Logische Inversion

Die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” gewährte uns gestern einen besonderen Einblick in verschwörungstheoretische Denkmuster.

Knapp zusammengefasst: Ein Anhänger stellte einige Bilder zur Verfügung, die er offenbar während einer Flugreise aufgenommen hat. Zu sehen sind der rechte Flugzeugflügel, Felder, Wölkchen, der Himmel und am Horizont ein dunkler Dunststreifen – mit anderen Worten nichts, was man nicht schon hunderte Male gesehen hat, wenn man ab und zu fliegt.

Auch die Umdeutung des Dunststreifens als künstlich erzeugte Aerosolschicht – Schöpfung des Scheinbelegs -, die man sogar sogar “wirklich mit eigenen Augen sehen” könne – dramaturgisches Aufbauschen – ist nicht weiter ungewöhnlich. Interessant ist aber, dass die tatsächliche Erklärung der Beobachtung von den Verschwörungstheoretikern gleich mitgeliefert wird. Denn in der Fußnote heißt es, die “einschlägig bekannten Chemtrail-Debunker” würden bestimmt behaupten, es handele sich um eine Inversionswetterlage.

Nur um auch dies kurz zusammenzufassen: Inversionswetterlage bedeutet, dass nicht wie üblich die Temperatur der Luftschichten von unten nach oben abnimmt – was aufgrund der aufsteigenden wärmeren Luft sonst zu einer Vermischung der Luftschichten und damit zu Verwirbelungen führt. Bei einer Inversion (=Umkehrung) sind die oberen Luftschichten wärmer als die unteren und damit leichter. Deshalb bleibt die Durchmischung aus, was zu stabilen, von einander abgeschotteten Luftschichten führt. Das wiederum führt dazu, dass Dunst oder Schadstoffe in der unteren Luftschicht nicht in die obere Schicht transportiert werden sondern in der unteren bleiben. Bei kontinuierlicher Zufuhr – wie bei Abgasen – führt das zu einer zunehmenden Konzentration. Dieses Phänomen ist bekannt als Smog.

Aber auch bei natürlicher Luftfeuchtigkeit kommt es zu einer Anreicherung, die sich nicht durch die gewohnte Wolkenbildung sondern durch eine Nebel- oder Hochnebelschicht, die nach oben abgeschnitten zu sein scheint, ausdrückt.

Eigentlich wäre damit alles, was auf den Fotos zu sehen ist, erklärt. Aber Verschwörungstheoretiker passen systematisch alle Beobachtungen in ihre Verschwörungshypothese ein. Und deshalb wird die Inversionswetterlage zu einer künstlichen Aerosolschicht umgedeutet.

Wie geht man aus skeptischer Sicht am besten mit dieser Denkstruktur um?

Grundsätzlich ist die ganze Chemtrail-Geschichte derart abwegig und unrealistisch und dazu noch so dünn begründet – von “belegt” will ich garnicht reden -, dass man so etwas wohl am besten ganz ignoriert. Aber wenn man im Bekanntenkreis in eine solche Diskussion verwickelt wird, wenn man den Eindruck der Voreingenommenheit vermeiden möchte oder wenn man einfach Spaß daran hat, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, dann ist es jetzt angezeigt, die Behauptung, also die Umdeutung der Inversionsschicht als künstliche Aerosol-Schicht genauer zu überprüfen. Denn wer immer behauptet, auf den Bildern sei keine Inversionsschicht sondern ein künstlicher “Schild” aus “chemischen” Aerosolen zu sehen, muss in der Lage sein, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Wie kann man einen künstlichen Aerosol-Schild von einer natürlichen Inversionswetterlage unterscheiden?
  2. Wie kann ein künstlicher Aerosol-Schild eine solche stabile Schichtung ausbilden, wenn garkeine Inversionswetterlage vorliegt?

Und zum Weiterdiskutieren kann man dann auch gleich einige praktische Fragen nachlegen:

  • Welche Masse hat ein solcher Aerosol-Schild eigentlich?
  • Wieviele Flugzeuge bräuchte man eigentlich, um ihn zu versprühen?
  • Wie lange ist er stabil und in welchem Takt müsste man die Sprühkampagne wiederholen, damit er permanent besteht?
  • Oder welchen Nutzen hat er eigentlich für die angeblichen Verschwörer, wenn man ihn einfach wieder verschwinden lässt?
  • Und passt das alles eigentlich zu der Anzahl der Flugzeuge, die im betreffenden Zeitraum in der betreffenden Region zu beobachten waren?

Es wäre schön, wenn die Verfechter der Chemtrail-VT ein bisschen mehr konkrete Daten vorlegen würden anstatt nur wahllos irgendwelche Beobachtungen als künstliches Aerosol umzudeuten.

Aber eigentlich war das garnicht das Thema. Interessant ist an dieser Geschichte wie gesagt, dass die Umdeutung wissentlich stattfindet, der Verschwörungstheoretiker also die tatsächliche Erklärung kennt und sogar offenlegt. Er spielt also gewissermassen einen verschwörungstheoretischen “Null Ouvert”.

Der Sinn dieses Manövers ist leicht zu durchschauen: Offensichtlich ist dem Autor klar, dass seine Behauptung binnen kurzem mit der realistischen Erklärung konfrontiert wird. Damit er selbst nicht als unwissend dasteht, nimmt er diese deshalb selbst vorweg und versucht, sie im gleichen Atemzug lächerlich zu machen und ihrerseits als Zeichen von Voreingenommenheit darzustellen. Dazu benutzt er einen altbewährten Trick: Er verknüpft sie mit einer anderen Erklärung, die er an anderer Stelle bereits lächerlich gemacht hat oder von der er annimmt, dass sie bei seinem Publikum als absurd angesehen wird. (In diesem Fall die, dass Chemtrails einfache Kondensstreifen seien.) Dadurch erhält die neue Behauptung (bei der Neblschicht handele es sich um eine Inversionswetterlage) ebenfalls den Anschein des Absurden.

Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Variante des Strohmann-Argumentes. Wer anzweifelt, dass es sich um eine künstliche Aerosolschicht handelt, zweifelt auch grundsätzlich daran, dass es Chemtrails überhaupt gibt. Die Besonderheit gegenüber dem üblichen Strohmann ist, dass auch dieser eigentlich nur innerhalb des eigenen Publikums als selbstverständlich angesehen wird. Aber wie jeder Strohmann erzeugt auch dieser beim Leser ein inneres Commitment. Und dies wird in diesem Fall so eingesetzt, dass es die Polarisierung zwischen Verschwörungstheoretikern und dem Rest der Welt verstärkt. Es zwingt den Leser, innerlich Farbe zu bekennen, zu welcher Partei er gehört.

Und damit ist es ein durchaus geschickter rhetorischer Winkelzug.

Soweit die Rhetorik. Wenn es darum geht, ernsthaft über eine vermeintliche Chemtrail-Verschwörung zu diskutieren, müssen die Verschwörungstheoretiker zuerst die gewaltigen naturwissenschaftlichen, logischen und praktischen Erklärungslücken in ihrer Verschwörungstheorie schließen. Vielleicht verirrt sich ja einer davon hierher und beantwortet die oben genannten Fragen. Das wäre zumindest ein Anfang.

Nachtrag: Wie aus einer Diskussion andernorts zu entnehmen ist, wurde die Ergänzung, die ich hier analysiere erst hinzugefügt, nachdem der Autor explizit auf die korrekte Erklärung hingewiesen wurde. So geschickt und vorausschauend wie ich dachte war es also wohl garnicht.

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4 Responses to Logische Inversion

  1. Der Macher der Photos hat sich auch zeitgleich in einen Forum gemeldet und dort die Bilder präsentiert. im Laufe der Nacht haben diverse Leute die Fligth-Radardaten und wetterkarten zu diesen Flug zusammengesucht und sogar <a href="“>den Ort bestimmt, an den das Flugzeug zum Zeitpunkt der Photos gewesen ist. Die Recherche der Flugdaten war ja leicht, denn die Kennung steht gross auf den Flügel des Fliegers 😀

    Ergebnis. Das Flugzeug befand sich schon lange im gleitenden Sinkflug, war zu diesen Zeitpunk in 3500-4000 meter Höhe, es gab offenbar eine Inversionswetterlage, bei der eine Dunstschicht durch die “Normale” Luftverschmutzung, völlig normal ist.

    inzwischen wundert sich der User selbst, dass sauberer Himmel das so ungeprüft übernommen hat

    • Danke für die ergänzenden Informationen. Das ist schon fast einen eigenen Artikel wert.

      Besonders interessant finde ich aber den Hinweis, dass die Ergänzung zwar die Form einer Vorhersage hat aber erst kam als der Autor explizit auf die Erklärung hingewiesen wurde. Hätte ich geahnt, dass er sich zu einem so billigen Trick, der so leicht auffliegt, verleiten läßt, hätte ich ihn natürlich niemals für rhetorisches Geschick gelobt.

      Da bin ich ihm doch glatt auf den Leim gegangen 🙂

      • Wenn man sauberer Himmel länger verfolgt, dann wundert einen gar nichts mehr.

        Der Chemtrail-Thread bei allmystery ist zwar manchmal schwer zu lesen, aber eine gute Informationsquelle was sauberer Himmel angeht. dort wurden lange Zeit zeitnah die neuesten Meldungen der Bürgerinitiative analysiert. Hat in letzter Zeit aber nachgelassen, weil auch bei SH das Niveau nachgelassen hat und man sich dort nicht andauernd mit den selben Quatsch (“Was hat dieser Geo-Engineering-Artikel mit Chemtrails zu tun?!”) beschäftigen will.

        …auch bei sauberer Himmel ist dieser Thread bei Allmy bekannt

        Viele der dort Schreibenden “Chaoten” sind Privatpiloten, Ex-Kampfpiloten, Flugzeugmechaniker oder Planespotter

        • Okay, ich sollte definitiv mehr bei Allmystery lesen. Danke für den Hinweis.

          Ich verfolge “Sauberer Himmel” erst seit Astrodicticum Simplex darüber geschrieben hat. Und ich habe in der Tat vor allem das Problem, bei SH überhaupt eine greifbare Aussage zu finden, die man diskutieren könnte. SH ist eher sowas wie ein riesiger Kochtopf, wo alles reinkommt, was irgendwie mit dem Thema zu tun haben könnte, wenn man nicht so genau hinsieht.

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