Sichere Zeichen

Wer anderen Scheuklappendenken, Verbohrtheit, Verlegungung der Realität oder gar bezahlte Propagandalügen unterstellt, sollte ja eigentlich in der Lage sein, auf kritische Fragen zu den eigenen Behauptungen plausible Antworten zu liefern.

Sollte.

Sauberer Himmel” behauptet zum soundsovielten Male, dass die in der Chemtrail-Szene sogenannten Achterschleifen ein eindeutiges Zeichen für Chemtrails seien. Freilich zum soundsovielten Male ohne auch nur die geringste Begründung, warum das eigentlich so sein sollte. Wenn den Chemmies daran gelegen ist, ernst genommen zu werden, dann sollten sie sich bemühen, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Wie funktioniert diese angebliche Sprühvariante eigentlich? Was genau führt dabei zu diesen seltsamen, schraubenwendelartigen Verdrehungen in den “Chemtrails”? (Das sollte schon etwas sein, was bei einem normalen Flugzeugtriebwerk nicht gegeben ist. Denn sonst hätte sich das mit dem “eindeutigen Zeichen” erledigt.)
  2. Warum wird diese angebliche Sprühvariante eigentlich eingesetzt? (Das muss schon triftige Gründe haben, wenn erfahrene Geheimdienste mit praktisch unbegrenzten Mitteln dafür in Kauf nehmen, dass deshalb jeder Schrebergärtner ein “sicheres Zeichen” für etwas streng geheimes mit bloßem Auge erkennen und mit seiner Smartphone-Kamera dokumentieren kann.)
  3. Was ist an der (allgemein bekannten) konventionellen Erklärung für diese Erscheinung falsch? (Da bin ich gespannt. Die ist nämlich allgemein anerkannt und physikalisch plausibel. Und sie müsste schon falsch sein. Denn wenn normale Flugzeuge auch solche Formen erzeugen könnten, wäre es ja kein “sicheres Zeichen” mehr, gelle?)

Das seltsame an Verschwörungstheoretikern ist, dass sie bei aller Mühe, die sie in die Untersuchung von Proben und in Formschreiben an Behörden investieren, sich nie die Mühe machen, solche Fragen einmal sauber und schlüssig zu beantworten. Und das ist ein sicheres Zeichen – wo wir schon dabei sind – für eine Verschwörungstheorie.

Warum? Ganz einfach, das genau ist der Punkt, in dem sich Verschwörungsdenken von systematischem, rationalen Denken unterscheidet. Rationales Denken würde bedeuten, dass man zunächst zu erklären versucht, wie das beobachtete zustande kommt. Und erst dann zieht es weiterreichende Schlussfolgerungen. Verschwörungsdenken dagegen deklariert alles, was der Verschwörungstheoretiker sich nicht erklären kann, zu einem “sicheren Zeichen” für die Verschwörungstheorie. Die angeblichen “Achterschleifen” (der korrekte Ausdruck ist Wirbelschleppen) werden als “sicheres Zeichen” für die Verschwörung gewertet, nicht obwohl sondern weil die Verschwörungstheoretiker die oben genannten Fragen nicht beantworten können. Da ist etwas, was ich mir nicht erklären kann. Also muss eine Verschwörung dahinter stecken – das ist ungefähr das Denkmuster eines Verschwörungstheoretikers.

In Wirklichkeit sind diese “Achterschleifen” lediglich ein sicheres Zeichen dafür, dass Verschwörungstheoretiker eine relativ einfache Erklärung für ein alltägliches Phänomen nicht verstehen oder einfach ignorieren.

Das alles ist aber nicht nur ein sicheres Zeichen für eine Verschwörungstheorie sondern auch dafür, dass es sich um eine besonders schwache handelt. Denn ein weiteres Merkmal von Verschwörungsdenken ist Immunisierung. Die meisten Verschwörungstheorien finden nach und nach zu kritischen Fragen, die sich derart aufdrängen, Antworten aus der Verschwörungstheorie heraus bzw. durch neue Verschwörungstheorien. Die Chemmies blenden sie einfach aus  – obwohl die Mär von den “Achterschleifen” und ihrer angeblichen Beweiskraft nun auch schon einige Jahre durch die Szene geistert.

Das ist das eigentlich armselige an der Chemtrail-VT.

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“Theaterwaffen” (Nachtrag)

Dominik Storr hat unlängst mit dem Begriff “Theaterwaffen” für Erheiterung gesorgt. Aber auch Verschwörungstheoretikern sagt man ohne gute Belege nur ungern nach, dass sie vollkommen wahllos Begriffe nachplappern, nur weil sie gerade passend klingen. Deshalb hat mich die Frage, was er damit wohl meint, nicht losgelassen.

Warum ich nicht gleich auf die Idee gekommen bin, einfach mal beim Sauberen Himmel die Suchfunktion auf den Begriff “Theater” anzuschmeissen, weiss ich auch nicht.

Denn tut man dies, landet man postwendend auf einer Infoseite, auf der der Space Preservation Act zitiert wird. Mit genau der Liste, die Storr fast wörtlich im Radio wiedergegeben hat. Darunter heißt es im englischen Original:

(vi) strategic, theater, tactical, or extraterrestrial weapons; and …

Und in der – anscheinend hausgemachten – deutschen Übersetzung wird daraus:

(vi) strategische Waffen, Theaterwaffen, taktische Waffen oder Weltraumwaffen; und …

Nun, offensichtlich vertraut hier jemand auf die Macht der wörtlichen Übersetzung. Aber das wirft die Frage auf, ob es den Begriff “theater weapon” im Englischen tatsächlich gibt und was er bedeutet.

Mit etwas googlen oder dem englischen Wikipedia ist man dann schnell bei “Theater missile defense“. Und wie es aussieht, ist das des Rätsels Lösung.

Der (englische) Terminus “theater” oder “theatre” bedeutet im militärischen Kontext so viel wie “Einsatzgebiet”. Dies bezeichnet im Zusammenhang mit ballistischen Atomwaffen das “gesamte Gebiet der militärischen Operation, typischerweise mehrere hundert Kilometer” (“the entire localized region for military operations, typically a radius of several hundred kilometers”).

“Theater Missile Defense” ist damit die mittlere der drei Kategorien ballistischer Raketenwaffen:

  1. Strategic Missile Defense (Strategische Interkontinentalraketen)
  2. Theater Missile Defense (Mittelstreckenraketen)
  3. Tactical Missile Defense (Taktische Kurzstreckenraketen)

Die richtige Übersetzung wäre also “Mittelstreckenwaffen” gewesen, nicht “Theaterwaffen”.

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Psychotronische Kriegsführung – wie elektromagnetische Wellen (angeblich) das Gehirn beeinflussen

Zombiewaffen machen Menschen zu willenlosen Marionetten. Mikrowellenwaffen grillen sie bei lebendigem Leibe. Elektromagnetische Wunderwaffen gehören zu den gruseligsten Verschwörungstheorien. Und zu den abstoßendsten. Sie unterstellen dem Staat menschenverachtende Absichten, sind durchsetzt von antisemitischen Vorurteilen und finden besonderen Zuspruch unter Rechtsextremisten. Die Vorstellung, etwas wahres könnte daran sein, ist verstörend. Aber ist es das? Der Bayrische Rundfunk hat sich diese Frage einmal zu wenig gestellt.

Weltuntergangspornographie im bajuwarischen Höllenfunk

Die Lust, sich an Weltuntergangsszenarien zu ergötzen, ist nicht nur ein esoterischer Spleen sondern auch eine bedeutende christliche Tradition. So blieb es nicht aus, dass die Lücke im schaurig-spirituellen Unterhaltungsprogramm, die das Jahr 2012 hinterlassen hatte, schon bald wieder von christlichen Apokalyptikern gefüllt wurde.

Die Sendung „Katholische Welt“ auf Bayern 2 widmete sich am Sonntag dem 13. Januar dem Thema „Kriegswaffe Erde“. Durchsetzt mit moralistischen Leerphrasen wie „Wissenschaftler, die Schöpfer spielen wollen“ oder „das Leben wird als Waffe missbraucht“ wurde ein Schreckensszenario entworfen, in dem Generäle auf Knopfdruck Dürren, Sintfluten oder bei Bedarf auch Erdbeben auslösen können. Natürlich sahen die BR2-Redakteure darin die Vorboten der Apokalypse. Die haben zu allen Zeiten Menschen in den jeweils aktuellen Bedrohungen gesehen. Und natürlich war der rote Faden der Sendung die Apokalypse des Johannes. Die passt immer.

Aber existieren diese Bedrohungen überhaupt?

Auch wenn man im religiösen Hörfunk sicher keine profunde Analyse über Waffentechnik und Rüstungspolitik erwartet, sollte man sich diese Frage schonmal stellen. Zumal wenn ein gebührenfinanzierter Radiosender damit das Christentum als moralischen Kompass für beängstigende Zeiten verkaufen will.

Das Waffenarsenal des Dominik Storr

Zu Gast war „Friedensaktivist“ Dominik Storr. Der ist Gründer der Bürgerinitiative „Sauberer Himmel“ und engagiert sich gegen die sogenannten Chemtrails. Damit hängt er einer ziemlich aberwitzigen Verschwörungstheorie an. Und sein Statement dazu ging bei BR2 kritiklos über den Äther. Aber auch zu Klima- und Erdbebenwaffen hatte er auf BR2 etwas zu sagen:

Die Wissenschaft ist ja nicht bei der Atombombe stehen geblieben, sondern hat seit dem 2. Weltkrieg natürlich auch die Techniken weiter erforscht um Waffen zu entwickeln: Elektronische Waffen, psychotronische Waffen, Informationswaffen, UNF-Hochgeschwindigkeitswaffen, Plasmawaffen, elektromagnetische, akustische Waffen, dann Ultraschallwaffen, Laserwaffen, strategische Waffen, Theaterwaffen, taktische Waffen oder Weltraumwaffen, Umweltwaffen, Klimawaffen und tektonische Waffen. Also gerade die Umwelt und Klimawaffen sind technische Maßnahmen, mit denen eben unmittelbar Einfluss auf die Umwelt genommen werden kann.

Theaterwaffen?

Ehrlich gesagt weiss ich nicht, was das sein soll. Und wie es scheint, ist auch der Debunker-Szene dieser Begriff völlig neu. Normalerweise versteht man unter Theaterwaffen stumpfe Säbel und Karabiner ohne Schlagbolzen für Theateraufführungen. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ein ernstzunehmender Radiosender das in einer Liste hochmoderner Gruselwaffen durchgehen lässt. Vielleicht gibt es da ja wirklich etwas spektakuläres. Und die Redaktion weiss auch sicher ganz genau, was das sein soll. Auch wenn eine Twitter-Anfrage leider keine konkrete Antwort ergab.

Auch beim Thema künstliche Stürme und Erdbeben drängen sich mir die beiden entscheidenden Fragen, die die Verschwörungstheoretiker hartnäckig unbeantwortet lassen, auf:

  1. Wo kommt die Energie her?
  2. Über welche physikalische Wechselwirkung soll das eigentlich funktionieren?

Viele Leute behaupten, dass HAARP oder ähnliche Anlagen Erdbeben auslösen können, als wäre das ganz selbstverständlich. Aber keiner kann diese Fragen so richtig überzeugend beantworten. Vor diesem Hintergrund wundert es mich, dass der Bayrische Rundfunk Storrs Aussage einfach so hinnimmt.

Aber heute sind mal die psychotronischen Waffen dran. Auch deren Existenz wird in gewissen Kreisen ständig behauptet. Und auch da stellt sich die Frage, was das eigentlich sein soll und wie es funktionieren soll.

Dies und das aus der Welt der Psychotronik

Psychotronik ist offensichtlich eine Wortschöpfung aus „Psyche“ und „Eleketronik“. Dahinter steht die Vorstellung, dass Denken eine Informationsverarbeitung in einem bioelektronischen System ist. Und dass es sich entsprechend mit geeigneten Mitteln beeinflussen lässt. Eine zentrale Rolle spielen dabei offensichtlich sogenannte „Gehirnwellen“. Denn wenn das Gehirn mit elektromagnetischen Wellen funktioniert, dann muss es sich auch durch elektromagnetische Wellen beeinflussen lassen. Psychotronische Waffen sollen Gedanken, Wünsche, Entscheidungen mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen beeinflussen können.

Zumindest ist das – grob zusammengefasst – die Vorstellung, die ich aus dem Wust der vagen Behauptungen und ausweichenden Antworten herausfiltern kann. Denn natürlich gibt es keine klaren, konkreten Hypothesen sondern nur das übliche Potpourri aus vagen und mit Suggestivargumenten gespickten Spekulationen. Und es ist eine Heidenarbeit, daraus die überprüfbaren Fakten rauszufiltern.

Die folgenden Beispiele verdeutlichen vielleicht, aus wie vielen unterschiedlichen Puzzlesteinen man die Realität der Verschwörungstheoretiker zusammensetzen muss, um dahinter zu kommen, was eigentlich genau behauptet wird und mit welcher Begründung.

Telepathische Helferlein – das friedliche Pendant zu psychotronischen Waffen

Die Vorstellung, das Gehirn liesse sich mit Wellen beeinflussen, kommt nicht nur im Zusammenhang mit Wunderwaffen vor. Sie steckt auch hinter manchen esoterischen Wundergeräten. Und sie prägt zuweilen auch die Vorstellung der immer noch von einigen gesuchten Aussersinnlichen Wahrnehmung.

Unterhaltungen mit dem EEG

Telepolis spricht vollmundig von künstlicher Telepathie in einem Artikel über ein Forschungsprojekt der U. S. Army. An reisserischen Formulierungen wird nicht gespart. Von militärischer Überlegenheit ist die Rede. Und von einem Forschungsauftrag, „bei dem es letztlich darum geht, die Gedanken von Menschen lesen zu können“.

Solche Artikel werden dann gern als Beweise unter Verschwörungstheoretikern herumgereicht. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der Telepolis-Autor hier schon den ersten Schritt zu einem Arsenal von Gedankenwaffen vermutet.

Dass der Online-Boulevardpresse damit dann doch die Phantasie ein bisschen durchgegangen ist, merkt man schon, wenn man den Artikel einfach zuende liest. Nüchtern betrachtet geht es um eine Weiterentwicklung des EEG, aus dem mit einer Spezialsoftware Sprachmuster in der Gehirnaktivität herausgefiltert werden. Das soll dazu dienen, Patienten, die die Sprachfähigkeit verloren haben, wieder eine Kommunikationsmöglichkeit zu schaffen. Dafür müssen allerdings Sensoren direkt auf der Kopfhaut des Patienten oder sogar im Innern seines Gehirns platziert werden. Außerdem muss er speziell dafür trainiert werden. Und er muss es dann auch wollen, wenn ausgelesen werden soll. Von einem heimlichen Gedankenlesen kann also keine Rede sein. Und von Telepathie schon gar nicht.

Wie so oft ist die echte Wissenschaft so spektakulär und mitreissend, dass es eigentlich gar nicht nötig ist, irgendeinen Blödsinn drumrum zu erfinden.

Schöner lernen mit Alphawellen

Aber wie sieht es in umgekehrter Richtung aus, wenn man Gehirnwellen benutzen will, um Informationen von aussen direkt ins Gehirn zu bekommen? Auch hierfür hat die Esoterik- Industrie jede Menge Antworten.

Auf einer Business-Networking-Veranstaltung präsentierte mir einmal ein stolzer Wiederverkäufer ein Gerät, mit dem man buchstäblich im Schlaf lernen können sollte. Es handelte sich dabei um ein dunkles Kästchen mit Batteriebetrieb. Im Grunde war es ein tragbarer Kassettenrecorder, an dem statt Kopfhörern Elektroden angeschlossen waren. Diese sollten das Lernwissen aus geeigneten Lernkassetten über die Haut ins Nervensystem einspeisen.

Der Händler erklärte mir, dass dies mit Alphawellen funktioniere. Der Alphazustand sei nämlich ein Zustand entspannter Aufmerksamkeit.

Das wollte in meinen Augen nicht so recht einen Sinn ergeben. So bohrte ich weiter. Allerdings gab er sehr bald zu, dass er das Funktionsprinzip nicht so richtig verstanden hatte, beteuerte aber, dass er selbst beeindruckende Erfolge damit erzielt habe.

Die physikalische Erklärung habe ich ihm eher in den Mund gelegt. Aber schließlich einigten wir uns darauf, dass die Elektroden wohl mechanische Wellen in der Alphafrequenz auf die Haut übertragen müssten. Auf diese Alphafrequenz dürfte nun die zu verarbeitende Information aufmoduliert werden. Und irgendwie dürfte das dann vom Nervensystem aufgenommen werden. Oder so.

Naja, so richtig überzeugend ist das nicht.

Ein bisschen mehr Mühe gibt sich da ein Online-Händler für Lernmusik. Die soll einfach über ein normales Stereo-Abspielgerät und einen Kopfhörer konsumiert werden können. Und auch die kommt als Alphawelle daher.

Der Anbieter erklärt auf seiner Homepage den Kunstgriff, den er gefunden haben will, um das zentrale Dilemma des Alphawellen-Lernens zu lösen. Denn einerseits geht er davon aus, dass man Information mit Alphawellen transportieren muss, um optimal zu lernen. Andererseits sind Alphawellen zu langwellig, um sie hören zu können. Um nun einen Alphawellen-Audiokurs darreichen zu können, wendet er einen Trick an: Jedes Ohr beschallt er mit einer Welle im Alphabereich. Beide haben aber nicht die gleiche sondern leicht unterschiedliche Wellenlängen. Die Wellenlängen sind so gewählt, dass sie in Superposition einen hörbaren Ton ergeben würden.

Nun sagt der Anbieter, dass die beiden Alphawellen im Zentrum des Gehirns zu einem nicht hörbaren aber dennoch irgendwie wahrnehmbaren Ton verschmelzen würden. (Wohlgemerkt: Jedes Ohr erhält nur einen unhörbaren Alphaton.) So würden die Wellen aus dem Audiokurs zwar das Gehirn in den Alphazustand versetzen, weil sie ja Alphawellen sind. Aber sie würden trotzdem Information übertragen, weil sie ja zusammen einen hörbaren Ton ergeben.

Nun ja, offenbar hat auch dieser Anbieter nicht so richtig verstanden, wie Gehör und Gehirn funktionieren. Und folglich hat er auch keine Antwort darauf, wie man mit Gehirnwellen Informationen ins Gehirn übertragen kann. Aber dass das geht, glaubt nicht nur er. Und irgendwoher muss diese Vorstellung ja kommen.

Zombiewaffen und Mind Control mit Gehirnwellen

Die Vorstellung, dass man mit Gehirnwellen das Gehirn beeinflussen kann, prägt auch das Thema Mind Control. Und hier wird es richtig gruselig.

Heimtükische Anschläge mit Strahlenwaffen?

Beim Verlassen einer verschwörungstheoretischen Vortragsveranstaltung drückte mir ein freundlicher Mann ein Flugblatt in die Hand. Er fragte mich, ob ich Interesse an dem Thema Mikrowellenwaffen habe; das habe ja schließlich auch irgendwie mit HAARP zu tun. Allerdings hatte ich das. Und so kamen wir ins Gespräch.

Bei ihm ging es um Mikrowellenwaffen kurzer Reichweite.

Manchmal wird berichtet von tragbaren Mikrowellensendern, die als Waffe oder Folterinstrument gezielt gegen einzelne Personen eingesetzt werden können, ohne dass diese das überhaupt merken. Sie arbeiten geräuschlos und sogar durch Wände hindurch. Je nach Frequenz und Modulation können sie ganz unterschiedliche Beschwerden verursachen – Nervosität, Schlaflosigkeit, diffuse Schmerzen und sogar Krebs – die man erst nach und nach bemerke. Die ahnungslosen Opfer kommen nur selten überhaupt auf die Idee, Opfer von Anschlägen zu sein.

Die Täter und ihre Motive liegen vollkommen im Dunkeln. Von heimtückischen Nachbarn bis zu großangelegten Geheimdienstoperationen kursiert so ziemlich alles als Gerücht. Doch noch nie konnten die Täter wirklich enttarnt oder dingfest gemacht werden.

Es gab auch schonmal einen Tatort zu diesem Thema.

Der Flugblattverteiler erklärte mir, dass er ein Opfer dieser hinterhältigen Waffen sei. Als Experte wollte er sich nicht bezeichnen. Dennoch erklärte er sich zunächst bereit, mir die Funktionsweise dieser geheimnisvollen Mikrowellenwaffen zu erklären. Er erläuterte mir, dass auf „bestimmte Frequenzen“ Information „aufmoduliert“ werde. So gelangen diese in das Nervensystem – mit den unterschiedlichsten Folgen. Meine Frage, über welche Wechselwirkung diese Information denn ins Nervensystem übertragen werde, konnte er nicht beantworten. Anscheinend konnte er mit dem Begriff „physikalische Wechselwirkung“ nichts anfangen. Er wollte ihn aber auch nicht von mir erklärt haben. Er wollte sich lieber aufs Verteilen von Flugblättern konzentrieren. Aber er betonte nochmal, dass Mikrowellen nicht nur eine thermische sondern auch eine „athermische“ Wirkung hätten.

Was das für eine „athermische“ Wirkung sei, konnte er mir nicht erklären.

Furchteinflössende Superwaffen für neue Weltkriege?

Eiskalt den Rücken herunter läuft es einem, wenn man die Internetseiten des „Verein gegen den Missbrauch psychophysischer Waffen e.V.“ besucht. Auch der informiert über Mikrowellenwaffen in der Nachbarschaft. „Bürger werden wortwörtlich aus ihren Wohnungen durch die technischen Geräte ausgeräuchert. Die Strahlenquellen befinden sich in den Nachbarräumen von Mehrfamilienhäusern, auf den oberen Stockwerken oder in gegenüberliegenden Gebäuden.“

Und er liefert auch endlich mal so etwas wie eine Definition von psychotronischen Waffen:

Psychophysische Waffen sind die Waffen, die auf den Organismus und die Psyche des Menschen einwirken und die Gedanken, Gefühle und das Verhalten der Menschen ändern können.

Okay. Aber wer kann das, und wie? Im Fokus des Vereins stehen offenbar angebliche Forschungsaktivitäten in Russland. Als Beleg dienen Zitate von Vladimir Putin ohne Quellenangabe und ein Buch eines russischen Wissenschaftlers, von dem man noch nie etwas gehört hat und dessen Name auch bei Google ausschließlich auf Verschwörungsseiten zum Thema Mind Control und psychotronische Waffen führt. Das ist alles äußerst nebulös.

Auf der Unterseite über Mind Control ist zwar ständig von psychischer Beeinflussung mit elektromagnetischen Strahlen die Rede. Aber alles, was an konkreter und greifbarer Information zu finden ist, bezieht sich auf MKULTRA und seine Vorläuferprojekte. Die waren zwar auch furchteinflössend. Aber sie beschäftigten sich mit psychischer Beeinflussung durch Drogen, Psychoterror und physischer Folter. Mit elektromagnetischer Mind Control hatten sie nichts zu tun.

Ansonsten gibt es jede Menge Informationen über Waffen auf Ultraschall- und elektromagnetischer Basis, die aber rein physiologische Verletzungen verursachen sollen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Eindruck, das ist alles einfach ein etwas seltsamer Syllogismus:

  1. Ich habe gehört, dass psychotronische Waffen auf elektromagnetischer Basis Gedanken beeinflussen können.
  2. Bei anderen Methoden der psychischen Beeinflussung kann ich nachweisen, dass erfolgreich daran geforscht wurde.
  3. Also habe ich nachgewiesen, dass auch an elektromagnetischen Psychowaffen erfolgreich geforscht wird.

Dabei geht so ein bisschen unter, dass man ja aus Erfolg mit erklärbaren, nachgewiesenen und hinlänglich bekannten Wirkmechanismen nicht auf hypothetischen Erfolg mit unbekannten, unerklärten und noch nichtmal so richtig definierten Wirkmechnismen schließen kann.

Aber die Suche geht ja noch weiter.

Systematische Mind-Control-Forschung?

Eine andere Initiative, die mit ausführlichen Informationen auf ihrer Homepage glänzt, ist e-waffen.de. Allerdings macht schon der Begrüssungstext stutzig:

Elektromagnetische Waffen sind Waffen die mit elektromagnetischen Wellen arbeiten. Dazu zählen u.a. Mikrowellen, Ultraschall, Infraschall, Laser und Infrarot.

Äh … nein.

Schall ist eine mechanische Welle, keine elektromagnetische. Das ist also offenkundiger Unfug.

Natürlich werden auch akustische Waffen behauptet. Erich von Däniken hat schon spekuliert, dass die Ausserirdischen die Mauern von Jericho mit Schallwellen eingerissen haben könnten. Und angeblich wird auch Ultraschall als nichttödliche Waffe gegen Piraten eingesetzt. Und ich glaube ja gern, dass auch Schallwafen ein gruseliger Mythos sind, der durch die Verschwörungstheorien geistert. Aber das ändert nichts daran, dass diese Aussage schlicht und einfach sachlich falsch ist.

Soll ich Leute ernst nehmen, die die Existenz von physikalisch nicht erklärbaren Waffen behaupten und dann solche Fehler machen? Soll ich auf einer solchen Seite ernsthaft zuverlässige Detailinformation erwarten?

Naja, schauen wir mal weiter.

Die Liste der gesundheitlichen Wirkungen liest sich wie ein Katalog aller denkbaren diffusen Beschwerden und Zipperlein. Sie passt nicht so richtig zu den Verletzungen, die man von Verbrennungen durch Mikrowellen erwarten würde. Dafür passt sie aber sehr gut zu psychosomatischen Beschwerden und zu physischen Beschwerden, deren Ursachen schwer festzustellen sind – Müdigkeit, Schlaflosigkeit, diffuse und unerklärbare Schmerzen. Außerdem sollen sich elektrische Geräte aus- und wieder einschalten. Anders formuliert haben diese Mikrowellenwaffen eine breite Auswahl von Wirkungen, die eigentlich nur eine Gemeinsamkeit haben: dass sie sich nicht so recht belegen lassen. Das ist verdächtig.

Und bevor es irgendeiner im Kommentarbereich hinterlässt: Ja, ich weiss. Das ist gerade der Trick. Diese Waffen sollen ja gerade schädigen, ohne Beweise zu hinterlassen. Aber das ist nichts weiter als eine altbekannte Immunisierungsstrategie. Also halten wir uns lieber an überprüfbare Fakten.

Davon findet sich nämlich dann doch einiges auf der Unterseite über Mind Control. Zumindest ein historischer Überblick. MKULTRA. Klar. Hatten wir schon.

Interessanter ist der Teil über José Delgado. Delgado war ein Pionier auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Berühmt wurde er durch Experimente mit Versuchstieren und später auch Versuchspersonen. Diesen pflanzte er Sonden ins Gehirn. Darüber stimulierte er gezielt bestimmte Gehirnregionen mit Stromstößen oder Medikamenten. Dadurch konnte er alle möglichen Empfindungen hervorrufen oder auch Versuchspersonen zu Handlungen, auch gegen deren Willen, veranlassen.

Über ein neurales Feedback, also durch das Auslösen angenehmer Emotionen bei erwünschten und unangenehmer bei unerwünschten Handlungen konnte er sogar das Verhalten von Versuchstieren nachhaltig beeinflussen. Delgado konnte nachweisen, dass Affen, die einer solchen Behandlung unterzogen wurden, ihr aggressives Verhalten nicht nur ablegten sondern dass ihre Gehirne auch die Aktivierungsmuster, die mit diesem Verhalten einhergingen bedeutend seltener produzierten.

Das ist spannend. Und man kann das ohne weiteres Mind Control nennen. Nur funktioniert es mit Stromstößen oder Medikamenteninjektionen im Gehirn. Mit elektromagnetischen Wellen, die Information ins Nervensystem übertragen, hat das wenig zu tun.

Das ist das, was über Delgados Lebenswerk allgemein bekannt ist. So weit lässt es sich unter anderem auch in einem biographischen Artikel des Scientific American nachlesen. Aber e- waffen.de schlägt die Brücke zu psychotronischen Waffen auf Mikrowellenbasis. In den 1980er Jahren soll Delgado herausgefunden haben, dass „kein physikalischer Kontakt notwendig ist“, um „durch die Veränderung der Frequenz, Pulsrate und Wellenform das Denken und den emotionalen Zustand“ von Versuchspersonen zu verändern.

Was diese beiden Passagen genau heissen sollen, ist nicht so recht klar. Bei e-waffen.de ist offenbar gemeint, dass Delgado den Sprung von der Nervenstimulation mit Stromstößen zur Stimulation mit Mikrowellen geschafft hat. Doch dafür gibt es keine Quellen. Zumindest gibt e- waffen.de keine an. Und Scientific American erwähnt diese Entdeckung, die eigentlich sensationell wäre, nicht. Was Scientific American ausführlich abhandelt sind die von Delgado erfundenen und von ihm so genannten Stimoceiver. Dabei handelt es sich um konventionelle Elektroden, die mit mobilen Funkempfängern oder Minicomputern verbunden sind. Dadurch konnte Delgado Versuchstiere und -personen Langzeitexperimenten unterziehen, ohne sie in ihrer Mobilität einzuschränken. Das kann man natürlich als „Funkfernsteuerung“ für Lebewesen ansehen. Aber die Informationsübertragung ins Gehirn funktioniert auch dabei über Stromstöße. Lediglich die Steuereinheit wird über Funk gesteuert.

Delgado hat in späteren Zeiten auch recht sonderbare Zukunftsvisionen von einer „psychocivillized society“ entwickelt. Problematische Verhaltensmuster sollten darin für eine bessere Welt generell künstlich unterdrückt werden. Das ist in der Tat gruselig. Aber selbst in Delgados Phantasie basierte das immer noch auf seinen Stimoceivern, deren Elektroden ins Gehirn implantiert werden mussten. Über Fernkontrolle ohne künstliche Empfangseinheit, mit dem Gehirn selbst als Empfänger hat er also anscheinend nichtmal nachgedacht.

Das sieht alles eher so aus als hätte der Autor von e-waffen.de da etwas gründlich missverstanden.

Und natürlich HAARP

HAARP darf natürlich in keiner Liste von Gruselwaffen fehlen. Zum Glück haben schon genug andere ausführlich darüber geschrieben. (Empfehlenswert sind zum Beispiel Florian Freistetters Artikel auf Astrodictum Simplex.) Daher muss ich mich nicht darüber auslassen. Nur so viel, dass auch die Anti-HAARP-Aktivisten sich notorisch davor drücken, die entscheidenden Fragen zu beantworten:

  • Über welche physikalische Wechselwirkung soll das eigentlich funktionieren – seien es nun künstliche Erdbeben oder Mind-Control.
  • Welche belastbaren Belege gibt es dafür, dass HAARP sowas überhaupt können soll?
  • Woher soll die Energie dafür (speziell bei künstlichen Erdbeben) kommen?

Fazit

Man kann dieses Spielchen immer weiter treiben. Aber letztlich bleibt jede Recherche und jede Diskussion immer bei den entscheidenden Fragen stehen:

  1. Wie sollen psychotronische Waffen überhaupt funktionieren?
  2. Wo sind die stichhaltigen Belege für ihre Existenz?

Die Antwort darauf liegt dann immer noch in den anderen Youtube-Videos, die man noch nicht gesehen hat. Egal wie viele man schon gesehen hat. Oder aber es wollte niemand behaupten, dass er etwas beweisen könne. Man wolle ja nur darauf aufmerksam machen, dass da etwas nicht stimme. Das sind klare Kennzeichen einer Verschwörungstheorie. Und eigentlich ist das Thema damit erledigt.

Aber beim Thema psychotronische Waffen ist es ein bisschen unbefriedigend, es damit abzuhaken. Denn es bleibt noch die hypothetische Möglichkeit. Und die ist bereits beunruhigend genug. Uns quält also immer noch die Frage, ob unser Gehirn so leicht zu beeinflussen ist, dass Finsterlinge es mit elektromagnetischen Wellen fernsteuern können? Oder zumindest beeinflussen? Vielleicht um Massenpsychosen auszulösen, indem sie verwirrende Information auf der Frequenz der Alphawelle funken? Sind Entwicklungen in manchen „Schurkenstaaten“, die uns irrwitzig anmuten, vielleicht bereits das Ergebnis von HAARP-Einsätzen? Müssen wir damit rechnen, dass uns selbst demnächst ähnliches blüht?

Begründeter Verdacht?

Fassen wir doch mal zusammen, was in diesem halbgaren Wust aus Ungenauigkeiten, Fehlinterpretationen und wilden Behauptungen an tatsächlicher Argumentation übrigbleibt.

Argument 1: Die Welt ist voller Machtbesessener

Wie allen Verschwörungstheorien liegt auch den psychotronischen Waffen ein verschwörungstheoretisches Weltbild zu Grunde. Dieses lässt prinzipiell alle hypothetischen Wunderwaffen glaubwürdig und wahrscheinlich erscheinen. Und es passt nebenbei auch wunderbar zu einem apokalyptischen Weltbild. So ist wohl auch zu erklären, dass die Apokalyptiker von Bayern 2 das Thema so dankbar und kritiklos aufgenommen haben.

Das verschwörungstheoretische Weltbild hat zwei wesentliche Komponenten: Erstens sind Regierungen korrupt, staatliche Institutionen skrupellos, Konzerne gierig und einflussreich. Und alles ist durchsetzt von Komplotten und unterwandert von mächtigen Schattenorganisationen. Die Bandbreite reicht von gemässigten Vorstellungen, in denen gewöhnliche Amigo-Systeme zwischen Bankiers und Ministern letztlich immer das letzte Wort haben, bis hin zu handfesten Weltverschwörungsphantasien, in denen jeder Lebensbereich von Bilderbergern, Illuminaten oder der CIA beherrscht wird. Oder auch von den Rothschilds oder den Zionisten – womit wir dann bei den antisemitischen Verschwörungstheorien sind, die erschreckend oft hinter gutmütig-bodenständig daherkommenden Chemtrail-Protesten oder Wunderwaffentheorien stecken.

Zweitens sind diese Weltverschwörer aber nicht nur unbegrenzt gierig und skrupellos. Sie haben auch unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Wer die Welt beherrscht, der kann auch psychotronische Waffen bauen. Naturgesetze sind da zweitrangig. Auch wenn man selbst nicht so recht erklären kann, wie es funktioniert. Die Verschwörer oder ihre Handlanger wissen es ganz sicher.

Dieses allgemeine Verschwörungsdenken ist die implizite Grundlage, auf der empfängliche Menschen den Glauben an psychotronische Waffen übernehmen. Aber es ist auch häufig ein explizites Argument. Wenn man konkret fragt, wie Mind Control oder Erdbebenwaffen denn funktionieren sollen, kriegt man tatsächlich oft MKULTRA oder die Landung in der Schweinebucht oder sonst irgendein Beispiel für fragwürdige CIA-Operationen um die Ohren geschlagen. Zu erklären, inwiefern das die Frage beantwortet, halten Verschwörungstheoretiker meistens gar nicht für nötig.

Argument 2: Psychotronische Waffen bringen Macht

Warum die Mächtigen so viel Energie auf die Entwicklung psychotronischer Waffen investieren sollten, ist eigentlich klar. Denn damit erschließen sie sich eine ganz neue Dimension der Machtausübung. Anstatt Gegner zu töten oder einzuschüchtern, kann man sie zu willfährigen Anhängern oder zumindest zu willenlosen Werkzeugen machen. Natürlich ist das ungeheuer attraktiv. Diese beiden Argumente reichen für viele schon, um an psychotronische Waffen zu glauben. Aber es gibt noch zwei deutlich faktenbasiertere Argumente.

Argument 3: Mikrowellenwaffen existieren bereits

Als direkter Beweis gemeint, wird gerne das Active Denial System (ADS) bemüht. Dieses verursacht zwar nur die hinlänglich bekannte, nicht psychotronische Wirkung elektromagnetischer Strahlung: Hitze. Und es ist auch nur gedacht, um quasi als Steigerung des Wasserwerfers Personengruppen auseinanderzutreiben. Aber Verschwörungstheoretiker interpretieren es als Vorstufe zu psychotronischen Waffen. Denn – so der Gedankengang – wenn Militär und Geheimdienste schon an elektromagnetischen Waffen arbeiten, dann werden sie auch alle existierenden Möglichkeiten ausschöpfen.

Argument 4: Das Gehirn arbeitet mit elektromagnetischen Wellen

Das eine naturwissenschaftliche Argument, das man unter all den Behauptungen findet, sind Gehirnwellen. Das Gehirn arbeitet schließlich selbst mit elektromagnetischen Wellen. Also muss es auch zwangsläufig dadurch beeinflusst werden. Anlagen wie HAARP werden als besonders furchteinflössend und gefährlich dargestellt, weil sie angeblich auf den gleichen Frequenzen arbeiten wie das Gehirn. Und auch die angeblich gesundheitsschädliche Wirkung von Mobilfunk- oder anderen Sendern wird unter anderem damit begründet, dass ihre Signale die Gehirnwellen durcheinanderbringen.

Hier irgendwo scheint die lang gesuchte Wechselwirkung zu liegen.

Gehirnwellen – die Motorengeräusche der Neurologie

Der Schlüssel zur Frage der Realisierbarkeit von psychotronischen Waffen liegt also in dieser Schlussfolgerung: Elektromagnetische Wellen sind geeignet, um das Gehirn zu beeinflussen, weil das Gehirn selbst mit elektromagnetischen Wellen arbeitet.

Stimmt das?

Um die Spannung gleich zu versauen: Nein. Die Aussage, dass das Gehirn mit elektromagnetischen Wellen arbeitet, ist Unsinn. Das Gehirn arbeitet mit elektrischen Impulsen. Das, was Esoteriker und Verschwörungstheoretiker als Gehirnwellen bezeichnen, ist ein äußerliches Abfallprodukt der eigentlichen Gehirntätigkeit. Es hat weder für die Informationsverarbeitung noch für sonst irgendwelche Gehirnfunktionen eine Bedeutung.

Gehirnwellen sind für das Gehirn ungefähr das gleiche wie das Brummen für den Motor.

Im Gehirn feuern ständig Milliarden von Gehirnzellen winzige elektrische Impulse ab. Jeder Impuls verursacht ein winziges Pik im elektrischen Feld. Die vielen Impulse von allen feuernden Neuronen ergeben zusammen ein schwaches Rauschen im elektrischen Feld in unmittelbarer Umgebung des Gehirns. Dieses Rauschen kann man mit Elektroden, die auf die Kopfhaut geklebt werden, messen. Das nennt man EEG.

Ein erfahrener Neurologe kann aus diesem Rauschen in gewissem Umfang Rückschlüsse darüber ziehen, was im Innern des Gehirns passiert. Dazu misst man das Feld an unterschiedlichen Stellen der Kopfhaut und zerlegt das Rauschen mathematisch in mehrere Komponenten. Das sind dann die Theta- und Gamma- und Alphawellen, von denen immer die Rede ist.

Ganz wichtig: Im Gehirn existieren diese Alpha-, Beta-, Gamma-, Theta-, Und-so-weiter-Wellen überhaupt nicht. Sie sind nur ein vereinfachendes Werkzeug zur Beschreibung einer rein äußerlichen Wirkung. Das ist genauso, wie man Musik durch hohe und tiefe Töne beschreiben kann. Aber man kann damit keine Guitarre antreiben.

Der Verlauf dieser Teilwellen ist – wie das Rauschen, aus dem sie extrahiert werden – an sich regellos. Aber über kurze Zeitabschnitte kann man sie durch einfache Parameter beschreiben. Aus diesen Parametern kann ein Psychiater oder Neurologe dann wieder schlussfolgern, in welchem Zustand – Schlaf, Anspannung etc. – sich das Gehirn gerade befindet. Und er kann daran auch erkennen, ob an der Gehirntätigkeit irgendetwas ungewöhnlich ist. Gehirnschäden und manche psychische Erkrankungen gehen mit Veränderungen in der Gehirntätigkeit einher, die sich als typische Charakteristiken in den EEG-Wellen niederschlagen. Ein erfahrener Facharzt kann auf diese Schädigungen rückschließen, wenn er während eines ausführlichen Anamnesegesprächs das EEG verfolgt.

So ähnlich wie man an schiefen Tönen erkennt, dass an der Guitarre etwas nicht stimmt – ohne dass man sie deshalb mit nicht-schiefen Tönen stimmen kann.

Genauso kann ein Kraftfahrer oder ein Mechaniker unter Umständen am Motorengeräusch hören, ob ein Motor kaputt ist, obwohl er Zylinder und Ventile und Wellen, die es verursachen, nicht sehen kann. Für alles andere muss er dann aber schon einen Schraubenschlüssel bemühen. Und genauso ist es mit Gehirnwellen. Sie zu beobachten, kann bei der Gehirnforschung oder in der Diagnostik helfen. Das war es dann aber auch.

Wenn irgendein Geheimdienst ernsthaft versucht, Gedanken mit elektromagnetischen Wellen zu beeinflussen, versucht er sehr wahrscheinlich auch, kaputte Motoren mit den Geräuschen intakter Motoren zu reparieren.

Fazit

Was hat es also mit psychotronischen Waffen auf sich?

  1. Es gibt keine belastbaren Hinweise darauf, dass sie existieren.
  2. Es gibt keine naturwissenschaftliche Erklärung, wie sie funktionieren sollten.

Alles, was Verschwörungstheoretiker an Hinweisen liefern, entpuppt sich entweder als unbelegt oder als falsch verstanden und aus dem Zusammenhang gerissen. Wie bei Verschwörungstheorien üblich, wird damit aus einem wahren Kern – in diesem Fall thermische Mikrowellenwaffen -, aus Missverständnissen und Behauptungen ein Wust an Legenden gedichtet.

Elektromagnetische Wellen sind für Verschwörungstheoretiker ungefähr das, was für Esoteriker Quanten und „Schwingungen“ sind – ein Schlagwort, mit dem man alles erklären kann, weil es sowieso keiner versteht. Wie so etwas kritiklos beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchgehen kann, ist mir ein Rätsel.

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Die verschwörungstheoretische Argumentationsstruktur

Ich fasse einfach mal zusammen, was ich durch Diskussionen, Youtube-Videos und Vorträge über den generischen Verlauf von Pro-Verschwörungs-Argumentationen gelernt habe. Das scheint mir doch recht typisch und charakteristisch für den Verlauf der allermeisten Diskussionen zu sein. Und im Wust der Scheinargumente geht das eigentliche Vorgehen bei der Beweisführung leicht unter.

Die Argumentationsbasis: allgemeines Verschwörungsdenken

Verschwörungstheoretische Argumentationen setzen ein vorgeprägtes Weltbild voraus, auf dem sie gewissermassen aufsetzen: Die Welt ist böse, Regierungen sind korrupt, Konzerne sind gierig und machthungrig. Die USA haben uns schon hundertmal belogen, die CIA begeht skrupellos Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Welt ist durchzogen von mächtigen Geheimbünden. Oder doch zumindest gesteuert von den heimlichen Absprachen einflussreicher Männer. (Es scheint, dass es tatsächlich meistens Männer sind.)

Von diesem allgemeinen Verschwörungsdenken gehen Verschwörungstheoretiker aus. Sie erwarten es bewusst oder unbewusst von ihren Gesprächspartnern. Und es hat zwei wesentliche Funktionen für das erfolgreiche Werben für eine Verschwörungstheorie:

  1. Es führt zu einem – oft stillschweigenden – Konsens, dass man den bösen Mächten – auch der eigenen Regierung – ALLES zutraut.
  2. Es bringt den, der erstmal davon ausgeht, in die Selbstbestätigungsdynamik, von der alle irrationalen Überzeugungssysteme leben.

Verschwörungstheoretiker vertrauen in der Diskussion felsenfest darauf, dass diese beiden Mechanismen wirken. Und dann wird nicht mehr kritisch hinterfragt sondern man kann gemeinsam in allem und jedem eine Bestätigung für die Verschwörungstheorie suchen. Egal, wie vage diese dann auch ist.

Man merkt Verschwörungstheoretikern in der Diskussion oft an, dass sie einfach erwarten, dass diese Entwicklung eintritt. Wenn nicht, dann wird man als “Schalfschaf”, “Büttel des Systems” oder “bezahlter Lobbyist” eingestuft. In der Online-Welt werfen Verschwörungstheoretiker gern offen mit solchen Behauptungen um sich. Wenn sie einem dabei direkt in die Augen sehen müssen, ziehen sie es oft vor, sich der weiteren Diskussion zu entziehen.

“Da bin ich eben anderer Meinung als Sie.”

Der Verlauf der Argumentation

So sieht der argumentative Kontext aus. Die Argumentation, mit der Verschwörungstheoretiker konkret für ihre Theorie werben, folgt dann meist diesem Schema:

  1. Flächenbombardement mit Pseudofakten
  2. Taktischer Rückzug
  3. Immunisierung mit exklusivem Geheimwissen

Phase 1

Verschwörungstheoretische Diskussionen sind von einer erheblichen Diskrepanz zwischen Qualität und Quantität gekennzeichnet. So kann man beliebig viele Stunden damit verbringen, Beweisvideos für Chemtrails anzusehen. Allesamt erschöpfen sich darin, dass ein Flugzeug gezeigt wird, an dessen Kondensstreifen irgendetwas “komisch” ist. Und “komisch” heisst auch nur, dass der Verschwörungstheoretiker es nicht versteht. Man kann stundenlangen Vorträgen voller wahllos aneinandergereihter Fakten anhören, ohne ein Argument zu hören, das über “da stimmt doch was nicht” herausgeht.

Keins dieser Argumente, wirklich keins ist für sich genommen überzeugend. Und jedes kann man komplett auseinandernehmen, wenn man von dem speziellen Detailthema etwas versteht. Wirken tut es durch die reine Masse. Diese Strategie zielt einzig darauf ab, das Publikum überwältigen. Und angesichts der Vielzahl an “Indizien” für die alle man gar nicht Experte sein kann und die ein normaler Mensch auch nicht alle hinterfragen kann, ziehen leider viele den Schluss, dass “etwas dran sein muss”.

Phase 2

Deshalb hat es sich als nützliche Strategie erwiesen, sich in einer laufenden Diskussion auf einen konkreten “Beweis” zu konzentrieren. Bohrt man nach, wie der geschilderte Sachverhalt wirklich belegt werden kann, ob er tatsächlich nur durch die Verschwörungstheorie erklärt werden kann oder auch WIE die Verschwörungstheorie ihn erklärt, bringt man Verschwörungstheoretiker meist schnell zum taktischen Rückzug.

“Ich habe nie gesagt…”

In dieser Phase legen Verschwörungstheoretiker großen Wert darauf, deutlich darauf hinzuweisen, dass sie selbst nichts beweisen können. Sie weisen selbst deutlich darauf hin, dass ihre Videos letztlich nichts beweisen und dass sie – mit vielen Begründungen – nicht beweisen können, was sie selbst erzählen. Sie beharren an dieser Stelle darauf, dass sie nur zeigen wollen, “dass da etwas nicht stimmt”.

Das, was im ersten Schritt als überzeugender Beweis präsentiert wurde, wird im zweiten Schritt also wieder relativiert.

Bei Verschwörungstheoretikern, die sich der Kritik ja meistens bewusst sind, ist dieses Vorgehen oft auch ein Element von Vorträgen. Dabei wird versucht, den Widerspruch  in ein Argument für die Verschwörungstheorie umzukehren. Das funktioniert sogar recht gut, weil es unterstreicht,

  1. wie schwer es ist, an konkrete Informationen zu kommen, wie groß die Geheimhaltung also sein muss, und
  2. wie vehement die Kritiker versuchen, die Verschwörungstheorie zu torpedieren.
Wenn das Publikum sich in der Selbstbestätigungsdynamik befindet, kann der Verschwörungstheoretiker so aus der inhaltlichen Kritik an seinen Argumenten wieder ein rhetorisches Scheinargument für sein Verschwörungskonstrukt als Ganzes machen.

Dieses Vorgehen ist eis der zentralen Überzeugungsmittel, die verschwörungstheoretische Vorträge prägen.

Erich von Däniken hat die Angewohnheit, in seinen Vorträgen die konventionellen Erklärungen der echten Wissenschaftler gezielt ins Lächerliche zu ziehen. Sein Vorgehen, auf das er viel Talent und Übung verwendet, sieht folgendermassen aus:

  1. Zuerst führt er sein Publikum sorgfältig in seine Deutung ein. Dabei verwendet er viel Suggestivkraft – Graphiken, Formulierungen und so weiter. Zum Beispiel ist ein zentraler Punkt seiner Vorträge, darzustellen, weshalb der “Maya-Astronaut” wie ein Raumfahrer in seiner Kapsel aussieht. Wenn man sich darauf einlässt, kann man in diesem Relief eigentlich gar nichts anderes mehr erkennen.
  2. Dann lässt er ein sorgfältig ausgewähltes Detail der konventionellen Deutung in einem Halbsatz fallen. Sinngemäß: Ja ja, das sollen die Barthaare des Wettergottes sein. Wo jeder klar denkende Mensch erkennt, dass das der Feuerstrahl des Triebwerks sein muss.
  3. Und schließlich deutet er das Ganze als gezielte Verdummung der “Mitnickergesellschaft” durch die Fachwelt. Welches Interesse diese daran haben sollte, fragt man dann garnicht mehr. Ja, er leistet es sich sogar, selbst zu sagen, dass er das nicht nachvollziehen kann. Und das macht es nur noch mystischer und damit überzeugender.
In dieser Hinsicht ist er wirklich sehenswert.

Auch Werner Altnickel setzt direkte Kritik an seiner Argumentation direkt als Argument in seinen Vorträgen ein. So war eins seiner “Beweisvideos”, das von der Debunker-Szene längst als Luftbetankung identifiziert worden war – auch ich schrieb darüber – auch in seinem Vortrag am 1. Februar 2012 in Berlin ein wichtiges Überzeugungsmittel.

Altnickel wies ausdrücklich darauf hin, dass “manche” behaupten würden, dass es sich um eine Luftbetankung handeln würde. Seine Replik  – die wie gesagt Teil des Vortrages für das breite Publikum war – war zweigeteilt:

  1. Er akzeptierte nicht, dass es eine Luftbetankung sein sollte. Erstens war der Abstand der Flugzeuge seiner Meinung nach viel zu groß. Zweitens hätte das Flugzeug, das den Schub wegnahm ja langsamer werden müssen.
  2. Er wies darauf hin, dass er nicht beweisen könne, dass es wirklich Chemtrails waren. Er wisse auch nicht, ob in diesem Beispiel wirklich Chemtrails verprüht worden seien. Aber es sei doch offensichtlich, dass da etwas nicht stimme.

Widerspruch mit Notausgang. Gefühlt Mystik als Rettungsinsel, falls die inhaltlichen Argumente untergehen. Sowas begegnet einem ständig in verschwörungstheoretischen Diskussionen.

So absurd es auch klingen mag: Der zweite Schritt der Beweisführung besteht darin, zu betonen, dass man es nicht beweisen kann.

Phase 3

Man kann Verschwörungstheoretiker also dahin bringen, dass sie selbst eingestehen, dass die von ihnen vorgebrachten “Beweise” gar nichts beweisen. Dann stellt sich die Frage, was sie eigentlich letztgültig von der Richtigkeit ihrer Verschwörungstheorie überzeugt. Und was den geneigten Zuhörer überzeugen soll.

Auch diese Frage beantworten viele schon von sich aus präventiv.

Der Trumpf der in dieser dritten Phase ausgespielt wird, ist Geheimwissen, über das nur der Verschwörungstheoretiker verfügt.

Erich von Däniken beruft sich oft und gern auf Gespräche mit Archäologen, die ihm angeblich persönlich anvertraut haben sollen, dass sie ja auch viele Lücken in der konventionellen Deutung sehen, dass sie das aber nur nicht offen sagen könnten. Von Däniken begründet das dann mit dem Ruf in der Fachwelt, auf den diese Leute achten müssten.

Verschwörungstheoretiker aus dem Kontext NWO, Wunderwaffen oder Chemtrails berufen sich gern auf Informationen, die ihnen Geheimagenten oder Beamte gegen Zusicherung absoluter Verschwiegenheit anvertraut haben. Auch Werner Altnickel hat das in seinem Vortrag über Chemtrails getan. Oft ist auch von Dingen die Rede, die Verschwörungstheoretiker mit eigenen Augen gesehen haben wollen, über die sie aber nichts genaueres sagen könnten. Das habe dann entweder ungeheure Konsequenzen für sie oder ihre Informanten.

Und da sind wir an der Stelle, wo man ihnen glauben muss oder eben nicht. (Auch wenn man sich dann fragen sollte, warum es keine Konsequenzen hat, wenn sie es in dieser Form über Youtube verbreiten.) Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass jemand, der viele Belege veröffentlicht, die einer näheren Untersuchung nicht standhalten, nicht gerade bei solchen Geschichten ein zuverlässiger Zeuge sein dürfte. Man kann aber auch einfach das Gefühl haben, dass eine bestimmte Person glaubwürdig ist. Auch Charisma ist etwas, was einen erfolgreichen Verschwörungstheoretiker auszeichnet.

Ich behaupte, das ist das, was Erich von Däniken berühmt und erfolgreich gemacht hat. Aber Anekdoten sind eben keine Daten.

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Projekt SEAL und die Rezeption in der Chemtrail-Szene

Die US-Streitkräfte entwickeln und testen allerlei unterschiedliche Waffen. Einige dieser Entwicklungen wie die Atombombe und die Wasserstoffbombe haben später eine wesentliche historische Bedeutung und gehen bereits in ihrer Entwicklung mit spektakulären Tests einher. Deshalb bleiben sie in der allgemeinen Wahrnehmung gegenwärtig. Andere erweisen sich als untauglich, bleiben bedeutungslos, weil parallele Entwicklungen mächtigere Waffen hervorbringen, oder funktionieren schlicht und einfach nicht. Diese Versuche sind in aller Regel weit weniger bekannt.

So weit, so belanglos.

Interessant ist die Rolle, die diese Fehlentwicklungen in Verschwörungstheorien spielen. Denn Verschwörungstheoretiker neigen dazu, den geringen Bekanntheitsgrad einer Detailinformation nicht als Indikator für deren Bedeutungslosigkeit zu interpretieren sondern als Beweis für die Wirksamkeit einer angenommenen Vertuschungs-, Volksverblödungs- oder Desinformationsstrategie anzusehen. Diese Neigung lässt sich insbesondere dann beobachten, wenn es um etwas geht, was – als Teil einer Waffenentwicklung – zunächst der Geheimhaltung unterlag und auch später, nach Aufhebung der Geheimhaltung, nicht weiter aufgegriffen wird, weil das, wofür es ursprünglich gedacht war, längst durch andere Waffen, die ausführlich in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, abgedeckt wurde.

Projekt SEAL – der erste Schritt zu modernen Tsunami-Waffen?

Als ich auf Werner Altnickels Portal chemtrail.de nach untersuchenswerten Behauptungen stöberte, stolperte ich in einem seiner aktuelleren Artikel über das Projekt SEAL. Mit den üblichen suggestiven Superlativen (“streng geheimer Plan”, “gewaltige Flutwellen auslösen”) gibt Altnickel einen groben Abriss davon, was ein Autor und Filmemacher namens Ray Waru im Neuseeländischen Staatsarchiv unter inzwischen deklassifizierten Dokumenten gefunden haben will: ein Projekt zur militärischen Nutzung von Flutwellen.

Sogenannte “Erdbebenwaffen”, “tektonische Waffen” oder auch “Wetterwaffen” geistern seit jeher durch den Teil der Verschwörungs-Szene, der sich auf HAARP und Chemtrails fixiert. In aller Regel sind diese Schilderungen geprägt von einem nicht weiter begründeten Glauben in eine unbegrenzte Macht solcher Waffen verbunden mit vollkommener Ahnungslosigkeit darüber, wie diese eigentlich physikalisch und technisch funktionieren sollten. Meistens steht dahinter letztlich nichts weiter als die Aussage von irgendjemandem, der irgendwo zu irgendeinem völlig anderen Thema in einem Halbsatz gesagt hat, dass er so etwas nicht völlig ausschließen könnte, die dann erbarmunglos aufgebauscht wird.

Ein konkretes Projekt, in dem tatsächlich versucht wurde, eine richtige Tsunamiwaffe zu entwickeln, ist da schon eine andere Liga. Unabhängig davon, ob dies dann ein Beleg für neuere Verschwörungsbehauptungen wäre, sollte man sie Frage stellen, ob im Projekt SEAL tatsächlich so etwas getan wurde.

Und die Antwort lautet: Na ja.

Die Details von Projekt SEAL sind aus militärhistorischer Sicht sicherlich enorm spannend. Und sicherlich lohnt es sich aus diesem Blickwinkel, ausführlichere Veröffentlichungen oder die Originaldokumente zu lesen. Geht es einem aber um die Frage, auf welche Informationen die Verschwörungstheoretiker ihre behaupteten Wunderwaffen stützen, ist man bereits ernüchtert, wenn man nur den Links nachgeht, die sie als Literaturbelege angeben.

Altnickel verweist auf einen Artikel in einem Nachrichtenportal, das offenbar zur britischen Daily Mail gehört. Ein Eintrag in einem verschwörungstheoretischen Online-Forum verweist auf einen Online-Artikel von The Telegraph. Beide geben die Eckdaten eines Versuchsprogrammes wieder, das offenbar kurz vor und kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges durchgeführt wurde.

Projekt SEAL – nur eine weitere vermeintliche WWII-Wunderwaffe

Aus den beiden Artikeln geht hervor, dass Projekt SEAL offenbar ein Geheimwaffenprojekt des späten Zweiten Weltkrieges war – der Zeit, als noch nicht klar war, ob die Entwicklung der Atombombe erfolgreich sein würde. Ziel war die Entwicklung eines Waffensystems, das in der Lage war, auf einen Schlag und ohne längere Vorwarnzeit große Zerstörung anzurichten. Zu diesem Zweck wurde untersucht, ob es machbar wäre, durch koordinierte submarine Zündung konventioneller Sprengsätze (es ging ja gerade um das Szenario, dass man möglicherweise keine Atombomben zur Verfügung haben würde) Flutwellen auszulösen und damit Marineanlagen und Küstenstädte zu zerstören.

Ein Feldversuch im Pazifik mit 3.700 Sprengsätzen zeigte, dass dies prinzipiell machbar ist. (Ob es sich um eine einzige Testsprengung oder um eine Testreihe handelte, wird nicht klar.) Experten schätzen jedoch, dass für eine wirkungsvolle Tsunamiwaffe zwei Millionen Tonnen Sprengstoff erforderlich wären. Diese Angabe ist so vage, wie Angaben in der Boulevardpresse eben sind. Aber es liegt die Vermutung nahe, dass damit zwei Megatonnen TNT-Äquivalent gemeint sind. Das entspräche einer kleineren Fusionsbombe, deren Sprengkraft sich allerdings auf eine Vielzahl konventioneller Sprengsätze, die günstig angeordnet und koordiniert gezündet werden müssten, verteilt.

Da beide Artikel an dieser Stelle lieber auf Ufo-Geschichten, die Waru ebenfalls im Nauseeländischen Nationalarchiv gefunden haben soll, umschwenken, wird nicht ganz klar, ob dieses Fazit eher als Richtschnur für zukünftige Folgeexperimente oder als abschließendes Negativ-Fazit gemeint war. Aus heutiger Sicht, nachdem die Entwicklung von Fissions- und später auch Fusionswaffen erfolgreich war, stellt sich jedoch die Frage, welchen Wert eine solche Waffe hätte, selbst wenn es sie gäbe. Geschweigedenn, wenn man sie erst entwickeln müsste. Denn die Nachteile gegenüber Atomwaffen, wenn man diese denn nun hat, sind beträchtlich:

  • Zwei Megatonnen TNT-Äquivalent sind nicht ganz wenig, egal, ob man sie auf eine kleinere Anzahl von Atomsprengköpfen oder auf eine Vielzahl konventioneller Sprengköpfe verteilt. Zudem ist eine geeignete Platzierung und eine koordinierte Zündung anpruchsvoll.
  • Nur ein geringer Anteil der Sprengkraft wird tatsächlich in einen “Tsunami” umgesetzt. Und dieser wiederum brietet sich kreisförmig aus, so dass nur ein kleiner Teil seiner Energie das eigentliche Ziel trifft.

Bei einer offenen militärischen Anwendung stellt sich also die Frage, warum man die benötigten Bomben nicht einfach über dem Ziel abwirft. Denn dabei wären sie um Größenordnungen wirkungsvoller. Und für eine verdeckte Operation ist der Aufwand (wir sprechen von zwei Millionen Tonnen Sprengstoff. Die derzeit größten Massengutfrachter haben eine Ladekapazität von etwa 400.000 Tonnen. Man würde also fünf riesige Frachtschiffe brauchen, nur um den Sprengstoff zu transportieren.) einfach zu groß. Und selbst wenn er – meinetwegen beim Einsatz kleiner Atomsprengköpfe – leistbar wäre, wäre das Verhältnis von Aufwand und Wirkung viel kleiner als bei anderen Methoden. Und schließlich und endlich würde das ganze Verfahren nur bei einigen Hafenanlagen und Küstenstädten funktionieren. Also nur bei einem kleinen Teil der potentiell interessanten Ziele.

Im Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten verzweifelt nach wirkungsvollen Waffen suchten und der Erfolg der Atombomben-Projekte noch keinesfalls sicher war, mag eine solche Machbarkeitsstudie sinnvoll gewesen sein. Aber wer heute behauptet, die USA oder wer auch immer würde dieses Programm oder ein ähnliches heute noch verfolgen, muss sich vor allem fragen lassen, welchen Nutzen irgendjemand davon haben sollte.

Tsunami- und Erdbebenwaffen – alles eine Frage der Größenordnung

Da Verschwörungstheoretiker gern mit plakativen Suggestiv-Vergleichen anstatt mit klaren Fakten antworten: Der Tsumani von 2004 hat natürlich gewaltige Zerstörung im Indischen Ozean angerichtet. Aber das war eine ganz andere Größenordnung als die, über die wir hier sprechen. Diese Flutwelle wurde von einem Erdbeben mit der Magnitude 9,1 ausgelöst. Die freiwerdende Energie entspricht also einem TNT-Äquivalent von 475 Megatonnen. (Angaben von Wikipedia.) Das entspricht gut dreissig der stärksten einsatzfähigen Wasserstoffbomben. Selbst wenn man zynisch genug ist, diese Wirkung auf Waffentechnik anzuwenden, landet man ganz schnell bei der Frage, warum es eigentlich so attraktiv sein sollte, diese Sprengkraft zu benutzen, um eine Flutwelle auszulösen, anstatt einfach einen Bruchteil davon direkt ins Ziel zu lenken.

Projekt SEAL macht nur Sinn vor dem Hintergrund des späten Zweiten Weltkrieges, wo es darum ging, die Sprengkraft von vielen konventionellen Sprengsätzen zu der eines nuklearen zu bündeln, weil man diesen zwar militärisch brauchte aber nicht zuverlässig zur Verfügung hatte. Eine künstlich erzeugte Flutwelle als Medium zur Bündelung zu benutzen, war eine von wahrscheinlich vielen Ideen, dies zu erreichen. Aber die Ergebnisse dürften eher dagegen als dafür sprechen, dass daraus jemals überhaupt eine einsatzfähige Waffe geworden wäre.

Und dass diese Versuche heute mit hypothetischen modernen Wunderwaffen und mit zynischen Verschwörungstheorien um künstlich ausgelöste Erdbeben und Tsunamis in Verbindung gebracht werden, spricht weniger dafür, dass in den Verschwörungstheorien doch ein wahrer Kern stecken könnte als für das Unvermögen der Verschwörungstheoretiker in zweierlei Hinsicht: Das Unvermögen, zu verstehen, dass die Waffenentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg den Militärs und den Geheimdiensten inzwischen Mittel an die Hand gegeben hat, die offen zu Tage liegen und viel wirksamer sind, so dass sie diese Hirngespinste denen manche Konspirationisten nachhängen, garnicht mehr brauchen. Und das Unvermögen, sich das physikalische Ausmaß der Vorgänge, über die sie da spekulieren, zum Beispiel die Energiemengen, die für die Realisierung ihrer Spekulationen notwendig wären, vorzustellen.

Und was hat das Ganze jetzt mit Chemtrails zu tun?

Die Antwort ist so schlicht wie banal: Nichts.

Oder nur insofern, dass es eben eine der Standardmethoden der Chemtrail-Szene ist, mit allerlei Geschichten über Waffenentwicklungen um sich zu werfen und die Behauptung, dass jemand, der “zu sowas fähig” sei auch fähig sei, Chemtrails zu versprühen unausgesprochen im Raum stehen zu lassen.

Diese Geschichten zeigen also vor allem, dass die Chemtrail-Szene an Belegen nichts zu bieten hat. Davon hat sie allerdings eine Menge. Denn die Anzahl der nicht weiter verfolgten Waffenprojekte aus dem Zweiten Weltkrieg dürfte ins Unendliche gehen. Da gibt es auf Youtube sicher noch einiges auszugraben.

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