Die verschwörungstheoretische Argumentationsstruktur

Ich fasse einfach mal zusammen, was ich durch Diskussionen, Youtube-Videos und Vorträge über den generischen Verlauf von Pro-Verschwörungs-Argumentationen gelernt habe. Das scheint mir doch recht typisch und charakteristisch für den Verlauf der allermeisten Diskussionen zu sein. Und im Wust der Scheinargumente geht das eigentliche Vorgehen bei der Beweisführung leicht unter.

Die Argumentationsbasis: allgemeines Verschwörungsdenken

Verschwörungstheoretische Argumentationen setzen ein vorgeprägtes Weltbild voraus, auf dem sie gewissermassen aufsetzen: Die Welt ist böse, Regierungen sind korrupt, Konzerne sind gierig und machthungrig. Die USA haben uns schon hundertmal belogen, die CIA begeht skrupellos Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Welt ist durchzogen von mächtigen Geheimbünden. Oder doch zumindest gesteuert von den heimlichen Absprachen einflussreicher Männer. (Es scheint, dass es tatsächlich meistens Männer sind.)

Von diesem allgemeinen Verschwörungsdenken gehen Verschwörungstheoretiker aus. Sie erwarten es bewusst oder unbewusst von ihren Gesprächspartnern. Und es hat zwei wesentliche Funktionen für das erfolgreiche Werben für eine Verschwörungstheorie:

  1. Es führt zu einem – oft stillschweigenden – Konsens, dass man den bösen Mächten – auch der eigenen Regierung – ALLES zutraut.
  2. Es bringt den, der erstmal davon ausgeht, in die Selbstbestätigungsdynamik, von der alle irrationalen Überzeugungssysteme leben.

Verschwörungstheoretiker vertrauen in der Diskussion felsenfest darauf, dass diese beiden Mechanismen wirken. Und dann wird nicht mehr kritisch hinterfragt sondern man kann gemeinsam in allem und jedem eine Bestätigung für die Verschwörungstheorie suchen. Egal, wie vage diese dann auch ist.

Man merkt Verschwörungstheoretikern in der Diskussion oft an, dass sie einfach erwarten, dass diese Entwicklung eintritt. Wenn nicht, dann wird man als “Schalfschaf”, “Büttel des Systems” oder “bezahlter Lobbyist” eingestuft. In der Online-Welt werfen Verschwörungstheoretiker gern offen mit solchen Behauptungen um sich. Wenn sie einem dabei direkt in die Augen sehen müssen, ziehen sie es oft vor, sich der weiteren Diskussion zu entziehen.

“Da bin ich eben anderer Meinung als Sie.”

Der Verlauf der Argumentation

So sieht der argumentative Kontext aus. Die Argumentation, mit der Verschwörungstheoretiker konkret für ihre Theorie werben, folgt dann meist diesem Schema:

  1. Flächenbombardement mit Pseudofakten
  2. Taktischer Rückzug
  3. Immunisierung mit exklusivem Geheimwissen

Phase 1

Verschwörungstheoretische Diskussionen sind von einer erheblichen Diskrepanz zwischen Qualität und Quantität gekennzeichnet. So kann man beliebig viele Stunden damit verbringen, Beweisvideos für Chemtrails anzusehen. Allesamt erschöpfen sich darin, dass ein Flugzeug gezeigt wird, an dessen Kondensstreifen irgendetwas “komisch” ist. Und “komisch” heisst auch nur, dass der Verschwörungstheoretiker es nicht versteht. Man kann stundenlangen Vorträgen voller wahllos aneinandergereihter Fakten anhören, ohne ein Argument zu hören, das über “da stimmt doch was nicht” herausgeht.

Keins dieser Argumente, wirklich keins ist für sich genommen überzeugend. Und jedes kann man komplett auseinandernehmen, wenn man von dem speziellen Detailthema etwas versteht. Wirken tut es durch die reine Masse. Diese Strategie zielt einzig darauf ab, das Publikum überwältigen. Und angesichts der Vielzahl an “Indizien” für die alle man gar nicht Experte sein kann und die ein normaler Mensch auch nicht alle hinterfragen kann, ziehen leider viele den Schluss, dass “etwas dran sein muss”.

Phase 2

Deshalb hat es sich als nützliche Strategie erwiesen, sich in einer laufenden Diskussion auf einen konkreten “Beweis” zu konzentrieren. Bohrt man nach, wie der geschilderte Sachverhalt wirklich belegt werden kann, ob er tatsächlich nur durch die Verschwörungstheorie erklärt werden kann oder auch WIE die Verschwörungstheorie ihn erklärt, bringt man Verschwörungstheoretiker meist schnell zum taktischen Rückzug.

“Ich habe nie gesagt…”

In dieser Phase legen Verschwörungstheoretiker großen Wert darauf, deutlich darauf hinzuweisen, dass sie selbst nichts beweisen können. Sie weisen selbst deutlich darauf hin, dass ihre Videos letztlich nichts beweisen und dass sie – mit vielen Begründungen – nicht beweisen können, was sie selbst erzählen. Sie beharren an dieser Stelle darauf, dass sie nur zeigen wollen, “dass da etwas nicht stimmt”.

Das, was im ersten Schritt als überzeugender Beweis präsentiert wurde, wird im zweiten Schritt also wieder relativiert.

Bei Verschwörungstheoretikern, die sich der Kritik ja meistens bewusst sind, ist dieses Vorgehen oft auch ein Element von Vorträgen. Dabei wird versucht, den Widerspruch  in ein Argument für die Verschwörungstheorie umzukehren. Das funktioniert sogar recht gut, weil es unterstreicht,

  1. wie schwer es ist, an konkrete Informationen zu kommen, wie groß die Geheimhaltung also sein muss, und
  2. wie vehement die Kritiker versuchen, die Verschwörungstheorie zu torpedieren.
Wenn das Publikum sich in der Selbstbestätigungsdynamik befindet, kann der Verschwörungstheoretiker so aus der inhaltlichen Kritik an seinen Argumenten wieder ein rhetorisches Scheinargument für sein Verschwörungskonstrukt als Ganzes machen.

Dieses Vorgehen ist eis der zentralen Überzeugungsmittel, die verschwörungstheoretische Vorträge prägen.

Erich von Däniken hat die Angewohnheit, in seinen Vorträgen die konventionellen Erklärungen der echten Wissenschaftler gezielt ins Lächerliche zu ziehen. Sein Vorgehen, auf das er viel Talent und Übung verwendet, sieht folgendermassen aus:

  1. Zuerst führt er sein Publikum sorgfältig in seine Deutung ein. Dabei verwendet er viel Suggestivkraft – Graphiken, Formulierungen und so weiter. Zum Beispiel ist ein zentraler Punkt seiner Vorträge, darzustellen, weshalb der “Maya-Astronaut” wie ein Raumfahrer in seiner Kapsel aussieht. Wenn man sich darauf einlässt, kann man in diesem Relief eigentlich gar nichts anderes mehr erkennen.
  2. Dann lässt er ein sorgfältig ausgewähltes Detail der konventionellen Deutung in einem Halbsatz fallen. Sinngemäß: Ja ja, das sollen die Barthaare des Wettergottes sein. Wo jeder klar denkende Mensch erkennt, dass das der Feuerstrahl des Triebwerks sein muss.
  3. Und schließlich deutet er das Ganze als gezielte Verdummung der “Mitnickergesellschaft” durch die Fachwelt. Welches Interesse diese daran haben sollte, fragt man dann garnicht mehr. Ja, er leistet es sich sogar, selbst zu sagen, dass er das nicht nachvollziehen kann. Und das macht es nur noch mystischer und damit überzeugender.
In dieser Hinsicht ist er wirklich sehenswert.

Auch Werner Altnickel setzt direkte Kritik an seiner Argumentation direkt als Argument in seinen Vorträgen ein. So war eins seiner “Beweisvideos”, das von der Debunker-Szene längst als Luftbetankung identifiziert worden war – auch ich schrieb darüber – auch in seinem Vortrag am 1. Februar 2012 in Berlin ein wichtiges Überzeugungsmittel.

Altnickel wies ausdrücklich darauf hin, dass “manche” behaupten würden, dass es sich um eine Luftbetankung handeln würde. Seine Replik  – die wie gesagt Teil des Vortrages für das breite Publikum war – war zweigeteilt:

  1. Er akzeptierte nicht, dass es eine Luftbetankung sein sollte. Erstens war der Abstand der Flugzeuge seiner Meinung nach viel zu groß. Zweitens hätte das Flugzeug, das den Schub wegnahm ja langsamer werden müssen.
  2. Er wies darauf hin, dass er nicht beweisen könne, dass es wirklich Chemtrails waren. Er wisse auch nicht, ob in diesem Beispiel wirklich Chemtrails verprüht worden seien. Aber es sei doch offensichtlich, dass da etwas nicht stimme.

Widerspruch mit Notausgang. Gefühlt Mystik als Rettungsinsel, falls die inhaltlichen Argumente untergehen. Sowas begegnet einem ständig in verschwörungstheoretischen Diskussionen.

So absurd es auch klingen mag: Der zweite Schritt der Beweisführung besteht darin, zu betonen, dass man es nicht beweisen kann.

Phase 3

Man kann Verschwörungstheoretiker also dahin bringen, dass sie selbst eingestehen, dass die von ihnen vorgebrachten “Beweise” gar nichts beweisen. Dann stellt sich die Frage, was sie eigentlich letztgültig von der Richtigkeit ihrer Verschwörungstheorie überzeugt. Und was den geneigten Zuhörer überzeugen soll.

Auch diese Frage beantworten viele schon von sich aus präventiv.

Der Trumpf der in dieser dritten Phase ausgespielt wird, ist Geheimwissen, über das nur der Verschwörungstheoretiker verfügt.

Erich von Däniken beruft sich oft und gern auf Gespräche mit Archäologen, die ihm angeblich persönlich anvertraut haben sollen, dass sie ja auch viele Lücken in der konventionellen Deutung sehen, dass sie das aber nur nicht offen sagen könnten. Von Däniken begründet das dann mit dem Ruf in der Fachwelt, auf den diese Leute achten müssten.

Verschwörungstheoretiker aus dem Kontext NWO, Wunderwaffen oder Chemtrails berufen sich gern auf Informationen, die ihnen Geheimagenten oder Beamte gegen Zusicherung absoluter Verschwiegenheit anvertraut haben. Auch Werner Altnickel hat das in seinem Vortrag über Chemtrails getan. Oft ist auch von Dingen die Rede, die Verschwörungstheoretiker mit eigenen Augen gesehen haben wollen, über die sie aber nichts genaueres sagen könnten. Das habe dann entweder ungeheure Konsequenzen für sie oder ihre Informanten.

Und da sind wir an der Stelle, wo man ihnen glauben muss oder eben nicht. (Auch wenn man sich dann fragen sollte, warum es keine Konsequenzen hat, wenn sie es in dieser Form über Youtube verbreiten.) Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass jemand, der viele Belege veröffentlicht, die einer näheren Untersuchung nicht standhalten, nicht gerade bei solchen Geschichten ein zuverlässiger Zeuge sein dürfte. Man kann aber auch einfach das Gefühl haben, dass eine bestimmte Person glaubwürdig ist. Auch Charisma ist etwas, was einen erfolgreichen Verschwörungstheoretiker auszeichnet.

Ich behaupte, das ist das, was Erich von Däniken berühmt und erfolgreich gemacht hat. Aber Anekdoten sind eben keine Daten.

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