Wie man Chemtrails von normalen Kondensstreifen unterscheidet – oder auch nicht

Zwei grundlegende Verhaltensmuster sind kennzeichnend für die Art und Weise, in der Verschwörungstheoretiker ihre Beweisführung aufbauen:

  1. Alles, was man auf anhieb nicht erklären kann, wird durch die Verschwörungstheorie erklärt und damit zum Beweis für selbige umgedeutet.
  2. Alles, was auch nur im entferntesten ein Beweis für die Verschwörungstheorie sein könnte, wird kackfrech als solcher präsentiert. Die Arbeit, ihn zu überprüfen und ggf. zu wiederlegen, überläßt man einfach den Kritikern.

Nach diesem Strickmuster funktioniert auch der neueste Video-Beweis, den Werner Altnickel, Grandseigneur der deutschen Chemtrail-Szene und Betreiber von Chemtrail.de, vorbringt. Folgendes Video hat er nach eigenen Angaben selbst aufgenommen und stellt es – mit etwas eigenwilliger Rechtschreibung betitelt – auf Youtube bereit:

Beim ersten Betrachten kann man nicht viel erkennen. Dafür ist es zu wackelig und verliert das Beobachtungsobjekt zu oft aus dem Blickfeld. Aber wenn man es sich mehrmals ansieht, erkennt man das, wovon Altnickel in seiner Interpretation spricht: Zwei Flugzeuge, offensichtlich große, vierstrahlige Militärjets, fliegen eine Weile im Verband. Dabei fliegen sie leicht in Höhe und Position versetzt. Genauer gesagt sieht es so aus, als ob das zweite Flugzeug dem ersten folgt und dabei etwas tiefer fliegt. Dabei hinterlassen beide Kondensstreifen. So weit, so plausibel.

Dann schert eine der Maschinen – wie es aussieht die, die niedriger fliegt – aus dem Verband aus und schlägt einen eigenen Kurs ein. Auch das ist nicht weiter verblüffend.

Das eine Detail, das an dieser ganzen Geschichte auffällt, ist, dass der Kondensstreifen von Flugzeug Nummer zwei unmittelbar vor der Kurskorrektur unterbrochen wird und nach der Kurskorrektur plötzlich wieder erscheint. Während Flugzeug 1, das geradeaus weiterfliegt, einen durchgehenden Kondensstreifen hat, hat der von Flugzeug 2, das den Kurs wechselt, eine Unterbrechung von einigen Flugsekunden.

Herr Altnickel hat also aufgedeckt, dass ein Flugzeug einen Kondensstreifen mit einer Unterbrechung hinterlassen hat. In diesem Fall wirkt es wie erfolgreiche Detektivarbeit, weil die Unterbrechung vor dem nicht unterbrochenen Kondensstreifen des anderen Flugzeuges nicht so stark auffällt. Aber Bilder und Videos mit unterbrochenen Kondensstreifen gibt es in Wahrheit eine ganze Menge. Die Gründe können unterschiedlich sein. Beispielsweise kann ein Flugzeug im Steig- oder Sinkflug unterscheidliche Luftschichten mit unterschiedlichen relativen Feuchten durchfliegen. Und auch bei konstanter Höhe können sich die relativen Feuchten schlagratig ändern, was durch ein rätselhaftes Verschwinden und Wiedererscheinen von Kondensstreifen sichtbar wird.

Nun passt eine solche Erklärung in diesem Fall nicht so richtig. Denn – da muss man Altnickel recht geben – beide Flugzeuge scheinen im engen Verband zu fliegen. Es wäre also zu erwarten, dass beide Kondensstreifen dieselbe Unterbrechung zeigen.

Aber ist das ein Beweis, dass es ich bei den beiden Kondensstreifen in Wirklichkeit um Chemtrails handelt?

Nun ja, warum sollte es? Warum sollte eine Unterbrechung in einem Kondensstreifen ein Beweis für Chemtrails sein?

In der Chemtrail-Szene kursieren jede Menge Bilder und Videos von Kondensstreifen, die plötzlich abreißen, plötzlich neu entstehen oder von Flugzeugen, deren kondensierende Abgase sich plötzlich und ohne von außen erkennbaren Grund ändern. Chemtrail-Aktivisten interpretieren diese als Beweis, weil sie von folgender Annahme ausgehen: Diese Aufnahmen beweisen, dass die bildlich dokumentierten Kondensstreifen abschaltbar sind. Die Verfechter der Chemtrail-Verschwörungstheorie unterstellen, dass das angebliche Versprühen von Chemikalien jederzeit gedrosselt, ganz bgestoppt und wieder gestartet werden kann, während “natürliche” Kondensstreifen in ihrer Entstehung nicht beeinflusst werden können. Deshalb ist für sie eine Unterbrechung in einem Kondensstreifen ein Beweis, dass es sich dabei um einen Chemtrail handelt und nicht um einen “natürlichen” Kondensstreifen. An- und Abschaltbarkeit ist für sie ein Kriterium, um zwischen Kondensstreifen und Chemtrail zu unterscheiden.

Nun, es gibt also ein objektives Unterscheidungskriterium. Das ist für Verschwörungstheoretiker schonmal etwas besonderes. Aber taugt es auch wirklich für die Unterscheidung, die die Chemtrail-Aktivisten daran festmachen?

Mal ganz davon abgesehen, dass ein Großteil dieser “Beweismittel” einfach durch das Durchfliegen unterschiedlicher Luftschichten zu erklären ist: Natürlich ist die Annahme, dass Kondensstreifen nicht durch den Piloten abgeschaltet werden können, falsch. Die Methode ist sogar verblüffend einfach: Man drosselt einfach die Triebwerke.

Weniger Schub bedeutet weniger und weniger heiße Abgase. Und das bedeutet auch weniger (oder garkeine) Kondensstreifenbildung. (Immer unter der Voraussetzung, dass die Wetterlage überhaupt die Bildung von Kondenstreifen begünstigt.) Wenn ein Kondensstreifen plötzlich verschwindet, dann kann das einfach daran liegen, dass der Pilot den Schub reduziert hat.

In diesem Fall hat Altnickel sehr wahrscheinlich eine Luftbetankung beobachtet. Wie so etwas abläuft, kann man bei Wikipedia nachlesen oder sich in zahllosen Youtube-Videos ansehen. Aus technischer Sicht gibt es mehrere Verfahren, von denen zwei eine wesentliche praktische Bedeutung haben. Sie unterscheiden sich grob gesprochen dadurch, dass das eine einen flexiblen und das andere eine starren Schlauch verwendet, um den Treibstoff von Flugzeug zu Flugzeug zu leiten. Für diesen Fall ist das erste, bei dem man von Sonde und Fangtrichter spricht, interessant. Denn hier zieht das fertig betankte Flugzeug den Stutzen ab, indem es sich hinter dem Tankflugzeug zurückfallen läßt.

Die folgenden zwei – relativ willkürlich ausgewählten – Videos führen das gut verständlich vor. Das erste zeigt aus der Perspektive eines Jet-Piloten, wie der Tankstutzen aus dem Fangtrichter gezogen wird, indem man den Abstand der Flugzeuge erhöht.

Beim zweiten kann man (ab Minute 1:30) gut beobachten, wie das betankte Flugzeug (in diesem Fall eine B 52) sich nach dem Abkoppeln zurückfallen läßt und gleichzeitig in den Sinkflug geht – ein Manöver, das zwingend mit dem Drosseln der Triebwerke einhergeht.

Genau dies kann man auch in Altnickels Video beobachten: Während Flugzeug 2 von Flugzeug 1 betankt wird, fliegen beide mit mehr oder minder gleicher Triebwerksleistung auf einem gemeinsamen Kurs. Nach der Betankung drosselt das eben betankte Flugzeug Nr. 2 die Motoren und lässt sich zurückfallen. Wenn die Betankung mit Sonde und Fangtrichter erfolgt, ist das nötig, um beide Flugzeuge wieder voneinander zu entkoppeln. Außerdem wird dadurch der Sicherheitsabstand für die weiteren, eigenständigen Flugmanöver vergrößert.

Dann dreht Flugzeug 2 ab und gibt auf dem neuen Kurs wieder Gas – deutlich zu sehen am neu beginnenden Kondensstreifen.

Kann ich das beweisen?

Wie sollte ich? Ich habe dafür nicht mehr zur Verfügung als Altnickels qualitativ nicht voll befriedigendes Video. Wenn man die genaue Position und den genauen Zeitpunkt wüßte, könnte man bei den entsprechenden Dienststellen anfragen, ob dort zu diesem Zeitpunkt eine Luftbetankung stattgefunden hat. Aber erstens würden die Chemtrail-Anhänger dies als Tarnbehauptung interpretieren. Und zweitens ist die Geschichte der Mühe nicht wert. Die Belege sind zu dünn um auch nur die Mühe eines Telefonanrufs zu rechtfertigen.

Der Punkt ist, dass alle Beobachtungen leicht konventionell zu erklären sind – ohne eine Verschwörung oder irgendwelche sonderbaren Phänomene anzunehmen. Und wenn man bei jeder Banalität losrennt, um die konventionelle Erklärung bis auf das letzte kleine Fragezeichen zu belegen, dann tut man nichts anderes mehr. Denn Verschwörungstheoretiker sind schnell bei der Hand, haufenweise vermeintliche Indizien unters Volk zu streuen. Und wenn alle nur ihre Zeit verschwenden, um jeder schon x-mal wiederlegten Behauptung nochmal hinterherzurennen, dann gibt es keinen Erkenntnisfortschritt – auch nicht bezüglich der echten großen Verschwörungen der Menschheitsgeschichte.

Das ist der Grund, weshalb der, der eine außergewöhnliche Behauptung aufstellt, auch selbst stichhaltige Belege vorbringen muss, damit diese einer Überprüfung würdig ist. Altnickel verbreitet dagegen nur beliebig Videos, die er sich selbst nicht erklären kann und behauptet, jemand anderes müsste es ihm anders erklären, damit es nicht als Beweis für Chemtrails gilt. Aber in Wahrheit beweist dies nur, dass er nichts wirklich diskussionswürdiges vorzubringen hat.

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Logische Inversion

Die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” gewährte uns gestern einen besonderen Einblick in verschwörungstheoretische Denkmuster.

Knapp zusammengefasst: Ein Anhänger stellte einige Bilder zur Verfügung, die er offenbar während einer Flugreise aufgenommen hat. Zu sehen sind der rechte Flugzeugflügel, Felder, Wölkchen, der Himmel und am Horizont ein dunkler Dunststreifen – mit anderen Worten nichts, was man nicht schon hunderte Male gesehen hat, wenn man ab und zu fliegt.

Auch die Umdeutung des Dunststreifens als künstlich erzeugte Aerosolschicht – Schöpfung des Scheinbelegs -, die man sogar sogar “wirklich mit eigenen Augen sehen” könne – dramaturgisches Aufbauschen – ist nicht weiter ungewöhnlich. Interessant ist aber, dass die tatsächliche Erklärung der Beobachtung von den Verschwörungstheoretikern gleich mitgeliefert wird. Denn in der Fußnote heißt es, die “einschlägig bekannten Chemtrail-Debunker” würden bestimmt behaupten, es handele sich um eine Inversionswetterlage.

Nur um auch dies kurz zusammenzufassen: Inversionswetterlage bedeutet, dass nicht wie üblich die Temperatur der Luftschichten von unten nach oben abnimmt – was aufgrund der aufsteigenden wärmeren Luft sonst zu einer Vermischung der Luftschichten und damit zu Verwirbelungen führt. Bei einer Inversion (=Umkehrung) sind die oberen Luftschichten wärmer als die unteren und damit leichter. Deshalb bleibt die Durchmischung aus, was zu stabilen, von einander abgeschotteten Luftschichten führt. Das wiederum führt dazu, dass Dunst oder Schadstoffe in der unteren Luftschicht nicht in die obere Schicht transportiert werden sondern in der unteren bleiben. Bei kontinuierlicher Zufuhr – wie bei Abgasen – führt das zu einer zunehmenden Konzentration. Dieses Phänomen ist bekannt als Smog.

Aber auch bei natürlicher Luftfeuchtigkeit kommt es zu einer Anreicherung, die sich nicht durch die gewohnte Wolkenbildung sondern durch eine Nebel- oder Hochnebelschicht, die nach oben abgeschnitten zu sein scheint, ausdrückt.

Eigentlich wäre damit alles, was auf den Fotos zu sehen ist, erklärt. Aber Verschwörungstheoretiker passen systematisch alle Beobachtungen in ihre Verschwörungshypothese ein. Und deshalb wird die Inversionswetterlage zu einer künstlichen Aerosolschicht umgedeutet.

Wie geht man aus skeptischer Sicht am besten mit dieser Denkstruktur um?

Grundsätzlich ist die ganze Chemtrail-Geschichte derart abwegig und unrealistisch und dazu noch so dünn begründet – von “belegt” will ich garnicht reden -, dass man so etwas wohl am besten ganz ignoriert. Aber wenn man im Bekanntenkreis in eine solche Diskussion verwickelt wird, wenn man den Eindruck der Voreingenommenheit vermeiden möchte oder wenn man einfach Spaß daran hat, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, dann ist es jetzt angezeigt, die Behauptung, also die Umdeutung der Inversionsschicht als künstliche Aerosol-Schicht genauer zu überprüfen. Denn wer immer behauptet, auf den Bildern sei keine Inversionsschicht sondern ein künstlicher “Schild” aus “chemischen” Aerosolen zu sehen, muss in der Lage sein, die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Wie kann man einen künstlichen Aerosol-Schild von einer natürlichen Inversionswetterlage unterscheiden?
  2. Wie kann ein künstlicher Aerosol-Schild eine solche stabile Schichtung ausbilden, wenn garkeine Inversionswetterlage vorliegt?

Und zum Weiterdiskutieren kann man dann auch gleich einige praktische Fragen nachlegen:

  • Welche Masse hat ein solcher Aerosol-Schild eigentlich?
  • Wieviele Flugzeuge bräuchte man eigentlich, um ihn zu versprühen?
  • Wie lange ist er stabil und in welchem Takt müsste man die Sprühkampagne wiederholen, damit er permanent besteht?
  • Oder welchen Nutzen hat er eigentlich für die angeblichen Verschwörer, wenn man ihn einfach wieder verschwinden lässt?
  • Und passt das alles eigentlich zu der Anzahl der Flugzeuge, die im betreffenden Zeitraum in der betreffenden Region zu beobachten waren?

Es wäre schön, wenn die Verfechter der Chemtrail-VT ein bisschen mehr konkrete Daten vorlegen würden anstatt nur wahllos irgendwelche Beobachtungen als künstliches Aerosol umzudeuten.

Aber eigentlich war das garnicht das Thema. Interessant ist an dieser Geschichte wie gesagt, dass die Umdeutung wissentlich stattfindet, der Verschwörungstheoretiker also die tatsächliche Erklärung kennt und sogar offenlegt. Er spielt also gewissermassen einen verschwörungstheoretischen “Null Ouvert”.

Der Sinn dieses Manövers ist leicht zu durchschauen: Offensichtlich ist dem Autor klar, dass seine Behauptung binnen kurzem mit der realistischen Erklärung konfrontiert wird. Damit er selbst nicht als unwissend dasteht, nimmt er diese deshalb selbst vorweg und versucht, sie im gleichen Atemzug lächerlich zu machen und ihrerseits als Zeichen von Voreingenommenheit darzustellen. Dazu benutzt er einen altbewährten Trick: Er verknüpft sie mit einer anderen Erklärung, die er an anderer Stelle bereits lächerlich gemacht hat oder von der er annimmt, dass sie bei seinem Publikum als absurd angesehen wird. (In diesem Fall die, dass Chemtrails einfache Kondensstreifen seien.) Dadurch erhält die neue Behauptung (bei der Neblschicht handele es sich um eine Inversionswetterlage) ebenfalls den Anschein des Absurden.

Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Variante des Strohmann-Argumentes. Wer anzweifelt, dass es sich um eine künstliche Aerosolschicht handelt, zweifelt auch grundsätzlich daran, dass es Chemtrails überhaupt gibt. Die Besonderheit gegenüber dem üblichen Strohmann ist, dass auch dieser eigentlich nur innerhalb des eigenen Publikums als selbstverständlich angesehen wird. Aber wie jeder Strohmann erzeugt auch dieser beim Leser ein inneres Commitment. Und dies wird in diesem Fall so eingesetzt, dass es die Polarisierung zwischen Verschwörungstheoretikern und dem Rest der Welt verstärkt. Es zwingt den Leser, innerlich Farbe zu bekennen, zu welcher Partei er gehört.

Und damit ist es ein durchaus geschickter rhetorischer Winkelzug.

Soweit die Rhetorik. Wenn es darum geht, ernsthaft über eine vermeintliche Chemtrail-Verschwörung zu diskutieren, müssen die Verschwörungstheoretiker zuerst die gewaltigen naturwissenschaftlichen, logischen und praktischen Erklärungslücken in ihrer Verschwörungstheorie schließen. Vielleicht verirrt sich ja einer davon hierher und beantwortet die oben genannten Fragen. Das wäre zumindest ein Anfang.

Nachtrag: Wie aus einer Diskussion andernorts zu entnehmen ist, wurde die Ergänzung, die ich hier analysiere erst hinzugefügt, nachdem der Autor explizit auf die korrekte Erklärung hingewiesen wurde. So geschickt und vorausschauend wie ich dachte war es also wohl garnicht.

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Verschwörungstheorien ohne Erklärungswert

Eine Besonderheit der Chemtrail-Verschwörungstheorie ist, dass sie anscheinend besonders wenig Wert auf Schlüssigkeit und Erklärungswert legt. Verschwörungstheorien über den 11. September oder über das Kennedy-Attentat beharren immerhin darauf, angebliche Erklärungslücken in den “offiziellen Darstellungen” durch die Verschwörungshypothese besser füllen zu können. Die Verfechter der Chemtrail-Hypothese beschränken sich hingegen darauf,

  1. diverse Beobachtungen zu präsentieren,
  2. deren tatsächliche Erklärung zu ignorieren und
  3. sie zu Indizien für “Chemtrailing” zu erklären.

Ich hatte das kürzlich schon an einem anderen Beispiel verdeutlicht.

Gerne wird dem Phänomen im gleichen Atemzug mit der Umdeutung noch ein neuer, wirkungsvoller Name im Konspirationisten-Jargon gegeben. Ein schönes Beispiel dafür sind die (von den Konspirationisten) sogenannten…

Achterschleifen

“Sauberer Himmel” verlinkt das folgende Video als typisches Beispiel für eine “häufige Sprühvariante”, die “Achterschleifen”:

Die Erklärung ist simpel

Die sogenannte Wirbelschleppe ist gewissermaßen ein Abfallprodukt der Auftriebserzeugung. Wenn sich ein Flugzeug mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft bewegt, erzeugt es neben dem Auftrieb, der es fliegen lässt auch ein System aus zwei gegenläufigen, horizontalen Luftwirbeln, die es hinter sich herzieht.

Diese Wirbel können je nach Größe, Bauform und Geschwindigkeit des Flugzeuges sowie nach Wetterbedingungen mehr oder minder stabil sein. Die Wirbelschleppen herkömmlicher Verkehrsflugzeuge im Landeanflug können zwei bis drei Minuten weiter bestehen, nachdem das Flugzeug den betreffenden Punkt passiert hat.

In der Zivilluftfahrt sind Wirbelschleppen eine erhebliche Gefahr. Denn wie lange sie bestehen, ist schwer vorherzusagen. Und wenn ein Flugzeug in die Wirbelschleppe eines anderen fliegt, kann das – insbesondere in Bodennähe – zum Absturz führen. Deshalb wird in die Erforschung von Wirbelschleppen und in Messgeräte, die sie erfassen, viel investiert. Und die Zeitabstände, in denen am Flughafen Flugzeuge landen können, richtet sich wesentlich danach, wie lange ihre Wirbelschleppen brauchen, um sich aufzulösen.

In Kondensstreifen kann man die Wirbelschleppen häufig als Ausbuchtungen sehen.

Alles andere ist rein suggestiv

Die Chemtrail-VT benennt die Wirbelschleppen einfach in “Achterschleifen” um und behauptet, dies sei eine “Sprühvariante”. Dass sie dabei die naheliegende Erklärung unterschlägt, ist eine Sache. Das ist bei allen Verschwörungstheorien so. Im Gegensatz zu anderen macht sich die Chemtrail-VT aber nichtmal die Mühe, die Beobachtung zu erklären. Denn wie sollte die Sprühtechnik eine solche Verwirbelung erzeugen, wenn man die Wirbelschleppe ignoriert? Und wenn man diese nicht ignoriert, wo wäre dann die Besonderheit, die man nur durch das Versprühen von Chemikalien erklären kann?

Nebenbei: Da das Flugzeug im Video offensichtlich geradeaus fliegt, kann man wohl ausschließen, dass die Verschwörungstheoretiker das, was man in der Luftfahrt eigentlich als Achterschleifen bezeichnet, mit einer Sprühtechnik verwechseln.

 

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Beweisführungen in der Chemtrail-Szene

Das folgende Video ist eines von zahllosen, die als vermeintlicher Beweis für Chemtrails auf Youtube veröffentlicht und in der Conspiracy-Szene herumgereicht werden. Schauen wir uns doch einmal an, wie solche “Beweise” aussehen:

Nun, als Laie muss man zunächst folgendes konstatieren: Man sieht ein Flugzeug. Und das fliegt. Und es erzeugt dabei Kondensstreifen. Oder das, was – nach Lesart der Chemtrailer – landläufig dafür gehalten wird. Dann wird man vom Sprecher auf zwei Dinge aufmerksam gemacht:

  1. Der Kondensstreifen von Triebwerk Nr. 3 (das dritte von links) ist etwas dunkler als die anderen drei.
  2. In der Nahaufnahme sind die beiden Kondensstreifen auf der rechten Seite des Flugzeuges in ihrem Anfangsbereich, also dem Bereich direkt hinter der Düse, ungefähr solange er sich unmittelbar neben dem Flugzeug befindet etwas dunkler und etwas schwächer ausgeprägt als die auf der rechten Seite.

Stimmt, das ist so. Aber bevor wir in die Interpretation – die Chemtrailer belassen es ja wie üblich bei vagen Andeutungen – einsteigen, möchte ich ergänzend noch auf einige weitere Dinge aufmerksam machen:

  1. Die Sonne strahlt das Flugzeug von links an. (Das ist gut beim Herauszoomen zu erkennen.)
  2. Kondensstreifen bestehen aus Eispartikeln, an denen sich das Sonnenlicht bricht.

Könnte es sein, dass sich der vermeintlich rätselhafte Teil der beiden Kondensstreifen einfach im Schatten des Flugzeuges befindet und deshalb weniger kräftig leuchtet?

Und um den ersten Punkt nicht ganz außer acht zu lassen: Wenn ein Kondensstreifen etwas dunkler ist als andere, deutet das möglicherweise auf einen erhöhten Anteil von Rußpartikeln im Abgas des Triebwerkes hin. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann vorkommen, dass ein Triebwerk nicht richtig mir Kraftstoff versorgt wird und deshalb keine vollständige Verbrennung stattfindet. Es kann sein, dass ein Schmierstoff austritt und mit verbrannt wird. Es kann sogar sein, dass ein Triebwerk mal Feuer fängt. Dann sieht man zunächst eine Rußschleppe und dann das Löschmittel, das die Piloten in das Triebwerk sprühen.

Das sind zwar alles ungewöhnliche Vorkommnisse. Aber sie sind nicht übermäßig selten. Und sie sind nur in den seltensten Fällen gefährlich.

In dem Abschnitt, in dem wieder herausgezoomt wird, sieht man, dass der dritte Kondensstreifen nicht besonders von der Farbe der anderen abweicht sondern nur insgesamt etwas schwächer als die anderen ausgeprägt ist. Das bedeutet, dass er weniger Wasser als die anderen enthält. Das bedeutet wiederum, dass das betreffende Triebwerk weniger Treibstoff verbrennt, denn Kondensstreifen bestehen aus dem Wasser, das bei der Verbrennung im Triebwerk entsteht. Offenbar läuft es mit verminderter Leistung. Wahrscheinlich haben die Piloten es gedrosselt, um eine drohende Überhitzung zu vermeiden oder weil irgendeine technische Störung vorliegt.

Das Video als solches zeigt also nichts als Banalitäten, wie sie in der Zivil-Luftfahrt permanent vorkommen. Aber es lehrt uns etwas über die Art und Weise, in der die Chemtrail-Szene Scheinbelege produziert. Denn was besonders auffällt, ist, dass mit keiner Silbe auch nur angedeutet wird, weshalb die dokumentierten Beobachtungen denn eigentlich mit der Annahme einer Chemtrail-Verschwörung besser zu erklären wären.

Weshalb sollte es auf das Versprühen von Chemikalien hindeuten, wenn die Kondensstreifen aus unterschiedlichen Triebwerken unterschiedlich aussehen?

Weshalb wird eigentlich aus den Triebwerken versprüht, wo die Chemikalien ungeheurer Hitze ausgesetzt wären? Nur, weil man keine anderen Sprüheinrichtungen sieht?

Wenn angedeutet werden soll, dass Triebwerk 3 in Wirklichkeit eine als Triebwerk getarnte Sprühanlage ist – weshalb sind die Triebwerke dann unsymmetrisch angeordnet? Eine symmetrische Anordnung von Triebwerken und Sprühanlagen wäre weniger auffällig und würde zudem symmetrischen Schub gewährleisten.

Chemtrailer beantworten alle diese Fragen nicht. Sie weisen lediglich auf Dinge hin, die sie sich selbst nicht erklären können. Dass man sie im Rahmen ihrer Verschwörungstheorie noch viel weniger erklären kann, scheint sie dabei nicht zu irritieren.

Und dann wäre da noch Ockhams Razor: Mit Sonneneinstrahlung und einer kleinen, alltäglichen Unregelmässigkeit im Flugtriebwerk ist die Beobachtung erschöpfend erklärt. Wenn man die Allgemeinheit ernsthaft von einer großangelegten Verschwörung, die täglich Tausende von Flugzeugen starten lässt, um die ganze Menschheit zu vergiften, überzeugen will, muss man einfach ein bisschen mehr an Belegen zu bieten haben.

Bis jetzt habe ich keine besseren Belege für Chemtrails gefunden. Aber ich suche weiter. Versprochen.

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Chemtrails – Jetzt auch mit Planet X

Gestern Abend hat die Aktion “Sauberer Himmel” eine neue Variante der Chemtail-Verschwörungstheorie veröffentlicht. Zumindest für mich ist sie neu. Und sie ist durchaus bemerkenswert, weil sie zeigt, wie beliebig in der Conspiracy-Szene zuweilen Elemente aus diversen pseudowissenschaftlichen Behauptungen zusammengeworfen werden, nur weil es intern gerade passt.

Zitiert wird eine eMail eines ungenannten Chemtrail-Aktivisten, der zufolge es “denkbar” sei, dass “zur Zeit so viel gesprüht wird”, weil der bald vorbeifliegende Planet X dadurch getarnt und somit geheim gehalten werden soll.

Mal davon abgesehen, dass man sich spontan fragen sollte, wer genau eigentlich genau was davon haben sollte, die Existenz oder den Vorbeiflug eines ominösen Planeten geheim zu halten. Denn die Entdeckung eines Planeten ist normalerweise eine Sensation, die dem Entdecker viel Ruhm beschert. Normalerweise geistern eher verfrühte Berichte vermeintlicher Entdeckungen durch die Presse als dass sie gezielt geheim gehalten werden. Und mal ganz davon abgesehen, dass Florian Freistetter auf Astrodicticum Simplex längst schlüssig nachgewiesen hat, dass die Geschichten um Planet X nichts als blanker Unsinn sind.

Mal ganz von alldem abgesehen, wäre die große, allmächtige Weltverschwörung dabei nicht besonders effektiv. Denn in einem regenrischen Sommer wie diesem sind es vor allem mal die Wolken, die den Himmel “verhüllen”. Und trotzdem habe ich in den letzten Wochen abends auf meinem Balkon oder auch während meiner schmerzhaft vielen Zugfahrten in den ganz frühen Morgenstunden wunderschöne Impressionen des klaren Himmels beobachtet. Wenn diese Vermutung stimmt, dann ist das Hoffen auf schlechtes Wetter offensichtlich eine bedeutend effektivere Methode, einen Planeten geheim zu halten, als Chemtrailing.

Was ich übrigens überhaupt nicht beobachten konnte, waren die angeblich auffällig vielen und angeblich auffallend langlebigen Kondensstreifen, von denen bei den Chemtrailern die Rede ist. In den letzten Wochen gab es grob geschätzt durchschnittlich an einem Tag der Woche nennenswert Kondensstreifen. Und auch die waren weder ungewöhnlich langlebig noch ungewöhnlich zahlreich.

Ich würde sagen, das passt ganz gut zur üblichen Erklärung, dass langlebige Kondensstreifen nur bei 100% Luftfeuchtigkeit entstehen. Denn nach Wikipedia – und auch “Sauberer Himmel” zieht diese Daten als Argument heran –  liegt die Luftfeuchtigkeit in großer Höhe in 70% aller Fälle unterhalb 100%. Nun ja, ein Tag mit Kondensstreifen pro Woche ist davon nicht allzu weit entfernt. Und dass wir gerade einen sehr feuchten Sommer haben, kommt sogar noch dazu.

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