrauch.

Nanobots hingegen sind große Moleküle, die die Eigenschaft haben, andere Moleküle Atom für Atom in einer bestimmten Weise zu verändern. Und auf hypothetischer Ebene und im Sinne von ersten Versuchen wird auf diesem Gebiet tatsächlich geforscht. Aber Pollen, Rauchpartikel oder die magnetischen Partikel, die an der Universität von New York zum Einsatz kamen, haben damit nicht das allergeringste zu tun. Beides gleichzusetzen wäre ungefähr so als würde man eine Eisenstange mit einer Dampflokomotive verwechseln.

Eigentlich sollte spätestens hier klar sein, dass dieser Text nichts als Unfug liefern dürfte. Aber, wie heißt es eben dort so schön?

But it gets even worse.

Es folgen nämlich die üblichen Spekulationen:

Video game makers are busy developing games that you control not with a joystick or a gamepad but rather with your brain waves.  So could such a technology someday be used in reverse?

Das hatten wir neulich erst. Aus irgendeinem Grund wollen Verschwörungstheoretiker nicht verstehen, dass etwas, das in der einen Richtung funktioniert, nicht so ohne weiteres in der anderen Richtung funktionieren würde. Und auch auf rhetorischer Ebene: Suggestivfragen scheinen die einzige Art von Beleg zu sein, die dieser Autor kennt. Also sparen wir uns die Spekulationen über RFID-Chips und Barack Obamas Gesundheitsreform, die darauf folgt.

Und nu?

Nix neues. Wie es scheint, ist “Nanotechnologie” für Verschwörungstheoretiker nur ein weiteres Buzzword, um den Diskurs über Erklärungslücken in einen neuen Bereich, den wieder scheinbar niemand versteht und deshalb vermeintlich jeder glauben muss, zu verlagern.

Das ist albern.

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