Projekt SEAL und die Rezeption in der Chemtrail-Szene

Die US-Streitkräfte entwickeln und testen allerlei unterschiedliche Waffen. Einige dieser Entwicklungen wie die Atombombe und die Wasserstoffbombe haben später eine wesentliche historische Bedeutung und gehen bereits in ihrer Entwicklung mit spektakulären Tests einher. Deshalb bleiben sie in der allgemeinen Wahrnehmung gegenwärtig. Andere erweisen sich als untauglich, bleiben bedeutungslos, weil parallele Entwicklungen mächtigere Waffen hervorbringen, oder funktionieren schlicht und einfach nicht. Diese Versuche sind in aller Regel weit weniger bekannt.

So weit, so belanglos.

Interessant ist die Rolle, die diese Fehlentwicklungen in Verschwörungstheorien spielen. Denn Verschwörungstheoretiker neigen dazu, den geringen Bekanntheitsgrad einer Detailinformation nicht als Indikator für deren Bedeutungslosigkeit zu interpretieren sondern als Beweis für die Wirksamkeit einer angenommenen Vertuschungs-, Volksverblödungs- oder Desinformationsstrategie anzusehen. Diese Neigung lässt sich insbesondere dann beobachten, wenn es um etwas geht, was – als Teil einer Waffenentwicklung – zunächst der Geheimhaltung unterlag und auch später, nach Aufhebung der Geheimhaltung, nicht weiter aufgegriffen wird, weil das, wofür es ursprünglich gedacht war, längst durch andere Waffen, die ausführlich in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, abgedeckt wurde.

Projekt SEAL – der erste Schritt zu modernen Tsunami-Waffen?

Als ich auf Werner Altnickels Portal chemtrail.de nach untersuchenswerten Behauptungen stöberte, stolperte ich in einem seiner aktuelleren Artikel über das Projekt SEAL. Mit den üblichen suggestiven Superlativen (“streng geheimer Plan”, “gewaltige Flutwellen auslösen”) gibt Altnickel einen groben Abriss davon, was ein Autor und Filmemacher namens Ray Waru im Neuseeländischen Staatsarchiv unter inzwischen deklassifizierten Dokumenten gefunden haben will: ein Projekt zur militärischen Nutzung von Flutwellen.

Sogenannte “Erdbebenwaffen”, “tektonische Waffen” oder auch “Wetterwaffen” geistern seit jeher durch den Teil der Verschwörungs-Szene, der sich auf HAARP und Chemtrails fixiert. In aller Regel sind diese Schilderungen geprägt von einem nicht weiter begründeten Glauben in eine unbegrenzte Macht solcher Waffen verbunden mit vollkommener Ahnungslosigkeit darüber, wie diese eigentlich physikalisch und technisch funktionieren sollten. Meistens steht dahinter letztlich nichts weiter als die Aussage von irgendjemandem, der irgendwo zu irgendeinem völlig anderen Thema in einem Halbsatz gesagt hat, dass er so etwas nicht völlig ausschließen könnte, die dann erbarmunglos aufgebauscht wird.

Ein konkretes Projekt, in dem tatsächlich versucht wurde, eine richtige Tsunamiwaffe zu entwickeln, ist da schon eine andere Liga. Unabhängig davon, ob dies dann ein Beleg für neuere Verschwörungsbehauptungen wäre, sollte man sie Frage stellen, ob im Projekt SEAL tatsächlich so etwas getan wurde.

Und die Antwort lautet: Na ja.

Die Details von Projekt SEAL sind aus militärhistorischer Sicht sicherlich enorm spannend. Und sicherlich lohnt es sich aus diesem Blickwinkel, ausführlichere Veröffentlichungen oder die Originaldokumente zu lesen. Geht es einem aber um die Frage, auf welche Informationen die Verschwörungstheoretiker ihre behaupteten Wunderwaffen stützen, ist man bereits ernüchtert, wenn man nur den Links nachgeht, die sie als Literaturbelege angeben.

Altnickel verweist auf einen Artikel in einem Nachrichtenportal, das offenbar zur britischen Daily Mail gehört. Ein Eintrag in einem verschwörungstheoretischen Online-Forum verweist auf einen Online-Artikel von The Telegraph. Beide geben die Eckdaten eines Versuchsprogrammes wieder, das offenbar kurz vor und kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges durchgeführt wurde.

Projekt SEAL – nur eine weitere vermeintliche WWII-Wunderwaffe

Aus den beiden Artikeln geht hervor, dass Projekt SEAL offenbar ein Geheimwaffenprojekt des späten Zweiten Weltkrieges war – der Zeit, als noch nicht klar war, ob die Entwicklung der Atombombe erfolgreich sein würde. Ziel war die Entwicklung eines Waffensystems, das in der Lage war, auf einen Schlag und ohne längere Vorwarnzeit große Zerstörung anzurichten. Zu diesem Zweck wurde untersucht, ob es machbar wäre, durch koordinierte submarine Zündung konventioneller Sprengsätze (es ging ja gerade um das Szenario, dass man möglicherweise keine Atombomben zur Verfügung haben würde) Flutwellen auszulösen und damit Marineanlagen und Küstenstädte zu zerstören.

Ein Feldversuch im Pazifik mit 3.700 Sprengsätzen zeigte, dass dies prinzipiell machbar ist. (Ob es sich um eine einzige Testsprengung oder um eine Testreihe handelte, wird nicht klar.) Experten schätzen jedoch, dass für eine wirkungsvolle Tsunamiwaffe zwei Millionen Tonnen Sprengstoff erforderlich wären. Diese Angabe ist so vage, wie Angaben in der Boulevardpresse eben sind. Aber es liegt die Vermutung nahe, dass damit zwei Megatonnen TNT-Äquivalent gemeint sind. Das entspräche einer kleineren Fusionsbombe, deren Sprengkraft sich allerdings auf eine Vielzahl konventioneller Sprengsätze, die günstig angeordnet und koordiniert gezündet werden müssten, verteilt.

Da beide Artikel an dieser Stelle lieber auf Ufo-Geschichten, die Waru ebenfalls im Nauseeländischen Nationalarchiv gefunden haben soll, umschwenken, wird nicht ganz klar, ob dieses Fazit eher als Richtschnur für zukünftige Folgeexperimente oder als abschließendes Negativ-Fazit gemeint war. Aus heutiger Sicht, nachdem die Entwicklung von Fissions- und später auch Fusionswaffen erfolgreich war, stellt sich jedoch die Frage, welchen Wert eine solche Waffe hätte, selbst wenn es sie gäbe. Geschweigedenn, wenn man sie erst entwickeln müsste. Denn die Nachteile gegenüber Atomwaffen, wenn man diese denn nun hat, sind beträchtlich:

  • Zwei Megatonnen TNT-Äquivalent sind nicht ganz wenig, egal, ob man sie auf eine kleinere Anzahl von Atomsprengköpfen oder auf eine Vielzahl konventioneller Sprengköpfe verteilt. Zudem ist eine geeignete Platzierung und eine koordinierte Zündung anpruchsvoll.
  • Nur ein geringer Anteil der Sprengkraft wird tatsächlich in einen “Tsunami” umgesetzt. Und dieser wiederum brietet sich kreisförmig aus, so dass nur ein kleiner Teil seiner Energie das eigentliche Ziel trifft.

Bei einer offenen militärischen Anwendung stellt sich also die Frage, warum man die benötigten Bomben nicht einfach über dem Ziel abwirft. Denn dabei wären sie um Größenordnungen wirkungsvoller. Und für eine verdeckte Operation ist der Aufwand (wir sprechen von zwei Millionen Tonnen Sprengstoff. Die derzeit größten Massengutfrachter haben eine Ladekapazität von etwa 400.000 Tonnen. Man würde also fünf riesige Frachtschiffe brauchen, nur um den Sprengstoff zu transportieren.) einfach zu groß. Und selbst wenn er – meinetwegen beim Einsatz kleiner Atomsprengköpfe – leistbar wäre, wäre das Verhältnis von Aufwand und Wirkung viel kleiner als bei anderen Methoden. Und schließlich und endlich würde das ganze Verfahren nur bei einigen Hafenanlagen und Küstenstädten funktionieren. Also nur bei einem kleinen Teil der potentiell interessanten Ziele.

Im Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten verzweifelt nach wirkungsvollen Waffen suchten und der Erfolg der Atombomben-Projekte noch keinesfalls sicher war, mag eine solche Machbarkeitsstudie sinnvoll gewesen sein. Aber wer heute behauptet, die USA oder wer auch immer würde dieses Programm oder ein ähnliches heute noch verfolgen, muss sich vor allem fragen lassen, welchen Nutzen irgendjemand davon haben sollte.

Tsunami- und Erdbebenwaffen – alles eine Frage der Größenordnung

Da Verschwörungstheoretiker gern mit plakativen Suggestiv-Vergleichen anstatt mit klaren Fakten antworten: Der Tsumani von 2004 hat natürlich gewaltige Zerstörung im Indischen Ozean angerichtet. Aber das war eine ganz andere Größenordnung als die, über die wir hier sprechen. Diese Flutwelle wurde von einem Erdbeben mit der Magnitude 9,1 ausgelöst. Die freiwerdende Energie entspricht also einem TNT-Äquivalent von 475 Megatonnen. (Angaben von Wikipedia.) Das entspricht gut dreissig der stärksten einsatzfähigen Wasserstoffbomben. Selbst wenn man zynisch genug ist, diese Wirkung auf Waffentechnik anzuwenden, landet man ganz schnell bei der Frage, warum es eigentlich so attraktiv sein sollte, diese Sprengkraft zu benutzen, um eine Flutwelle auszulösen, anstatt einfach einen Bruchteil davon direkt ins Ziel zu lenken.

Projekt SEAL macht nur Sinn vor dem Hintergrund des späten Zweiten Weltkrieges, wo es darum ging, die Sprengkraft von vielen konventionellen Sprengsätzen zu der eines nuklearen zu bündeln, weil man diesen zwar militärisch brauchte aber nicht zuverlässig zur Verfügung hatte. Eine künstlich erzeugte Flutwelle als Medium zur Bündelung zu benutzen, war eine von wahrscheinlich vielen Ideen, dies zu erreichen. Aber die Ergebnisse dürften eher dagegen als dafür sprechen, dass daraus jemals überhaupt eine einsatzfähige Waffe geworden wäre.

Und dass diese Versuche heute mit hypothetischen modernen Wunderwaffen und mit zynischen Verschwörungstheorien um künstlich ausgelöste Erdbeben und Tsunamis in Verbindung gebracht werden, spricht weniger dafür, dass in den Verschwörungstheorien doch ein wahrer Kern stecken könnte als für das Unvermögen der Verschwörungstheoretiker in zweierlei Hinsicht: Das Unvermögen, zu verstehen, dass die Waffenentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg den Militärs und den Geheimdiensten inzwischen Mittel an die Hand gegeben hat, die offen zu Tage liegen und viel wirksamer sind, so dass sie diese Hirngespinste denen manche Konspirationisten nachhängen, garnicht mehr brauchen. Und das Unvermögen, sich das physikalische Ausmaß der Vorgänge, über die sie da spekulieren, zum Beispiel die Energiemengen, die für die Realisierung ihrer Spekulationen notwendig wären, vorzustellen.

Und was hat das Ganze jetzt mit Chemtrails zu tun?

Die Antwort ist so schlicht wie banal: Nichts.

Oder nur insofern, dass es eben eine der Standardmethoden der Chemtrail-Szene ist, mit allerlei Geschichten über Waffenentwicklungen um sich zu werfen und die Behauptung, dass jemand, der “zu sowas fähig” sei auch fähig sei, Chemtrails zu versprühen unausgesprochen im Raum stehen zu lassen.

Diese Geschichten zeigen also vor allem, dass die Chemtrail-Szene an Belegen nichts zu bieten hat. Davon hat sie allerdings eine Menge. Denn die Anzahl der nicht weiter verfolgten Waffenprojekte aus dem Zweiten Weltkrieg dürfte ins Unendliche gehen. Da gibt es auf Youtube sicher noch einiges auszugraben.

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