Beweisführungen in der Chemtrail-Szene

Das folgende Video ist eines von zahllosen, die als vermeintlicher Beweis für Chemtrails auf Youtube veröffentlicht und in der Conspiracy-Szene herumgereicht werden. Schauen wir uns doch einmal an, wie solche “Beweise” aussehen:

Nun, als Laie muss man zunächst folgendes konstatieren: Man sieht ein Flugzeug. Und das fliegt. Und es erzeugt dabei Kondensstreifen. Oder das, was – nach Lesart der Chemtrailer – landläufig dafür gehalten wird. Dann wird man vom Sprecher auf zwei Dinge aufmerksam gemacht:

  1. Der Kondensstreifen von Triebwerk Nr. 3 (das dritte von links) ist etwas dunkler als die anderen drei.
  2. In der Nahaufnahme sind die beiden Kondensstreifen auf der rechten Seite des Flugzeuges in ihrem Anfangsbereich, also dem Bereich direkt hinter der Düse, ungefähr solange er sich unmittelbar neben dem Flugzeug befindet etwas dunkler und etwas schwächer ausgeprägt als die auf der rechten Seite.

Stimmt, das ist so. Aber bevor wir in die Interpretation – die Chemtrailer belassen es ja wie üblich bei vagen Andeutungen – einsteigen, möchte ich ergänzend noch auf einige weitere Dinge aufmerksam machen:

  1. Die Sonne strahlt das Flugzeug von links an. (Das ist gut beim Herauszoomen zu erkennen.)
  2. Kondensstreifen bestehen aus Eispartikeln, an denen sich das Sonnenlicht bricht.

Könnte es sein, dass sich der vermeintlich rätselhafte Teil der beiden Kondensstreifen einfach im Schatten des Flugzeuges befindet und deshalb weniger kräftig leuchtet?

Und um den ersten Punkt nicht ganz außer acht zu lassen: Wenn ein Kondensstreifen etwas dunkler ist als andere, deutet das möglicherweise auf einen erhöhten Anteil von Rußpartikeln im Abgas des Triebwerkes hin. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann vorkommen, dass ein Triebwerk nicht richtig mir Kraftstoff versorgt wird und deshalb keine vollständige Verbrennung stattfindet. Es kann sein, dass ein Schmierstoff austritt und mit verbrannt wird. Es kann sogar sein, dass ein Triebwerk mal Feuer fängt. Dann sieht man zunächst eine Rußschleppe und dann das Löschmittel, das die Piloten in das Triebwerk sprühen.

Das sind zwar alles ungewöhnliche Vorkommnisse. Aber sie sind nicht übermäßig selten. Und sie sind nur in den seltensten Fällen gefährlich.

In dem Abschnitt, in dem wieder herausgezoomt wird, sieht man, dass der dritte Kondensstreifen nicht besonders von der Farbe der anderen abweicht sondern nur insgesamt etwas schwächer als die anderen ausgeprägt ist. Das bedeutet, dass er weniger Wasser als die anderen enthält. Das bedeutet wiederum, dass das betreffende Triebwerk weniger Treibstoff verbrennt, denn Kondensstreifen bestehen aus dem Wasser, das bei der Verbrennung im Triebwerk entsteht. Offenbar läuft es mit verminderter Leistung. Wahrscheinlich haben die Piloten es gedrosselt, um eine drohende Überhitzung zu vermeiden oder weil irgendeine technische Störung vorliegt.

Das Video als solches zeigt also nichts als Banalitäten, wie sie in der Zivil-Luftfahrt permanent vorkommen. Aber es lehrt uns etwas über die Art und Weise, in der die Chemtrail-Szene Scheinbelege produziert. Denn was besonders auffällt, ist, dass mit keiner Silbe auch nur angedeutet wird, weshalb die dokumentierten Beobachtungen denn eigentlich mit der Annahme einer Chemtrail-Verschwörung besser zu erklären wären.

Weshalb sollte es auf das Versprühen von Chemikalien hindeuten, wenn die Kondensstreifen aus unterschiedlichen Triebwerken unterschiedlich aussehen?

Weshalb wird eigentlich aus den Triebwerken versprüht, wo die Chemikalien ungeheurer Hitze ausgesetzt wären? Nur, weil man keine anderen Sprüheinrichtungen sieht?

Wenn angedeutet werden soll, dass Triebwerk 3 in Wirklichkeit eine als Triebwerk getarnte Sprühanlage ist – weshalb sind die Triebwerke dann unsymmetrisch angeordnet? Eine symmetrische Anordnung von Triebwerken und Sprühanlagen wäre weniger auffällig und würde zudem symmetrischen Schub gewährleisten.

Chemtrailer beantworten alle diese Fragen nicht. Sie weisen lediglich auf Dinge hin, die sie sich selbst nicht erklären können. Dass man sie im Rahmen ihrer Verschwörungstheorie noch viel weniger erklären kann, scheint sie dabei nicht zu irritieren.

Und dann wäre da noch Ockhams Razor: Mit Sonneneinstrahlung und einer kleinen, alltäglichen Unregelmässigkeit im Flugtriebwerk ist die Beobachtung erschöpfend erklärt. Wenn man die Allgemeinheit ernsthaft von einer großangelegten Verschwörung, die täglich Tausende von Flugzeugen starten lässt, um die ganze Menschheit zu vergiften, überzeugen will, muss man einfach ein bisschen mehr an Belegen zu bieten haben.

Bis jetzt habe ich keine besseren Belege für Chemtrails gefunden. Aber ich suche weiter. Versprochen.

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3 Responses to Beweisführungen in der Chemtrail-Szene

  1. Pingback: Verschwörungstheorien ohne Erklärungswert | Skeptics.de

  2. admin says:

    Dieser Kommentar wurde per eMail nachgereicht:

    “Könnte es sein, dass sich der vermeintlich rätselhafte Teil der beiden Kondensstreifen einfach im Schatten des Flugzeuges befindet und deshalb weniger kräftig leuchtet?”
    Ja klar, das erklärt gut, warum die “Unregelmäßigkeiten” (längere “Anfangszone” im 3. und “Lücke” im 4. Streifen) sich mit dem Flugzeug mitbewegen, also nur Schatten von Heck und Leitwerk sein können.

    “Mit Sonneneinstrahlung und einer kleinen, alltäglichen Unregelmässigkeit im Flugtriebwerk ist die Beobachtung erschöpfend erklärt.”
    Da läßt sich Ockhams Razor auch noch mal nachschärfen: Wenn man sich den Lichteinfall (ziemlich flach von links, daran erkennbar, daß der Boden des Jets fast bis zur Mitte beleuchtet ist, grob geschätzt 10 – 15 Grad über der Horizontalen) anschaut, dann liegt Streifen 3 schlicht und ergreifend zumindest teilweise im Schatten von Streifen 1.

    Leider habe ich nicht die graphischen Mittel und Fähigkeiten von bspw. Florian Freistetter http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/07/16/spharische-astronomie/, so muß ich mich mit verbaler Beschreibung begnügen.

    Der Mangel an räumlichem Vorstellungsvermögen ist imo eine unabdingbare Voraussetzung für den Chemtrailwahn.

    Gruß,
    PM.

    • Ich habe auch eine Weile mit dem Gedanken, die abweichende Einfärbung von Streifen 3 allein mit Schattenwurf zu erklären, geliebäugelt. Er sieht aber nicht so aus, wie ich es in diesem Fall erwarten würde. Schatten würde dazu führen, dass der Kondensstreifen schwächer, also weniger ausgeprägt und weniger stark leuchtend wäre. Dieser ist auch dort, wo er voll ausgeprägt ist, gleichmässig eingegraut. Meiner Einschätzung nach spricht das – bei aller Leidenschaft für Ockhams Rasiermesser – eher für Russpartikel.

      Aber wenn man nichts weiter als ein kleines Youtube-Video zur Verfügung hat, kann man sowieso nur spekulieren.

      “Der Mangel an räumlichem Vorstellungsvermögen ist imo eine unabdingbare Voraussetzung für den Chemtrailwahn.”

      Das ist – neben Mangel an Methodik, fehlendem naturwissenschaftlichem Grundlagenwissen und Ignoranz – sicher eine Komponente, die den Glauben an Chemtrails begünstigt.

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