“Chemo oder Vitamine?”

Mit dieser Suggestivfrage als Titel verbreitet Verschwörungstheoretiker und Aids-Leugner Matthias Rath derzeit auf einer Vortragsreise seine Ansichten zum Thema Vitamine und Krebs – heute (am 13. März 2012) in Berlin. Seine Thesen als solche sind bereits von Berufeneren lang und breit diskutiert worden. Deshalb belasse ich es hier bei dem Verweis auf Psiram.com und die GWUP.

Was mich – ich bin nur zufällig durch ein Plakat an der S-Bahn darauf gestoßen – daran interessiert, ist vor allem, wie eine solche Veranstaltung abläuft. Wer ist das Publikum? Wie zahlreich wird es erscheinen? Welchen Tonfall werden Vortrag und Diskussion haben? Wie wird mit kritischen Fragen umgegangen? Wie gläubig oder kritisch sind die Zuschauer? Und vor allem: Wie wird er versuchen eine Glaubwürdigkeit zu erzeugen? Oder hat er gar überzeugende Argumente? Das sind die Fragen, die mich heute Abend ins Stage-Theater am Potsdamer Platz treiben. Und ich werde versuchen, alles, was ich bereits über Hern Rath und seine Aktivitäten gelesen habe, auszublenden und herauszuhören, welche Details tatsächlich überzeugend sein könnten und zu überlegen was gegebenenfalls dran sein könnte.

Der Veranstaltungsort

Normalerweise finden im Berliner Stage-Theater am Potsdamer Platzerbaulichere Veranstaltungen wie Die Schöne und das Biest oder Auftritte der Blue Man Group statt. Und nicht zu vergessen natürlich Udo Lindenbergs Musical. Was ein bekanntes Musical-Theater, das als eine der Hauptspielstätten der Berlinale bekannt ist, dazu bringt, Menschen wie Matthias Rath eine Bühne zu geben, kann ich nicht nachvollziehen.

Ich vermute, dem Betreiber geht es ähnlich wie den Universitäten. Denn die befinden sich auch in dem Dilemma, dass sie einerseits ihre Räumlichkeiten vermieten müssen aber sich damit andererseits gerade für Pseudowissenschaftler und religiöse Fundamentalisten, die sich durch einen solchen Veranstaltungsort in die Nähe eines wissenschaftlichen Anspruchs rücken können, attraktiv machen.

In jedem Fall bin ich gespannt, ob Veranstaltung und Veranstaltungsort zueinander passen? Wird das Stage-Theater aus allen Nähten platzen? Wird sich ein verlorenes Häufchen im Parkett herumdrücken? Oder findet alles einfach in einem kleinen Nebenraum statt?

Meine Fragen

Natürlich ist es auch für einen kritischen Zuhörer guter Stil, dem Vortrag aufmerksam zuzuhören und Widerspruch in Form von kritischen Fragen und begründeten Einwänden zu äußern. Ob ich Gelegenheit haben werde, meine Fragen an den bzw. die Referenten in einer Anschlussdiskussion zu stellen, weiss ich nicht. Aber zum Glück folgt mir neuerdings jemand oder etwas namens Movemnt_of_Life auf Twitter. (Wirklich ohne “e” und offensichtlich Raths Organisation, denn dort wird reichlich Werbung für die Veranstaltung gemacht.) Daher habe ich die Fragen, die ich stellen würde, einfach schonmal vorab getwittert:

Da @Movemnt_of_Life mir folgt, erlaube ich mir, die Fragen, auf die ich mir heute eine Antwort erhoffe, zu twittern.

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vermutete Verschwörung in der Pharma-Industrie ausser dem Cui-Bono-Argument?

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vergrößerung der positiven Effekte von Vitaminen auf das Krebsrisiko bei Steigerung der Menge?

@Movemnt_of_Life: Alle Medikamente sind in Überdosis gefährlich? Weshalb ist das ein Argument speziell gegen Chemotherapie?

@Movemnt_of_Life: Krebszellen reagieren empfindlicher auf Chemotherapie als gesunde Zellen. Richtig oder falsch?

@Movemnt_of_Life: Falls richtig: Wie belegen Sie, dass Chemotherapie einseitig Schadet und die Neubildung von Krebs fördert?

@Movemnt_of_Life: Falls falsch: Wodurch belegen sie, dass diese allgemein anerkannte Darstellung falsch ist?

(Zwischen 18:05 und 18:10, die Rächtschraipfähla von mir im Original.)

Die Veranstaltung

Ich bin ein bisschen erstaunt (und auch ein bisschen entsetzt) über den Zuspruch. Der Kerl (bzw. seine Stiftung) hat tatsächlich das ganze Theater gemietet. Im Foyer (das nicht gerade aus allen Nähten platzt aber doch gut gefüllt ist) gibt es ein Come-Together mit Buchverkauf und Info-Ständen von einigen Schwesterorganisationen. Das Publikum ist durchschnittlich und altersmäßig relativ gleichmässig zwischen 40 und 70 verteilt. Leute unter 30 sehe ich nur sehr vereinzelt.

Die eigentliche Vortragsveranstaltung findet tatsächlich im großen Saal statt (in dem aber nur das Parkett zugänglich ist). Ich schätze knapp 1100 Sitzplätze von denen zu Beginn des eigentlichen Vortrages ein gutes Drittel bis die Hälfte besetzt ist – also ganz grob geschätzt gut 400 Zuhörer. (Nachtrag: Movemnt_of_Life twittert anschließend eine Schätzung von ungefähr 600.)

Das Podium

Auf der Bühne steht ein Rednerpult sowie ein Tisch für sechs Diskutanten. Namensschilder gibt es für

  • Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr,
  • Matthias Müller von Blumencron und
  • Georg Maccolo, beide Chefredakteure des Spiegel,
  • Dr. Ulrich Seemann,
  • Dr. Alexandra Niedzwiecki (Leiterin von Raths Forschungsintitut) sowie
  • Dr. Matthias Rath.

Ich bin wirklich gespannt, ob die geladenen Gäste, mit denen die Veranstaltung auch beworben wurde, tatsächlich kommen werden. An den Projektionswänden steht zur Begrüßung “Vitamine statt Chemo!”, offenbar die suggestivrhetorische Weiterführung des “Chemo oder Vitamine?” vom Plakat.

Die Vorträge

Angekündigt wird, dass die Veranstaltung von 19 Uhr bis 21:30 gehen wird. (Es werden noch 30 Minuten Überziehung dazu kommen.) Also lange zweieinhalb Stunden. Moderator ist Dr. Seemann.

1. Vortrag: Ein Fallbeispiel

Als erstes gibt es einen kurzen “Erfolgsbericht” von einer Dame namens Bärbel Salinger. Ich freue mich, dass die Frau offenbar eine schwere Krankheit überwunden hat. Aber die innbrünstige Begeisterung, mit der sie sich über Matthias Rath als Person äußert, erinnert an einen sektenhaften Personenkult. Ebenso ihre persönliche Willensbekundung: “Ich werde alles tun, dass meine Heimatstadt Halle(Saale) krebsfrei wird.” (Was dem von Raths Anhängern gebetsmühlenartig rezitierten Credo “XY-Stadt krebsfrei!” entspricht.)

Selbst wenn man unterstellt, dass die Fakten wahr sind und nicht verzerrt dargestellt wurden, muss man festhalten, dass ein solcher Einstieg kein Zeichen für eine seriöse Veranstaltung ist. Denn erstens würde ein gewissenhafter Arzt, der die Grundlagen seines Berufs beherrscht, nicht suggerieren, dass ein Einzelfall ein stichhaltiger Beleg für die Wirksamkeit einer Therapie ist. Und zweitens ist es weder für einen Akademiker noch für einen Behandler ein angemessenes Verhalten, einen Ausdruck sektenartiger Verehrung an den Anfang einer von oder für ihn organisierten Informationsveranstaltung zu stellen.

Dazu kommt, dass die Fakten selbst in diesem eindeutig tendenziösen Vortrag fragwürdig bleiben. Denn die behandelnde Ärztin hat nach Aussage von Frau Salinger die Erfolge auf die Cortisontherapie zurückgeführt. Frau Salingers zentrales Argument besteht darin, dass sie diese inzwischen heimlich abgesetzt hatte. Wie lange dieser Zeitpunkt vor der Diagnose lag und wie lange sie das Cortison eingenommen hatte, bleibt unklar.

2. Vortrag: Der Mechanismus der Krebsentstehung aus Raths Sicht

Anschließend erklärt Rath den Mechanismus der Krebsentstehhung. Er erklärt ihn – soweit ich verstanden habe – damit, dass Krebszellen Collagen-Ketten zerstören und damit dafür sorgen, dass sie selbst aber auch gesunde Zellen wie Blutkörperchen durch den Körper wandern können. Inwieweit seine Erklärung den tatsächlichen Mechanismus der Metastasierung korrekt wiedergibt, kann ich nicht beurteilen.

Interessant ist, dass er zu Beginn fragt, wer aus dem Publikum zum ersten Mal bei einer seiner Veranstaltungen zugegen ist. Aus Handzeichen schließt er, dass es etwa die Hälfte sein muss. Ich häte zehn Prozent geschätzt, konnte von meiner Position aus aber den abgedunkelten Saal nur bedingt überblicken.

Irritierend finde ich seine Aufforderung, nicht mitzuschreiben. “Ich bitte Sie, sich zu gedulden, bis sie das morgen nachlesen können.” Eine Aufforderung, seine Bücher zu kaufen? Angst vor kompromittierenden Vortragsnotizen? Oder einfach nur eine Gefälligkeit und der Wunsch nach aufmerksamen Zuhören, der etwas ungeschickt rüberkam? Ich zumindest zwinge mich zu aufmerksamen Zuhören, indem ich mir weiter fleissig Notizen mache.

Dann betont Rath den Stiftungscharakter seiner Organisation. Es ist ihm exorbitant wichtig, dass jeder versteht, dass seine Organisation keine Profite macht. Über Gehaltsstrukturen und Subunternehmer schweigt er sich indes gänzlich aus.

Inhaltlich bringt der Vortrag nichts, was nicht schon in dem vorab verteilten Käseblättchen gestanden hätte: Die Schocker-Pseudeo-Argumentation, dass Präparate der Chemotherapie aus Modifikationen des Senfgas-Moleküls bestehen, reichlich verziert mit Schreckensdarstellungen von Senfgas-Verletzungen und dessen Charakter als Waffe – geflissentlich die Tatsache ignorierend, dass bei praktisch jedem Medikament die Dosis über die Frage “Gift oder Heilmittel” entscheidet. Und die Behauptung, dass die Chemotherapie auch das gesunde Gewebe schädigt und damit natürlich zu Sekundärerkrankungen (bis hin zum Tod) führen kann – verschweigend, dass der Sinn der Chemotherapie ja gerade darin liegt, dass Krebszellen empfindlicher auf die Vergiftung reagieren.

Man soll niemandem böse Absicht unterstellen. (Das sagt auch Hanlons Razor.) Aber diese Argumentation ist derart naiv, dass ich mir beim besten Willen nur schwer vorstellen kann, dass ein promovierter Mediziner diesen Sachverhalt aus schlichter Unkenntnis so darstellt.

Wirklich frech ist hingegen die Darstellung des vermeintlichen Presseechos. An der Projektionswand wird eine Meldung über sensationelle Erfolge seiner alternativen Krebstherapie präsentiert – ausdrücklich gekennzeichnet als Zitat aus USA Today. Im Vortrag spricht er ausdrücklich von einer Veröffentlichung in einer der wichtigsten Zeitschriften der USA. Erst durch den Nachsatz wird klar, dass es sich garnicht um eine echte Zeitungsmeldung handelt sondern lediglich eine Pressemeldung seines Instituts, deren Veröffentlichung USA Today explizit verweigert hat.

Ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich daraus auf Raths allgemeine Methode bei der Darstellung von Sachverhalten schließe. Auch die Darstellung von Heilungsraten aus den Studien seines Instituts ist nicht besser. Offenbar gibt es dazu keine Peer-Review-Veröffentlichungen. Nach seiner Aussage sei es nur eine Frage der Zeit, bis es dazu Veröffentlichungen gebe. Wer sich mit dem Wissenschaftsbetrieb auskennt, fragt sich vermutlich, warum sie noch nicht vorliegen, wenn die Belege so überzeugend sind, wie er sie darstellt. Aber ein relativ unbedarftes Publikum dürfte beeindruckt sein.

Dann wird es ganz krude. Zunächst schildert er den Vorgang bei der Ausbreitung von Krebs durch eine Art Pacman, der sich durch das Bindegewebe frisst. Ob man das so stehen lassen kann, weiss ich nicht. In jedem Fall ist die Aussage, dass man dies durch Mikronährstoffe (also Vitamine & Co.) blockieren kann, gewagt, insbesondere wenn seine Metapher lautet, dass Pacman mit einem Keil “das Maul gestopft bekommt”. Nun gut, mir ist das zu platt. Für ein nichtakademisches Publikum mag das eine hilfreiche Metapher sein. Aber mit einer solchen einem solchen Publikum eine außergewöhnliche Behauptung zu verkaufen ist unseriös.

Ein wirklich derber Missgriff ist der Vergleich mit Skorbut. Das ist einfach nur ein billiger Suggestiv-Verweis, der seine Vitamine in die Nähe von Zellzerstörung stellen soll. (Skorbut entsteht bei langfristigem Mangel an Vitamin-C, weil ohne Ascorbinsäure als Katalysator keine stabilen Zellproteine gebildet werden können und sich der Körper dadurch nach und nach immer mehr auflöst. Krebs hingegen entsteht aus krankhaft wuchernden Zellen, die das übrige Gewebe zerstören.) Beides hat vielleicht mittelbar miteinander zu tun, weil – in diesem Punkt ist seine Darstellung vermutlich richtig – durch Skorbut vorgeschädigtes Gewebe noch empfindlicher auf die Ausbreitung von Krebs reagiert. Aber das gilt genauso bei Strahlenschäden oder jeder anderen Form von Gewebeschäden. Das ist kein spezieller Zusammenhang zwischen Krebs und Vitaminen. Und es bedeutet auch nicht, dass Vitamine das Krebsrisiko auf Null reduzieren können. Das ist eine Verzerrung der Tatsachen, die auch nicht dem nichtwissenschaftlichen Publikum geschuldet ist. Das ist schlicht und einfach Blödsinn.

(Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass seine Behauptung, dass Tiere keinen Krebs bekommen, weil sie Ascorbinsäure selbst produzieren, Unsinn ist. Falls ich da falsch liege, bin ich für sachkundige Richtigstellung dankbar. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Denn ich kenne genug Haustiere, die wegen Tumoren behandelt wurden oder daran gestorben sind.)

Als Beleg für all dieses dienen Versuche an Mäusen, deren Fähigkeit zur Synthese von Ascorbinsäure genetisch beseitigt wurde und denen Tumorzellen zum Auslösen von Krebs injiziert wurden. Dabei wird die Wachstumsrate von Tumoren verglichen, und zwar an Mäusen, die Ascorbinsäure verabreicht bekamen und an Mäusen, die keine bekamen. (Ohne anzugeben, ob in normaler Dosis oder Überdosis.) Und die simple Erkenntnis ist, dass bei Mäusen, die garkeine Ascorbinsäure haben, Tumore schneller wachsen. Das ist banal, weil die vollkommene Abwesenheit von Ascorbinsäure natürlich zur Gewebeschädigung führt. Aber Rath verkauft das dem nicht vorgebildeten Publikum als Beweis, dass Vitamine Krebs verhindern. Ich denke, das muss ich nicht weiter kommentieren.

3. Vortrag: Die Arbeit an Raths Institut

Als nächstes präsentiert Frau Dr. Niedzwiecki, die Leiterin von Raths Forschungsinstitut, die Arbeit des selbigen – auf Englisch, Rath übersetzt (manchmal recht frei aber sinngemäß korrekt).  Jetzt, wo die für die Forschung in Raths privater Stiftung Verantwortliche spricht, darf man wohl am ehesten mit belastbaren wissenschaftlichen Aussagen rechnen. Und sie nimmt den Mund ziemlich voll – mit einer reichlich suggestiven rhetorischen Frage:

“Wir können jetzt Krebs bekämpfen – was ist die Grundlage für unseren Erfolg?”

Dann benennt sie die drei ‘Säulen’ des gemeinsamen Erfolges:

  1. Keine Profitorientierung.
  2. Man habe den Schlüsselmechanismus der Metastasierung herausgegriffen. (Interessanterweise tatsächlich dieses Verb, nicht etwa “identifiziert” oder “kontrollierbar gemacht”.)
  3. Selbstlose finanzielle Unterstützung.

Offensichtlich ist dieser Abschnitt eher als Dankesrede zu verstehen und noch nicht als wissenschaftlicher Hintergrundbericht. Dann verweist sie auf angeblich über 70 Veröffentlichungen in “medizinischen Journalen”, die auf der Homepage des Instituts aufgezählt seien. (Ich habe das nicht geprüft und weiss daher nicht, um welche Journale es sich dabei handelt. Ich könnte als medizinischer Laie den Quellenwert sowieso nicht beurteilen. Aber der spätere Verlauf des Vortrages wird noch einen Eindruck vom Umgang mit Quellenverweisen seitens des Instituts geben.)

Dann kommt wieder die schon öfter gezeigte Werbung für die im Foyer feilgebotenen Bücher. Ich frage mich schon, ob selbstgeschriebene und im Selbstverlag veröffentlichte Bücher der beste Beleg sein sollen, den sie zu bieten hat. Aber dann geht sie zum Glück doch noch etwas detaillierter auf ihre Forschungsarbeit ein. Genauer gesagt heisst das, sie behauptet, man könne mit ihren Forschungsergebnissen die Schlüsselmechanismen der Krebs-Regelung (Original: “key-mechanisms of cancer-control”) beherrschen (jetzt werde ich neugierig auf die Erläuterungen und auf den Beleg) und sie präsentiert eine Auswahl aus den von ihr identifizierten über vierzig relevanten Stoffe.

Und sie präsentiert tatsächlich Versuchsergebnisse (in Form von Fotos von Tumoren aus Versuchstieren). Allerdings ist immer wieder nur vom Unterschied zwischen einer Situation ganz ohne diese Mikronährstoffe (welche zumindest in vielen Fällen auch die evidenzbasierte Medizin empfiehlt) und einer Verabreichung derselben die Rede. Es wird also bestenfalls gezeigt, dass eine Mangelernährung Krebs begünstigen kann. Weshalb eine Überdosierung diesen bremsen, blockieren, stoppen oder was auch immer können sollte, bleibt zunächst im Dunkeln.

Interessant wird es dann endlich im folgenden Abschnitt. Hier werden Aufnahmen von Krebszellen präsentiert, deren Lebensphase durch Marker farblich gekennzeichnet ist. Nach Aussage von Frau Niedzwiecki belegt dies, dass Krebszellen desto mehr absterben, je mehr Mikronährstoffe verabreicht werden. Ob das Hand und Fuß hat und in wieweit das mit einer entsprechenden Schädigung auch des gesunden Gewebes einhergehen könnte, kann ich nicht beurteilen. An dieser Stelle kann ich lediglich die Frage stellen, ob diese Ergebnisse in verlässlichen Peer-Review-Magazinen veröffentlich sind und wie diese Veröffentlichungen von Dritten bewertet wurden. Wenn diese Ergebnisse reproduzierbar und einschließlich der Schlussfolgerung korrekt dargestellt sind, wären sie vermutlich sensationell. Es sollte also Peer-Review-Veröffentlichungen und eine rege Diskussion dazu geben. (Der Vollständigkeit halber muss ich natürlich noch sagen, dass selbst dann nur belegt wäre, dass die Mikronährstoffe eine Heilwirkung hätten. Die Aussage, dass sie Krebs ganz blockieren könnten, wäre dann immer noch etwas überzogen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.)

Woher Rath jetzt plötzlich die Aussage, es handele sich “um keinen Vergiftungsvorgang sondern um eine Umprogrammierung im Zellkern” nimmt, erschließt sich mir nicht. Zudem frage ich mich, inwiefern eine “Umprogrammierung” zum Absterben keine Vergiftung sein soll. Aber wirklich bemerkenswert ist, dass der ansonsten in sich selbst ruhende Rath an dieser Stelle sichtlich nervös und in vorauseilendem Gehorsam einen bei pseudomedizinischen Behauptungen häufig gerechtfertigten Einwand vorwegnimmt: Kritiker könnten sagen, es handele sich um Einzelfälle. Dass er selbst diesen Einwand erwartet, spricht nicht gerade dafür, dass Frau Dr. Niedzwiecki eben eine methodisch korrekte Untersuchung vorgestellt hat.

Und es geht noch weiter. Als nächstes wendet er die Standard-Immunisierungsstrategie aller Pseudomediziner an: Wenn es nicht wirkt, dann war der Krebs eben schon zu weit fortgeschritten (mit der Vitamintherapie ist also nicht früh genug angefangen worden) oder der Körper ist durch die konventionelle Medikation zu stark vorgeschädigt. Das ist die typische Vorgehensweise. Erfolge werden – wie im ersten Vortrag – pauschal für die eigene Therapie in Anspruch genommen. Misserfolge werden pauschal dem angeblichen Schaden durch die konventionelle Therapie angelastet. So entsteht zwangsläufig eine zu 100% positive Pseudo-Statistik.

Endlich also ein Detail, das tatsächlich einer Überprüfung wert sein könnte. Und postwendend entlarvt Rath es selbst als Humbug.

Aus dem Publikum heraus meldet sich an dieser Stelle jemand mit der Frage, ob zu den vorher erwähnten Heilungsraten placebokontrollierte Studien gemacht worden seien, zu Wort. Rath versucht, ihn abzuwürgen – mit der Bitte, mit Fragen bis zum Ende der Veranstaltung zu warten. Der Fragende hakt nach und Rath sagt, es gäbe eine (sic!) zum Thema Leukämie. Weitere seien “in Arbeit” (sic!). Es ist schon eine deutliche Diskrepanz, dass einerseits von jahrzehntelanger Forschungsarbeit und spektakulären (sogar die Welt verändernden), nicht von der Hand zu weisenden und eindeutig bewiesenen Erkenntnissen die Rede ist aber ernstzunehmende Belege dazu bestenfalls “in Arbeit” sind. Ich frage mich, wie Herr Dr. med. Rath es verantworten kann, angesichts dieser mehr als dünnen Belege seine eigene Therapie als Allheilmittel anzupreisen und schwer kranken Menschen ernsthaft von Standard-Therapien, die nachweislich eine nennenswerte Erfolgsaussicht bieten, abzuraten. Und das gleich mit einem ideologischen Überbau, der auf Behauptungen basiert, die wiederum durch nichts weiter untermauert sind als ebendiese dürftigen Belege.

Halten wir fest: Selbst Rath nimmt – bei seiner Neigung, die Faktenlage zu Gunsten seines Standpunktes auszudehnen – nur eine einzige bereits veröffentlichte “placebokontrollierte” Studie für sich in Anspruch. Ob es sich dabei um eine korrekt randomisierte und doppelt verblindete Studie handelt, die auch tatsächlich in einem ernstzunehmenden Peer-Review-Magazin veröffentlicht wurde, wird dabei nichtmal klar. Ich mag mir garnicht vorstellen, was davon übrig bleibt, wenn man seine an anderer Stelle deutlich gewordenen Beschönigungen hiervon abzieht.

Und man muss sich klar machen, dass es bei außergewöhnlichen Behauptungen in der Medizin immer Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen gibt. Im Fall Homöopathie gibt es zum Beispiel eine Vielzahl von positiven und negativen Studien. Erst die Meta-Studien zeigen, dass die Qualität der Studien deutlich zu deren Ergebnis korreliert ist. (Je besser die Qualität der Studie desto mehr verschwindet die vermeintliche Wirkung der Homöopathie.) Daher können auch Homöopathen auf positive Studienergebnisse verweisen, obwohl die Homöopathie letztlich nicht haltbar ist.

Dass eine derart dünne Faktenlage mit allerlei Rhetorik zu einem weltbewegenden Erfolg aufgebauscht und dann noch in vorauseilendem Gehorsam immunisiert wird, darf man wohl so interpretieren, dass Rath selbst klar ist, dass seine “Beweise” bei genauerer Betrachtung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Der Fragende hakt schließlich noch einmal nach mit der Frage nach einer amtlichen Zulassung von Raths Präparaten. Das Publikum beginnt nun zu protestieren. “Geh doch nach Hause! Wir wollen das hören!” So schallt es im Chor. Ich habe den Eindruck, dass zumindest ein nennenswerter Teil des Publikums Raths Ansichten nahesteht und eher glaubensgetrieben als kritisch an seinen Vortrag heran geht.

4. Vortrag: Ein “neues Gesundheitssystem”

Im vorletzten Vortrag spricht Moderator Seemann über seine bzw. Raths Vision von einem neuen, weltweiten Gesundheitssystem. Allerdings meint er damit nicht eine Reform der Finanzierungssysteme der Gesundheitsversorgung sondern eine fundamentale Umwälzung der Kostenstrukturen durch einen weltweiten Umstieg von der konventionellen Krebsbehandlung auf Raths sogenannte Zellularmedizin.

Er präsentiert allerlei beeindruckend wirkende Zahlenspielereien, die die Kosten konventioneller Krebstherapien mit den gesamten Kosten der Gesundheitsversorgung sowie letztere mit ausgewählten Staatshaushalten und dem Eurorettungsschirm vergleichen. Sein Fazit ist, dass bei einem konsequenten Umstieg auf die Zellularmedizin eine effektive Kosteneinsparung von € 300 MRD pro Jahr möglich sei. Dies solle dann auch die Entwicklung verhindern, die seiner Meinung nach zwangsläufig aus den bestehenden Verhältnissen folgen muss: Den Ruin sämtlicher Staaten und deren letztendliches Zusammenbrechen. Seine Behauptung basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

  1. Die Zellularmedizin wirkt in vollem Umfang. Das heißt, sie bietet nicht nur eine Heilungschance sondern sie kann alle Krebserkrankungen vollständig verhindern.
  2. Sie kommt nur deswegen noch nicht flächendeckend zum Einsatz, weil sie von einem verschwörerischen Pharma-Kartell aus Profitgier unterdrückt wird.

Damit nimmt er auch die Verschwörungstheorie, die Thema des letzten Vortrages sein wird, vorweg. Bereits an dieser Stelle ist erkennbar, dass selbige allein auf dem (wertlosen) Cui-Bono-Argument basiert. (Die Pharma-Industrie verdient märchenhafte Summen an Krebs. Deshalb ist sie für ihn verantwortlich. Das ist ungefähr so als würde man sagen, Meteorologen verdienen am Wetter, also machen sie es.)

Was mir inhaltlich ins Auge sticht, ist der schludrige Umgang mit Wirtschafts-Kennzahlen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Seemann geht näher auf die Profite der Pharma-Branche ein. Das heißt, er gibt vor, genauer zu erklären und zu verdeutlichen, dass Pharma-Unternehmen verglichen mit Unternehmen aus anderen Branchen völlig überhöhte Profite machen. In Wahrheit tut er aber nichts anderes, als die Scheinobjektivität irreführend dargestellter Zahlen zu nutzen, um die latente Feindseeligkeit des Publikums gegenüber der Pharma-Industrie zu provozieren.

Ob es sich dabei um einen frommen Selbstbetrug handelt, weil Seemann die wirtschaftlichen Zusammenhänge, über die er spricht, selbst nicht versteht, oder ob er sein Publikum vorsätzlich in die Irre führt, ist natürlich nicht zu erkennen.

Seemanns Zahlenspiel funktioniert im Grunde wie jedes Stammtischargument mit missverstandenen Zahlen: Er präsentiert eine Übersicht über die durchschnittlichen Geschäftsergebnisse in unterschiedlichen Branchen. Die dargestellten Kennzahlen bezeichnet er als “Profite” und spricht über sie als seien es Gewinne. Die Werte sind aber nicht in absolutem Geldwert sondern in Prozent angegeben. Es handelt sich also eher um Renditen.

Entscheidend ist aber, dass nicht gekennzeichnet ist, ob es sich dabei um Umsatzrenditen oder irgendeine Form von Kapitalrenditen handelt. (Strenggenommen ist nichtmal klar, ob es sich in allen Fällen um dieselbe Art von Rendite handelt.)

Über die genaue Renditeart kann man nur spekulieren. Aber dass es sich um Kapitalrenditen – was noch am ehesten zu dem Gerede über “Profite” passen würde – handelt, ist eher unwahrscheinlich. Denn die Werte liegen zwischen 4,3% (Lebensmittel) und über 25% (Pharma). Auch wenn die Renditeerwartungen mit der Wirtschaftskrise nach unten gegangen sind, wäre eine Kapitalrendite (gleich, ob Stammkapital oder ROI) von unter 5% ruinös. Kein Kapitalgeber würde längerfristig in ein Unternehmen investieren, wenn die Kapitalrendite unterhalb der Gewinnerwartung auf dem Aktienmarkt liegen würde.

Die angegebene Rendite für die Lebensmittelindustrie wäre als Kapitalrendite also unglaubwürdig. Für Umsatzrenditen ist das Spektrum hingegen plausibel. Die bewegen sich je nach Branche normalerweise grob zwischen 2% und 30%. Wohlgemerkt: Bei gesunden, profitablen Unternehmen. Das hängt damit zusammen, dass die Verhältnisse zwischen Kapitaleinsatz und Umsatz je nach Branche stark schwanken. Die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel erreichen mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz vergleichsweise hohe Umsätze. Deshalb haben diese Unternehmen auch bei geringer Umsatzrendite einen ausreichenden Kapitalertrag. Pharma ist hingegen eine extrem kapitalintensive Branche, die zudem ihre Erträge (wegen der langwierigen Zulassungsverfahren) erst nach einer vergleichsweise langen Vorlaufzeit erreicht.

Dazu kommt, dass Pharma-Produkte nur wenige Jahre durch Patente geschützt werden können. Deshalb müssen Pharma-Investitionen in wenigen Jahren amortisiert sein – bevor die deutlich preisgünstigeren Generika auf den Markt kommen. Deshalb können Pharma-Unternehmen nur mit sehr hohen Umsatzrenditen existieren. Dass die Lebensmittelbranche unter 5% liegt, Pharma dagegen weit über 20% ist also eigentlich überhaupt nicht erstaunlich.

Vermutlich vergleicht Seemann Unternehmen, die vollkommen gesund und gleichermaßen profitabel sind. Sein Vergleich ist also, solange er nicht ein solches Missverhältnis bei echten und vergleichbaren Kapitalrenditen zeigt und die Zahlen auch ausreichend belegt, vollkommen wertlos.

Es müsste allerdings schon ein sehr großes Missverhältnis sein. Denn speziell in der Pharma-Branche kommt noch eine weitere Eigenheit hinzu: Nur ein Bruchteil der Medikamente, in deren Entwicklung und Erprobung investiert wird, erreicht tatsächlich die Zulassung. Deshalb ist Pharma nicht nur eins der kapitalintensivsten sondern auch eins der riskantesten Investments überhaupt. Aus diesem Grund investieren hier nur sehr finanzstarke und risikobereite Kapitalgeber. Und die haben entsprechende Renditeerwartungen.

Es wäre also nichtmal ungewöhnlich, wenn Pharma eine vergleichsweise hohe durchschnittliche Kapitalrendite hätte. Bitte nicht missverstehen, ich habe nicht vor, mich zum Anwalt der Pharma-Unternehmen zu machen. Ganz sicher gibt es dort genausoviele krumme Geschäfte wie in jeder Branche. Der Punkt ist, dass Seemanns Zahlen einfach genau garnichts aussagen. Seemann indes schließt aus diesem vermeintlich eklatanten Missverhältnis auf kriminelle Machenschaften seitens der Pharma-Branche.

Er beschließt den Vortrag damit, dass er sein bzw. Raths Engagement mit demjenigen gegen Gentechnik und Atomkraft vergleicht. Das Publikum antwortet mit einem längeren, etwas müde wirkenden Applaus. Ein vereinzeltes “Bravo” ist zu hören.

5. Vortrag: Haarsträubende Verschwörungstheorien

Und dann kommt’s ganz dicke. Rath kündigt an, die “Brücke zum politischen Verständnis” zu schlagen. Mit anderen Worten: Es folgt die ausführliche Schilderung seiner persönlichen Verschwörungstheorie über die, wie er es nennt, “Welt-Eroberungs-Pläne des Chemo-Pharma-Kartels”. (Seine Bindestrichitis, nicht meine.)

Letztlich erschöpft sich die Grundlage seines Weltbildes im Cui-Bono-Argument – die Chemieindustrie hat durch die Giftgasproduktion vom Ersten Weltkrieg profitiert, die Pharma-Industrie durch Menschenversuche in der Nazi-Zeit. Also war beides nichts anderes als die zwei ersten Versuche des “Chemo-Pharma-Kartells”, die Weltherrschaft zu erringen. Die nach Raths auch sonst reichlich wirrer Argumentation künstlich erzeugte “Krebs-Epidemie” (ja, der Mann nennt das wirklich so) ist der dritte. Und aus irgendeinem Grund ist es ganz selbstverständlich, dass dieser zwangsläufig erfolgreich sein muss, wenn wir alle nicht sofort auf Raths Zellularmedizin umsteigen.

Ich muss mich zusammenreissen, um mich angesichts dieser Verhöhnung und gewissenlosen Instrumentalisierung der Opfer nicht zu übergeben.

Als Belegt hat er freilich auch in diesem Vortrag nicht mehr zu bieten als das bereits ausführlich besprochene:

  1. Die Pharma-Industrie profitiert vom Leid anderer. (Cui-Bono, also untauglich um eine Verschwörungsbehauptung zu begründen.)
  2. Die Profite der Pharma-Industrie sind nur durch unlautere Machenschaften zu erklären. (Falsch, weil es sich lediglich aus einer Fehlinterpretation falsch verstandener Zahlen ergibt.)
  3. Dieses Leid könnte viel einfacher und kostengünstiger beseitigt werden. (Freundlich formuliert: Unbelegt. Und selbst wenn dieser Punkt richtig wäre, begründet er nicht, dass die EU das Nachfolgekonstrukt für das Nazi-Regime ist, oder den ganzen anderen haarsträubenden Unsinn.)

Die Podiumsdiskussion

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch die ist nichts weiter als eine Tüte lauwarme Luft. Erwartungsgemäß sind weder der Bundesgesundheitsminister noch die beiden Spiegel-Redakteure erscheinen. Nach Raths Lesart scheuten sie es, “Rede und Antwort zu stehen”.

Wirklich peinlich ist allerdings, dass nichtmal die Referenten den Anstand haben, sich hinter ihre Namensschildchen zu setzen und so etwas wie eine Diskussion zu führen. Letztlich führt der demonstrativ aufgebaute Tisch nichts weiter vor Auge, als dass Rath und seine Mitstreiter für ernstzunehmende Gäste zu unwichtig oder zu peinlich sind. So gesehen ist er eigentlich das Beste an der ganzen Veranstaltung.

Und selbstverständlich bekommt auch das Publikum keine Gelegenheit, Fragen zu stellen – obwohl Rath die Zwischenfragen ausdrücklich auf das Ende der Veranstaltung verwiesen hatte.

Fazit

Ich habe mich bemüht, unvoreingenommen an die Veranstaltung heranzugehen und Schlussforlgerungen nur aus dem zu ziehen, was ich tatsächlich selbst erlebt habe. Aber Rath und seine Leute machen es einem wirklich nicht leicht, etwas herauszufiltern, das eventuell einer kurzen Überlegung oder gar einer weiteren Prüfung wert wäre. Große Behauptungen und breit ausgewalzte Schock-Rhetorik, reichlich Weisse-Kittel-Anekdoten, die hochkarätige wissenschaftliche Forschung vortäuschen sollen aber bei genauerer Betrachtung zu den behaupteten Erkenntnissen in überhaupt keinem direkten Zusammenhang stehen. Das ganze auf drei Stunden ausgedehnt und mit einer Verschwörungstheorie, die den Durchschnitt sowohl an Zynismus als auch an Einfalt und Durchschaubarkeit in ihrer Begründung weit übertrifft. Und alles zusammen verdeckt, wenn man nicht genau aufpasst und ausreichend Hintergrundwissen mitbringt, die Tatsache, dass die tatsächlichen “Beweise” geradezu mikroskopisch sind und zudem noch nichtmal ansatzweise einer Überprüfung stand halten.

Kurz gesagt: In drei vollen Stunden Geschwafel nicht ein einziger Grund, selbiges länger als anderthalb Sekunden ernst zu nehmen. Und damit werden gutgläubige Menschen von einer lebensrettenden Therapie ferngehalten!

Von meinen Fragen wurde nur eine eindeutig beantwortet: Rath tut tatsächlich so als gäbe es den Wirkmechanismus der Chemotherapie nicht. Die Unwirksamekeit belegen kann er freilich nicht. Sein so ziemlich einziges Argument ist, dass viele Chemotherapie-Patienten sterben. Aber wen wundert das bei einer schweren, ohne Behandlung fast zwangsläufig tödlichen Krankheit.

Und er scheint tatsächlich zu glauben, dass die Tatsache, dass ein Stoff ein Gift ist, Beweis genug sei, dass dieser bei der Behandlung von Krankheiten keine Unterstützung leisten könne. Wie man mit einer solchen Logik zu einem medizinischen Doktortitel kommt, ist mir schleierhaft. Meine Frage nach den Belegen für seine Vitamintherapie beantwortet seine leitende Mitarbeiterin, doch Rath rudert im gleichen Atemzug zurück und immunisiert. Und er sagt dabei fast explizit, dass die gezeigten Bilder willkürlich ausgewählte Einzelfälle sind während die widersprechenden Ergebnisse unter den Teppich gekehrt werden. Das entspricht auch der Methode, sich “Beweise” zurechtzulegen, die ich den ganzen Abend lang durchgehend erlebt habe.

Die eigentliche Antwort auf meine Frage ist also anscheinend, dass er keine Belege vorbringen kann, weil er keine hat.

Kurz gesagt: Die ganze Truppe stellt reichlich aberwitzige Behauptungen auf und hat an Belegen – oder auch nur an schlüssigen Begründungen – nicht das Geringste zu bieten. Aber ihre Doktortitel tragen sie dabei wie eine Feldstandarte vor sich her. Traurig, dass sich so viele davon beeindrucken lassen. Gut, vierhundert sind bei drei Millionen Berlinern kein großer Prozentsatz. Aber bei sowas ist jeder Einzelne einer zu viel.

Dieser Artikel wurde erstmalig am 17. März 2012 auf www.nessiehoaxer.de veröffentlicht.

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